Und die Kaufleute auf Erden werden weinen

Predigt am Palmsonntag über Offenbarung 18,1-3.9-17 zur Fastenpredigtreihe „Reformation und Politik“ im Berliner Dom
13. April 2014

1Danach sah ich einen andern Engel herniederfahren vom Himmel, der hatte große Macht, und die Erde wurde erleuchtet von seinem Glanz.
2Und er rief mit mächtiger Stimme: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister und ein Gefängnis aller unreinen Vögel und ein Gefängnis aller unreinen und verhassten Tiere.
3Denn von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Könige auf Erden haben mit ihr Hurerei getrieben, und die Kaufleute auf Erden sind reich geworden von ihrer großen Üppigkeit.
9Und es werden sie beweinen und beklagen die Könige auf Erden, die mit ihr gehurt und geprasst haben, wenn sie sehen werden den Rauch von ihrem Brand, in dem sie verbrennt.
10Sie werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual und sprechen: Weh, weh, du große Stadt Babylon, du starke Stadt, in einer Stunde ist dein Gericht gekommen!
11Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen um sie, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird:
12Gold und Silber und Edelsteine und Perlen und feines Leinen und Purpur und Seide und Scharlach und allerlei wohlriechende Hölzer und allerlei Gerät aus Elfenbein und allerlei Gerät aus kostbarem Holz und Erz und Eisen und Marmor
13und Zimt und Balsam und Räucherwerk und Myrrhe und Weihrauch und Wein und Öl und feinstes Mehl und Weizen und Vieh und Schafe und Pferde und Wagen und Leiber und Seelen von Menschen.
14Und das Obst, an dem deine Seele Lust hatte, ist dahin; und alles, was glänzend und herrlich war, ist für dich verloren und man wird es nicht mehr finden.
15Die Kaufleute, die durch diesen Handel mit ihr reich geworden sind, werden fernab stehen aus Furcht vor ihrer Qual, werden weinen und klagen:
16Weh, weh, du große Stadt, die bekleidet war mit feinem Leinen und Purpur und Scharlach und geschmückt war mit Gold und Edelsteinen und Perlen,
17denn in einer Stunde ist verwüstet solcher Reichtum!
(Offenbarung 18, 1-3.9-17)


Liebe Domgemeinde,

kraftvoll, schwelgerisch-erschreckend, schaurig-schön und wuchtig ist dieses Bibelwort aus der Offenbarung des Johannes. Umwerfend faszinierend wie ein mittelalterliches Gemälde oder ein Weltuntergangsfilm aus Hollywood-Produktion. Was ist das denn für ein Teufelsort, Babylon, an dem geprasst und gehurt, an dem ein Kapitalismus reinsten Wassers genauso hochgezogen wurde wie menschliche Schweinereien in den Abgrund führten. Ein Ort, der jetzt in Trümmern liegt, in Rauch aufgeht...

Babylon heißt übersetzt „Tor Gottes“, eigentlich ein wunderbarer, verheißungsvoller Name. Eine prächtige Stadt im Gebiet des heutigen Irak, die zweimal in ihrer Geschichte die größte der Welt war.  Angeblich gab es in Babylon auch die Hängenden Gärten der Semiramis, einen zauberhaften terrassenförmig angelegten Garten. Babylon, eine attraktive Hauptstadt voller Sensationen, lebens- und liebenswert, Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt.

Und dann wird das Tor Gottes zum Einfallstor für den Teufel. Denken wir an die Geschichte vom Turmbau zu Babel, der zur babylonischen Sprachverwirrung führt. Menschen wollen den Himmel stürmen und gehen dabei zu Boden. Babel ist im Alten Testament kein geographischer Ort, sondern ein Sinnbild für menschliche Hoffart und Arroganz, für den urmenschlichen Willen, sich an Gottes Stelle zu setzen und sich statt seiner zu Herren der Welt zu machen, zu den „masters of the universe“, wie sich die Wall Street Banker nannten.

Dann, auch eine alttestamentliche Erfahrung, gerät das Volk Gottes in das babylonische Exil – das jüdische Volk und seine Oberschicht werden aus Jerusalem in das reale Babylon deportiert. Dort geht es den Juden recht ordentlich, sie bekleiden durchaus angemessene Positionen in der Gesellschaft. Und doch ist Babylon wieder ein Synonym – für die Gefahr, den eigenen Glauben zu verlieren und moralisch unterzugehen in einer Welt anderer Gebräuche und Sitten.

Im Alten und im Neuen Testament ist die Attacke auf Babylon kein Angriff auf eine konkrete Stadt. Babylon – das ist menschliche Verkommenheit, wirtschaftliche Korruption, soziale Ungerechtigkeit, gesellschaftlich-staatliche Dekadenz. Babylon ist ein „vampirisches System“, wie der Reggae-Musiker Bob Marley und andere Rastafari sangen – eines, zu dem die Unterdrückung und Marginalisierung von Minderheiten gehört.   

Und dieses Babylon geht in Stücke. Das kann einem nicht Leid tun – denn die Alternative zu einem kompletten moralischen Verfall auf allen Ebenen einer Gesellschaft ist ja nur erfreulich: Anstand, Bescheidenheit, Fairness, Gerechtigkeit, Verantwortung. Aber da ist eine Gruppe in unserem Bibelwort, die jammert, weil es mit dem bisherigen maroden System zu Ende geht. Es sind die Profiteure einer Politik, die das Recht des Stärkeren propagiert. Ich erinnere:

„Und die Kaufleute auf Erden werden weinen und Leid tragen, weil ihre Ware niemand mehr kaufen wird: Gold, Silber, Edelsteine…“ Und – die schrecklichste Ware – „Leiber und Seelen von Menschen“. Das zeigt, worum es eigentlich geht. Es ist nicht von ehrbaren Kaufleuten die Rede, von denen es Gott sei Dank viele gibt. Das weiß ich und ihnen gilt mein ausdrücklicher Dank – für all ihre Kreativität, ihr Pflichtgefühl und ihre Umsicht.

Danke, denn es ist ja schön, solide einkaufen und sich vernünftig, erfreulich ausstatten zu können, mit allem, was man braucht. Angeprangert werden die, die ihre Gewinne aus dem Elend anderer ziehen, denen es egal ist, wem sie was verkaufen und sogar, wen sie verladen, gar verkaufen mit Leib und Seele. Dagegen ist es aber unsere Pflicht, als reiches Land den ärmeren zu helfen: Afrika etwa braucht vielfältige Unterstützung – auch durch neue Zugänge zu den Märkten.

Die Globalisierung, per se nichts Schlechtes, Kirche ist von Anfang an global player, muss allen Menschen zu Gute kommen. Das bedeutet mehr Gerechtigkeit, etwa fairer Handel, anständige Arbeitsbedingungen weltweit, keine Kinderarbeit. Kinder und Jugendliche müssen weltweit ihr Recht auf Bildung und Gesundheit einklagen können. Alle Menschen sollen in ihren Ländern so leben können, dass es ihnen dort gut geht. Gerechtigkeit weltweit ist kein Almosen, sondern Ausdruck von Klugheit.

Es darf etwa keine Privatisierung von Gesundheit und Wasser geben: Fast 900 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und insgesamt mehr als 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitärer Grundversorgung. Etwa 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jedes Jahr wegen dieser Missstände. Babylon geht zu Grunde. Wir haben unsere Finanzkrise 2008 gehabt. Schlimmere könnten uns bevorstehen.

Dann, wenn man kritischen Kaufleuten und Bankern glaubt, die verzweifelt darüber sind, dass viele Kollegen nichts aus dem Desaster gelernt haben. Erst neulich hat mir einer dieser wehrbaren Kaufleute zutiefst besorgt geschrieben. Ja, gefährliche Produkte sind verboten, Boni begrenzt und Banken verpflichtet, mehr Eigenkapital zu halten. Aber es gibt Finanzwetten, deren Wert zehnmal so hoch ist wie alles, was in der Welt jährlich an Waren hergestellt wird. Unfassbar.

Die Kaufleute werden weinen. Wir auch, wenn neue Blasen platzen und unser Geld immer weniger wert wird. Andere weinen, die in anderen Teilen der Erde unter unsagbarem Elend leiden und den einzigen Ausweg in der Flucht sehen. Babylon geht zu Grunde. Aber das muss nicht sein! Reformation und Politik, reformatorische Politik, politische Reformen verlangen danach, ökonomische Verhältnisse zu überprüfen und so zu gestalten, dass wirtschaftliche Erfolge allen zugute kommen. Wie kann Babylon zu einer prosperierenden, gerechten Weltstadt werden?
 
Zuerst heißt es begreifen, dass das eigene Verhalten nicht nur einen selbst betrifft, sondern auch andere. Man muss sich in einem Gemeinwesen verständigen, damit entsteht, was das alte Wort „Sittlichkeit“ meinte - eine menschenwürdige Gesellschaft. Es braucht wieder das Wissen um Anstand und die alte Feststellung: „Das tut man nicht“. Es ist ein Skandal, wenn es Boni bei gleichzeitigem Zuschuss von Steuermitteln gibt. Wie wäre es, bei höchsten Gehältern mit dem Privatvermögen zu haften?

Wir brauchen eine gesunde Relation von Verdienst und Verantwortung: Denken wir nur an die Unterschiede zwischen Krankenschwestern, Erziehenden, Polizisten und Managern. Wie wäre es, wenn ein Manager oder Banker höchstens zehnmal mehr bekommt, als das niedrigste Einkommen in seiner Firma beträgt? Das wäre immer noch reichlich, würde der hohen Verantwortung einer solchen Aufgabe gerecht, wäre aber deutlich mit Bodenhaftung verbunden.

Auf Neiddiskussionen können wir verzichten. Dennoch stellt sich die Frage: Wer dient womit dem Gemeinwesen und verdient deshalb was? Wir brauchen eine Kultur der Solidarität, ein Nein zu allen politischen Rattenfängern, die Kapital (!) schlagen, aus der Not der Menschen auch in unserem Land. Wir brauchen ein Ja zur Demokratie und zur sozialen Marktwirtschaft, die eben nicht vom anything goes bestimmt ist, vom „alles geht“.

Unternehmerisches Handeln verbindet sich mit positiven Eigenschaften. Es steht für Erfindungs- und Entdeckergeist. Erfolgreiches Wirtschaften braucht geistige Voraussetzungen wie Vertrauen, Fairness, Wahrung von Chancengleichheit und Transparenz, Anstand. Erfolg heißt nicht einfach kurzfristiger Gewinn. Luther sagte: „Es soll nicht so heißen: Ich mag meine War so teur geben, als ich kann oder will, sondern also: Ich mag meine War so teur geben, als ich soll oder als es recht und billig ist“.

Zum Unternehmertum gehört, das Risiko einer Investition einzugehen und widrigenfalls Misserfolg und Verlust zu tragen. Insofern kann der Gewinn nicht vor allem in Führungsetagen verbleiben, negative Folgen vor allem von der Belegschaft durch Lohnkürzungen, längere und immer flexiblere Arbeitszeiten oder gar Arbeitsplatzabbau kompensiert oder durch Rettungsschirme ganz vergesellschaftet werden.

Martin Luther sagte: Jede sinnvolle Tätigkeit ist wahrer Gottesdienst, hat geistliche Qualität. Das wertet Beruf als Berufung erheblich auf, auch den der Kaufleute. So wird Schaffenskraft frei, die wirtschaftlichem Handeln zugute kommt. Zugleich bedeutet es Verantwortung für Arbeitgebende wie -nehmende. Arbeit ist nicht allein Mittel zum Geldverdienen. Das merkt man, wenn sie einen innerlich erfüllt. In dem, was Menschen tun, verwirklichen sie sich selbst und das, was ihnen als Talent und Charisma mitgegeben ist.

Manche Arbeitsplätze sind so beschaffen, dass man davon nicht reden kann. Wir brauchen geistvolle Ideen, um sie so zu verändern, dass Fähigkeiten die Arbeit mehr bestimmen können. Nebeneffekt wäre, dass sich Produktivität steigert, wo Menschen gemäß ihrer Möglichkeiten eingesetzt sind. Mit Luthers Verständnis vom Beruf ist die Basis gegeben für Wertschätzung dessen, was Menschen in Verantwortung vor Gott und ihren Mitmenschen tun. Das muss Folgen haben.

Anerkennung ist darum ein wichtiger Wert, der Erfolg sichert. Anerkennung drückt sich aus im Lob für das, was gelungen ist. Sie drückt sich auch in der Höhe des Lohnes aus, den man für seine Leistung bekommt. Darin, dass man Männer und Frauen für die gleiche Art von Tätigkeit auch gleich bezahlt. Ökonomie ist Hausverwaltungslehre. Aber die Wirtschaft ist nicht das einzige Haus, das es zu bestellen gilt. Die üblichen Marktkriterien sind kein letzter Maßstab.

Leben lässt sich nicht unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit, des Nutzens gestalten. Wir werden es in der Gesellschaft immer wieder mit Menschen zu tun haben, die durchs Netz gefallen sind, die einen Haufen Geld kosten. Das anzuerkennen gehört zum Wirklichkeitssinn des christlichen Glaubens schlicht dazu – und ist notwendig, damit Babylon nicht brennt, sondern lebt, floriert, dass Leiber und Seelen nicht gnadenlos ruiniert und verkauft werden.

Babylon brennt, Menschen verbrennen, leiden unter Burn Out, wenn sie ständig agieren und funktionieren. Der Sonntag, der erste Tag der neuen Woche, vergewissert nach unserem Glauben den Menschen, dass er für Gott ohne jede Vorbedingung unendlich wertvoll ist. Die Liebe Gottes gilt dem Menschen, bevor er oder sie selber etwas tut. Er verlangt nichts für seine Zuneigung, aber er gibt alles für sie. Unser Grundgesetz schützt diesen Sonntag als Tag der „Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“.
 
Er dient nicht allein dem Feiern von Gottesdiensten. Es gehört zur Humanität einer Gesellschaft, Zeiten der Arbeitsruhe verlässlich zu gewährleisten – auch, um der zunehmenden Ökonomisierung des Lebens zu wehren. Der Sonntag signalisiert: Die Würde des Menschen besteht keinesfalls darin, Mittel zum Zweck, allzeit bereiter Leistungsträger zu sein.
 
Babylon liegt in Trümmern, weil die einen sich auf Kosten der anderen bereichert haben, weil die einen in Saus und Braus gelebt haben und die anderen am Hungertuch nagten. Luther meint: „Im Volk Gottes soll keine Armut und Bettelei sein, […] Armut und Bettelei soll es erst gar nicht geben“. Zu idealistisch, bloß ein Traum? Nein, es sind die hohen Ideale und unsere Träume, die uns bewegen, das Beste für andere und uns selbst zu suchen, damit Städte und Dörfer, damit Länder blühen.

Verantwortung beginnt bei der Frage an sich selbst, wie man den eigenen Zuständigkeitsbereich gestaltet, nach welchen Kriterien man Entscheidungen trifft. Verantwortung bedeutet Verantwortung gegenüber Dritten. Der Dritte ist das eigene Gewissen, der „innere Gerichtshof“, wie Kant sagt, das Gewissen gefangen in den Worten Gottes, wie Luther schon vor Kant evangelisch präzisierte.

TINA - there is no alternative -  war der Slogan Margaret Thatchers, der eisernen Lady, die keine Alternative sah zum ökonomischen Liberalismus. Bis heute wird argumentiert, dass freie Märkte, freier Handel und kapitalistische Globalisierung der einzig richtige Weg für moderne Gesellschaften sind. Dem kann man einen anderen Slogan entgegen halten: TATA oder TAHA– there are thousands / hundreds of alternatives, es gibt hunderte, tausende von Alternativen. Eine andere Welt ist möglich.

Babylon kann leben und wir müssen nicht weinen. Denn wertvoll wirtschaften – das ist weder erfolgsfeindlich noch moralinsauer borniert auf Askese und Verzicht ausgerichtet. Ethik tut nicht weh, im Gegenteil. Sie macht, dass wir uns wohl befinden. Darum sollten wir bei dem bekannten Geburtstagslied immer das alte „Wohlstand“ singen statt dem leichten „Frohsinn“.

Echten Wohlstand spüren wir, wenn wir erfinderisch und unternehmerisch mit Ideen und Materie umgehen. Echten Wohlstand haben wir, wenn jeder Mensch so frei und selbstbestimmt leben kann, wie auf Erden irgend möglich. Deshalb: Viel Glück und viel Segen auf unser aller Wegen. Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei! Amen.