"Das ist Gewalt, das ist nicht Recht." Szenische Lesung über den Kirchenjuristen und NS-Gegner Friedrich von Praun

Friedrich von Praun
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Zum 76. Jahrestag der Verhaftung von Friedrich von Praun erinnert am Montag, 21. Oktober, 19.30 Uhr, in der Markuskirche die Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern erstmals öffentlich in München an ihren mutigen Kirchenjuristen. 

Als Ehrengäste nehmen mit Gabriele von Praun, Witwe eines Neffen Friedrich von Prauns, und den beiden Großneffen Christoph und Stefan von Praun die nächsten Angehörigen des NS-Verfolgten teil, dessen Ehe kinderlos geblieben war. Unter den Gästen befinden sich Nachkommen von KZ-Häftlingen und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Als Gestapobeamte Friedrich von Praun nach der Denunziation von regimekritischen Äußerungen am 18. Oktober 1943 in seiner Ansbacher Wohnung verhafteten, protestierte er: "Das ist Gewalt, das ist nicht Recht." Das Sondergericht Nürnberg leitete den Fall am 4. April 1944 wegen des Verdachts auf "Wehrkraftzersetzung" an den berüchtigten Volksgerichtshof in Berlin weiter, der zahlreiche Menschen wegen dieses Delikts zum Tode verurteilte. Am 19. April 1944 fand man den Kirchenjuristen morgens tot in seiner Zelle. Auch wenn Zweifel an der offiziellen Version berechtigt sind, so deutet doch alles daraufhin, dass sich Friedrich von Praun unter dem Druck der drohenden Hinrichtung selbst das Leben nahm. Er ist das einzige Todesopfer des Nationalsozialismus aus der Pfarrer- und Beamtenschaft der bayerischen Landeskirche. Nach der Gedenkveranstaltung zum 75. Todestag im April mit Regionalbischof Stefan Ark Nitsche im Nürnberger Justizpalast sprechen in München für die Kirchenleitung Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und Hans-Peter Hübner, Oberkirchenrat und Kirchenjurist.

Die Orte von Friedrich von Prauns Widerstand und Verfolgung liegen in Mittelfranken. 2012 hatte Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm den NS-Gegner in Ansbach in einem Gedenkgottesdienst gewürdigt und eine Gedenktafel am Dienstgebäude der Landeskirchenstelle enthüllt, das wenig später nach von Praun benannt wurde. Es gibt in der Biographie Friedrich von Prauns aber auch starke Bezüge zur Landeshauptstadt.

Friedrich von Praun lebte ab 1920 in München und arbeitete als Jurist in der zentralen Verwaltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Der Neubau des Verwaltungsgebäudes Arcisstraße 13 (heute Katharina-von-Bora-Straße) lag 1928/29 in seiner Zuständigkeit. Mit seiner Frau wohnte er in der Schellingstraße im Gemeindegebiet der Markuskirche, wo er sich ab 1929 ehrenamtlich im Kirchenvorstand engagierte.

Politisch hegte der konservativ-monarchistisch geprägte Friedrich von Praun zeitweise Sympathien für die völkische Bewegung. Ende 1943 erklärte er über seinen Anwalt: "Ich habe den Reichsmarschall Göring in den Jahren 1920 bis 1923 etwa durch den mit mir persönlich befreundeten Oberstlandesgerichtsrat von der Pfordten in München kennengelernt." Theodor Freiherr von der Pfordten war Jurist am Bayerischen Obersten Landesgericht, unterstützte schon früh die NSDAP und war an den Vorbereitungen des Hitler-Putsches beteiligt. Am 9. November 1923 wurde der Protestant im Feuergefecht am Münchner Odeonsplatz von der Bayerischen Landespolizei erschossen – von den Nationalsozialisten wurde er deshalb als einer der "Blutzeugen der Bewegung" verehrt. Doch es blieb nicht bei Begegnungen mit Hermann Göring: "Ich […] lernte dort in der Osteria Bavaria führende Männer der nationalsozialistischen Partei persönlich kennen, so den Führer selbst". Die Osteria Bavaria - heute Osteria Italiana -, Schellingstraße 62, war eine Künstlerkneipe, diente aber auch als Treffpunkt von Hitlers engstem Kreis. Der Kirchenjurist wohnte mit seiner Frau wenige Meter entfernt, Schellingstraße 66. Unklar bleibt, welchen Eindruck von Praun dabei von Hitler, Göring und den anderen gewonnen hat. 1949 schrieb Toni Günther an seine Witwe, dieser habe ihr im Sommer 1933 erzählt, dass er "in den Anfangsjahren mit Hitler und seiner Korona in einem Münchner Bräu einen Abend verbracht habe. Hitler hätte da dermaßen gelogen, dass er kein Vertrauen zu dessen Sache habe fassen können. Eine auf Lügen aufgebaute Partei sei mit dem Stempel des Verfalls gezeichnet." Im Dezember 1934 hatte er allerdings an seine Kirchenleitung geschrieben, dass er selbst "der Hitlerbewegung […] Jahre lang persönlich aufrichtig zugetan war". Im Münchner Protestantismus der Weimarer Republik war das eine verbreitete Haltung. Kirchenrat Hermann Lembert, von 1915 bis 1930 Erster Pfarrer der Markuskirche und Münchner Dekan, trat in seiner Predigt in der Markuskirche am 11. November 1923, dem Sonntag nach der Niederschlagung des Putsches, für Hitler ein. Ein Gottesdienstbesucher vermerkt in seinen Erinnerungen, dass "ihm aus der Gemeinde ein 'bravo' zugerufen wurde." 

1930 wurde Friedrich von Praun zum Leiter der neu errichteten Landeskirchenstelle in Ansbach ernannt. Dort kam es bald nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 zu ersten Konflikten. Der Jurist entwickelte sich zum entschiedenen NS-Gegner und Anhänger der Bekennenden Kirche. Im März 1934 initiierte er einen Protest der Kirchenleitung gegen antisemitische Aktionen der NSDAP in Ansbach. Alle Haushalte sollten sich per Unterschrift verpflichten, jegliche Kontakte mit Juden abzubrechen. Von Praun schrieb an den Landeskirchenrat in München: "Ich sehe mich verpflichtet, aus der bisherigen kühlen Reserve herauszutreten und um der Wahrhaftigkeit und des Rechtes willen persönlich eine Vorstellung bei [Regierungspräsident] Oberst Hoffmann zu erheben. Die Mitmenschen warten darauf, dass einer den Mut aufbringt, gegen diese Demagogie Widerstand zu leisten." Landesbischof Hans Meiser reagierte rasch. Im Namen des Landeskirchenrats richtete er am 29. März 1934 ein Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert (NSDAP), in dem er betonte, "in welch krasser Weise die Aufforderung zu der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schädigung der Juden den Gesetzen christlichen Handelns zuwiderläuft". Damit hat Friedrich von Praun den Impuls für einen der wenigen Proteste der bayerischen Kirchenleitung gegen die Judenverfolgung gegeben. 

Als die gleichgeschalteten Deutschen Christen (DC) Landesbischof Meiser vor 85 Jahren, im Oktober 1934 absetzten und er von der Polizei in seiner Dienstwohnung, Arcisstraße 13, arretiert wurde, stellte sich Friedrich von Praun hinter Meiser, lehnte eine Zusammenarbeit mit den DC ab und wurde ebenfalls amtsenthoben. Der "fromme Volksaufstand" gegen Meisers Absetzung führte nach wenigen Wochen zur Wiederherstellung der rechtmäßigen Kirchenleitung.

Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung steht eine Szenische Lesung aus Quellentexten aus dem Umfeld des politischen Verfahrens von 1943/1944 gegen Friedrich von Praun. Er selbst kommt zu Wort, seine Frau, aber auch an seiner Verfolgung beteiligte Nationalsozialisten vom Gestapo-Beamten bis zum Sonderrichter sowie die junge Frau, deren Aussagen den Kirchenjuristen schwer belasteten. Die von Kirchenrat Björn Mensing, promovierter Historiker und Pfarrer der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, recherchierten und kommentierten Texte tragen Adeline Schebesch und Jochen Kuhl vor, prominente Ensemblemitglieder des Staatstheaters Nürnberg. Musikalisch gestaltet das Arcis Cello Quartett den Abend mit Werken von Tomaso Albinoni, Claude Debussy, Frédéric Chopin, Samuel Barber, Maurice Ravel und Erik Satie. Hans-Henning Ginzel, Juri Kannheiser, Constanze Wolf und Nargiza Yusupova sind Absolventen der Hochschule für Musik und Theater München, die sich im ehemaligen NSDAP-"Führerbau" an der Arcisstraße, unweit der Kirchenleitung, befindet. 

Der Eintritt ist frei. Man kann an dem Abend auch ohne Anmeldung kommen, allerdings bittet das Landeskirchenamt für die Vorbereitung des Empfangs (mit Imbiss) im Anschluss an die Szenische Lesung um Anmeldung: Antwort-Abt.E@elkb.de

Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Pfarrer und Historiker
Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit