Valentinstag, Liebe und andere Erfahrungen

Evangelische Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk, Bayern 1
16. Februar 2014

Haben Sie, liebe Hörerin, vorgestern Ihrem Liebsten eine gravierte Whiskeykaraffe oder einen Sieger- Pokal mit der Inschrift „Dem besten Mann der Welt“ geschenkt? Und Sie, lieber Hörer, dachten Sie daran, Ihrer Herzensdame eine Kuscheldecke mit Ärmeln, wahlweise einen personalisierten Liebesroman oder einen Diamant mit Herz zu überreichen? Nein? Ich auch nicht. Vorgestern war Valentinstag und die Geschenkeindustrie ist mit ihren Ideen zu Hochform aufgelaufen. Die Blumenläden waren überfüllt und Süßigkeiten fanden reißenden Absatz.

Es ist schön, denen, die man liebt, Präsente zu machen. Aber eigentlich sollten sie aus dem Herzen kommen – und nicht von Werbung gesteuert sein, um dann den Nippes in der Wohnung um ein überflüssiges Trumm zu vermehren. Blumen verwelken wenigstens und Schokolade kann man essen; wenn sie allerdings auch bleibende Folgen hat, sollte man einen Blick auf die Waage werfen. Scherz beiseite: Valentinstag – Tag der Liebe. Tag der Paare. Schauen wir doch mal, was es mit diesem Valentin auf sich hat – und mit der Liebe, der diese Morgenfeier gewidmet ist.

Ganz früher, in der Antike, hat man gerne Mitte Februar das Fest des römischen Gottes der Hirten und der Fruchtbarkeit gefeiert. Lupercus, Wolfsabwehrer, hieß er. Dabei hat man allerlei Reinigungs- und Fruchtbarkeitsriten veranstaltet. Angeblich haben verheiratete Frauen sich den Priestern in den Weg gestellt, und sich von ihnen mit Fellriemen in die Hand schlagen lassen. Davon erhofften sie sich Segen für ihre Ehe. Eine etwas merkwürdige Vorstellung. Zugleich wurden junge Leute durch eine Art Liebeslotterie zueinander gewürfelt.

Sie haben sich gegenseitig etwas geschenkt und lebten ein Jahr lang wie Verlobte. Vermutlich war das die Chance, einem nicht so berauschenden Zufallstreffer wieder zu entkommen. Ich hoffe es… Irgendwann, so heißt es, hat unsere katholische Schwesterkirche diesen Brauch abgeschafft. Statt der Liebeslose haben die jungen Männer und Frauen Zettel mit Namen christlicher Heiliger gezogen. Die sollten ihnen als Vorbild für einen vernünftigen Lebenswandel dienen. Mir gefällt das entschieden besser.

Die eigene Frau, den eigenen Mann in der Lotterie zu ziehen, kann ich mir nicht als sinnvoll vorstellen – auch wenn ich meinen tatsächlich als das große Los betrachte. Aber in der Liebe gehört zum Gefühl schon auch der Verstand, sonst ist es mit der Partnerschaft bald vorbei. Der große evangelische Philosoph Hegel hat gesagt: „Soll das Gefühl wahr sein, so muß Vernunft darin sein. Ja, es muß dieses Gefühl selbst aus Überzeugung und Einsicht hervorgegangen sein.“ Es gehört schon eine gehörige Portion Kopf dazu, wenn man eine dauerhafte Ehe führen möchte.

Aber was ist jetzt mit unserem Valentin, nach dem der Valentinstag genannt ist, der Tag der Liebenden? Es gab einen Valentin, Bischof von Terni, einer Stadt in der wunderschönen italienischen Provinz Umbrien. Geschichten erzählen, dass die jungen Leute selber keine Liebeslotterie mehr wollten – sondern die Partner, die sie liebten. Deshalb gingen sie nach eigener Entscheidung zu Bischof Valentin und ließen sich von ihm christlich trauen. Diese Beziehungen sollen besonders glücklich gewesen sein.

Valentin hat sich für Liebende eingesetzt, wenn ihre Angehörigen gegen die Verbindung waren. Valentin, ein begeisterter Hobbygärtner, hat den Hochzeitspaaren und anderen verliebten Menschen Blumen geschenkt. Außerdem begeisterte er Menschen für den christlichen Glauben. Und wie es so ist – all diese munteren Aktivitäten gefielen dem damaligen Kaiser Claudius gar nicht. Er wollte keine nachdenklichen und nachfragenden Christen, er wollte keine Friedensapostel und treu sorgende Familienväter, sondern folgsame Soldaten, zum Sterben bereit.

So ist es mit der Liebe – das hat Claudius erkannt, auch wenn er die völlig falschen Konsequenzen gezogen hat: Sie hat eine Mauern sprengende Kraft. Sie überwindet die größten Hindernisse – und sie will Frieden. Frieden zwischen zwei Menschen, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft und weltweit. Wer wirklich liebt, der kann nicht hassen. Das merkt man an Terroristen, die uns die Droh- Botschaft zukommen lassen: „Ihr liebt das Leben – wir lieben den Tod!“ Ja, wir lieben wie Valentin das Leben, das uns Gott geschenkt hat – und die Liebe dazu.

Valentin wurde am 14. Februar 269 wegen seines christlichen Glaubens enthauptet. Angeblich hat er kurz davor der Tochter seines Gefängniswärters noch einen Liebesbrief geschrieben – das ist fast so wie Luther, der gesagt hat, dass er auch dann noch einen Apfelbaum pflanzt, wenn am nächsten Tag die Welt untergeht. Das ist Liebe zum Leben! Man kann gar nichts gegen den Valentinstag haben, wenn man sich merkt: Das war ein Mann, ein aufrechter Christ mit Sinn für Ästhetik, für das Schöne und vor allem für die zarten Gefühle.

Zarte Gefühle: Unsere orthodoxen Glaubensgeschwister feiern in diesen Tagen das Fest der Darstellung des Herrn. Maria und Josef bringen, wie es damals Brauch war, das zarte, kleine Jesuskind vierzig Tage nach seiner Geburt in den Tempel. Es wird dargestellt, man könnte auch sagen, Gott vorgestellt. Simeon und Hanna, zwei weise alte Menschen, zwei lebenserfahrene Propheten, treffen auf die junge Familie. Beide sind begeistert! Sie sind entzückt: Das ist Jesus – die Mensch gewordene Liebe Gottes.

Gott zeigt sich im Kleinsten, Feinsten, das es gibt – einem Kind. Einem Kind, das gemeinhin der Zuneigung zweier Menschen entspringt, ihrer Leidenschaft. Jesus, der Sohn Gottes, verkörpert himmlische Liebe. Sie gilt den Singles, den frisch Verliebten, denen, die um ihr Glück kämpfen und den alt gedienten Paaren. Dieses Kind versinnbildlicht Liebe – ob man allein ist, zu zweit oder Familie hat. Es passt also schön zusammen: Die Darstellung des göttlichen Kindes und die Erinnerung an Valentin, der diesem Kind nachgefolgt ist. Bis in den Tod.

Bis dass der Tod Euch scheidet, sagt man bei einer Trauung. Zwei wollen zusammen bleiben und gemeinsam die tiefen Täler, die Abgründe des Lebens durchschreiten, die sich unweigerlich einstellen. Und das ist der größte Trost, der einem im Leben widerfahren kann: Mir steht ein Mensch zur Seite, mit dem ich durch dick und dünn gehen kann. Manchmal fehlt dieser eine Mensch – es gab ihn nie oder man hat ihn verloren. Dafür können es Freunde sein, die einem helfen, das Schöne zu feiern und das Schwere zu tragen. Denen man selber beisteht.

Das ist etwas ganz anderes als Eigenliebe. Der Jüngling Narcissus etwa, so erzählt die antike Sage, war so schön, dass sich alle jungen Frauen und Männer in ihn verliebten. Er jedoch wollte sich niemandem hingeben. Ein verschmähter Liebhaber betete deshalb rachsüchtig zu Nemesis, der Göttin der Vergeltung. Sie bewirkte, dass sich Narcissus in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das ihm aus einer klaren Quelle entgegensah. Fortan versuchte er vergeblich, unter Weherufen sein Bild im Wasser zu umarmen.

Narzissten nennt man Menschen, die ganz auf sich selbst bezogen sind und voller, durchaus auch erotischer Eigenliebe stecken. Altrocker Udo Lindenberg hat die intensive Zuwendung zur eigenen Person in einen Song umgesetzt, dessen Schlussrefrain zeitlos ist: „Da lieb´ ich mich erstmal selber / ich lieb´ mich einfach unvorstellbar / drum prüfe, bevor man sich so radikalo bindet / dass man sich selber erstmal spitze findet / ja, der Trick ist, das begreif ich schnell / nicht hetero-, nicht homo-, sondern autosexuell.“

Der Trick soll vor Liebesleid bewahren, das einem in Beziehungen zu anderen immer droht. Und wahrscheinlich gar nicht zu vermeiden ist. Denn wer liebt, gibt etwas von sich preis, zeigt sich, offenbart sich. „Je mehr einer liebt, desto verwundbarer wird er.“, meint der Theologe Jürgen Moltmann. Sage, Song und Sentenz ergänzen sich. Niemand bringt es fertig, ehrlichen Herzens seinen Nächsten, seine Nächste zu lieben, ohne mit sich grundsätzlich im Einklang zu sein oder zumindest unverdrossen an Veränderungen zu arbeiten.

Die größten Meckerfritzen sind die, die sich selber hassen und an sich leiden. Liebe zu anderen Menschen setzt voraus, dass Mann und Frau sich akzeptieren, sich richtig mögen mit allem, was zu ihnen gehört. Lieben kann nur, wer auch vermag, mit sich alleine glücklich und zufrieden zu sein. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bezeichnet Jesus als eines der beiden größten Gebote. Trotz dem entschiedenen Plädoyer für Selbstliebe: Sie gehört mit der Nächstenliebe zusammen, sonst schmerzt irgendwann der aussichtslose Versuch, sich selber zu umarmen.

Sogar der Weg ins eigene Innere, die geistliche und geistig-seelische Selbstwerdung braucht andere Menschen, denen man zugetan ist und die einem als Freunde, Pfarrer oder Therapeutinnen die nötigen Impulse dafür liebevoll geben. Ein Mensch kommt zu sich selbst, indem er oder sie sich einem Gegenüber zuwendet – ohne deshalb erotisch-sexuelle Liebesbeziehungen zu anderen haben zu müssen. Jede partnerschaftliche, freundschaftliche Kommunikation kann voller Liebe sein. Was täte ich ohne meine Freundin, der ich alles sagen darf…

Franz Kafka hat in einem Brief an die Geliebte geschrieben: „Liebe ist, dass du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“ Solche etwas einseitige Erfahrung spiegelt immerhin einen Teil der Realität wider. Liebe ist nicht ohne Schmerzen zu haben – dabei muss der oder die andere gar nicht willentlich verletzen. Unverwechselbare, einzigartige Individuen, die sich liebend begegnen, werden notwendigerweise an Grenzen stoßen – an die des anderen, an die eigenen. Die Liebe erträgt, glaubt, hofft und duldet alles, sagt Paulus.

Das setzt voraus, dass es allerhand zu ertragen, glauben, hoffen und dulden gibt. Wer wüsste es nicht. Es gehört zu einer vernunftgemäßen Betrachtung der Liebe dazu, dass man weiß: Es gibt nicht nur Wolke Sieben und rosarote Zeiten. Es gibt Krach, weil der andere den Müll nicht runterträgt, vergisst anzurufen, dass er später kommt oder die Blumen für die Schwiegermutter zu kaufen. Man streitet sich, weil eine dem anderen dauernd ins Wort fällt, alles besser weiß oder die Kühlschranktür offen lässt.

Liebe zerbricht, wenn man ihre Anfechtung absolut setzt. Wenn man Sätze sagt, die „du“ und „immer“ oder „nie“ enthalten: Du hörst mir nie zu. Du kritisierst mich immer. Du lässt mich nie in Ruhe lesen. Du stellst mich immer vor anderen bloß. Solche Sätze lassen keine Ausnahme zu, sie zeigen, dass das Miteinander lieblos geworden ist, weil man den anderen Menschen gnadenlos festnagelt. Du immer, du nie. Das kann das Todesurteil für die Ehe, für die Partnerschaft sein. Es muss aber nicht so sein.

Drei Dinge helfen: Humor, Gedächtnis und Gottvertrauen. In einem Witz heißt es: „Eva schreit Adam an. `Du bist immer anderer Meinung als ich!´ Und Adam sagt: `Zum Glück. Sonst hätten wir ja beide unrecht´.“ Es hilft, wenn man sich zum Lachen bringt – wenn man sich liebevoll selber und ruhig den anderen auch auf die Schippe nimmt. Gemeinsam lachen ist fabelhaft – gerade, wenn man mit hochrotem Kopf wie der Affe auf die Palme geklettert ist. Dann kann man beruhigt wieder herunter kommen. Neben dem Humor braucht es ein gutes Gedächtnis.

Wenn man tobt, weil der andere sich mal wieder als superunpraktisch erweist, keinen Nagel in die Wand bringt und null Ahnung hat, wo die Glühbirnen sind – dann fragen Sie sich: Hatten Sie sich damals in einen Handwerker verliebt oder in den kunstsinnigen Gourmet? Oder umgekehrt: Sie schwärmten für den Handwerker und nicht den Schöngeist! Wenn sie lästigerweise auf ihrer Ansicht beharrt – hat Ihnen damals nicht gerade diese energisch, selbstbewusste Frau gefallen, die Gott sei Dank so gar kein Hascherl ist? Na bitte. Sie haben, was Sie wollten.

Der andere kann einem nicht alles sein, das geht nicht. Erinnern Sie sich an das, was Sie früher fasziniert hat. Schauen Sie hin: Es ist immer noch der charmante, überall beliebte oder eben der eher zurückhaltende Mann, der Feste nicht so gern mag und nach zwei Stunden wieder heim will. Sie hat nach wie vor Lust, stundenlang still zu lesen, mit ihren Freundinnen zu telefonieren und will dabei nicht angesprochen oder unterbrochen werden. Oder sie möchte jederzeit alles von Ihnen wissen, weil sie sich für Sie interessiert: Wie war dein Tag? Was denkst du?

Wir brauchen für unsere Ehen und Partnerschaften Humor, ein gutes Gedächtnis und Gottvertrauen. Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass nicht alles aus eigener Kraft werden kann oder muss. Es ist gut, sich darauf zu verlassen, dass unsere Partnerschaften und Familien, mit ihren wunderbaren und den dunklen Seiten, von Gott bejaht und gehalten sind. Die gemeinsame Stärke, die Valentinstage unseres Lebens brauchen nicht aus uns allein kommen. Gott als der Dritte im Bunde hilft, dass wir mit vereinten Kräften das gemeinsame Leben bewältigen können.

Im alttestamentlichen Hohenlied Salomos heißt es: „Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.“ (Hld. 8,6) Der Apostel Paulus schreibt, dass die Liebe das Größte ist – größer noch als Glaube und Hoffnung. Zwischen beiden Aussagen liegt eine tiefe Erschütterung der Wahrnehmung von Diesseits und Jenseits: Gott wird Mensch. Er spiegelt sich nicht narzisstisch in seinen ebenbildlichen Geschöpfen, bleibt nicht auto-göttlich, sondern nimmt menschliche Gestalt an und geht in menschliche Existenz ein.

Das ist wirklich der Gipfel. Personifizierte Liebe riskiert und erfährt, was sie immer wieder erfahren muss - Verwundung und Leiden. Wir kennen das. Auch Valentin ist für seine Liebe zu den Menschen gestorben, deswegen, weil er ihnen diese umwerfende göttliche Liebe nahe bringen wollte. Gott ist Liebe, Liebe ist göttlich. Gott wird gemartert, Liebe bekommt Fußtritte. Die Liebe stirbt, Gott mit ihr. Umzubringen ist er nicht. Die Auferstehung des wahren Menschen und wahren Gottes ist ein Fanal für die Dauer der Liebe. Liebe stark wie der Tod. Und der Alltag?

Erich Fromm hat es trefflich beschrieben. Wahre Liebe braucht Menschen, die ihre Abhängigkeit, ihre narzisstischen Allmachtsgefühle und den Wunsch, andere auszubeuten, überwunden haben. Liebe braucht Menschen, die bescheiden und zuversichtlich an ihre gottgegebenen eigenen Kräfte glauben und auf sie vertrauen. Wer liebt, sorgt sich um das Leben und Wachstum anderer Menschen. Er oder sie übernimmt Verantwortung, gibt Antwort auf die artikulierten oder stummen Bedürfnisse des Gegenübers.

Wer liebt, achtet die Person des geliebten Menschen und seine Individualität. Wer seinen Mann, seine Frau liebt, lässt ihn und sie auf eigene Weise wachsen und sich entfalten. Es ist doch ein Wunder, wenn man in der Ehe erleben darf, dass der andere noch unentdeckte Seiten hat. Sie mögen einem nicht alle gefallen – solange sie zu dem gehören, was ihn im guten Sinne ausmacht, sollten sie willkommen sein. Zur Liebe gehört die einfühlsame Erkenntnis des Partners, der Partnerin – ohne ihm oder ihr das wunderbare Geheimnis seiner Person entreißen zu wollen.

Der Valentinstag ist vorbei. Für viele sind es die rosaroten Zeiten des Anfangs, der Rausch der Verliebtheit auch. Das macht gar nichts. Jetzt ist Raum dafür, die wahre Liebe mit allen Sinnen und dem Verstand auszukosten. Sich in Ruhe auszubreiten mit allen guten, den nachdenklichen und neuen Gefühlen füreinander. Luther schreibt seinem Freund Spalatin: „Du sollst, wenn du mit deiner Frau zusammen bist und sie umarmst, dabei so denken: Dieses Menschenkind, dieses wunderbare Geschöpf hat mir mein Christus geschenkt. Ihm sei Lob und Ehre.“ So ist es. Amen.

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