UMSTURZ – Martin Luther ausgelegt

Predigt in der St. Matthäus-Kirche auf dem Kulturforum Berlin am Sonntag Quasimodogeniti
27. April 2014

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Vor wenigen Wochen wurde ich für ein Interview in meinem Büro abgelichtet, neben mir eine der Luther-Figuren des Aktionskünstlers Ottmar Hörl, einen Meter hoch, ganz in schwarz. Mein Luther trägt immer mal wieder einen liturgisch oder sonst jahreszeitlich passenden Schal, zu dem Zeitpunkt war es noch der des letzten Kirchentages. Im Juni/Juli, zur Fußball-WM, wird er Schwarz-Rot-Gold tragen. Über all dies lässt sich trefflich streiten: Ob die Figur Kunst ist, ob man ihr etwas umhängen darf und wenn ja, was. Als Bild und Text erschienen, gab es einen empörten Leserbrief.

Der Verfasser des Schreibens meinte, Luther gehöre aus dem Bild. Ich war schon froh, dass nicht ich verschwinden sollte. Nun ist man in meinem Amt wesentlich Schlimmeres an Äußerungen gewöhnt. Dennoch lohnt es sich, dem Schreiber kurz zuzustimmen, um ihm dann kräftig zu wi-dersprechen. Denn natürlich gibt es viel zu kritisieren an unserem Reformator. Seine Stellung zu Frauen, zu Juden, zu Türken ist in vielen Texten mehr als fragwürdig.  

Das ist uns allen klar; es muss manchmal wiederholt werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Luther war ein mittelalterlicher Mensch. Neuzeitliche Erwartungen kann man an ihn nicht einfach herantragen. Dass man es dennoch immer wieder tut und an Bruder Martinus postmodern herumzerrt, das hat damit zu tun, dass er an anderen entscheidenden Stellen mitreißend alles umgerissen hat, was man damals so dachte, redete und tat. Luther weckt Erwartungen – deshalb ist man enttäuscht, wenn er sie nicht allenthalben erfüllt. Gut. Das lässt uns selber denken, selbst- und fremdkritisch werden.

Aufatmen

Und es wehrt unnützer, unevangelischer Heiligenverehrung. Dennoch – ich bin Lutherfan seit meinem 12. Lebensjahr. Da traf ich das erste Mal auf ihn. Er flimmerte zwei Stunden lang von der Leinwand in einem Kino herunter, in das wir Kinder am Reformationstag geschickt worden waren. Da oben tobte, weinte, lachte, liebte, schwieg, grübelte er, zermarterte sich Kopf und Seele, argumentierte und kämpfte. Mein neuer Held war ein Mann, ein Revolutionär, der Kopf und Kragen für seine umstürzlerischen Überzeugungen riskiert hatte. So wollte ich auch werden. Reformation: Ja, ein Akt der Befreiung.

Ich atmete Freiheit gegen spießigen evangelischen Pietismus, machtbewussten Katholizismus und bürgerliche Moral. Ich habe meine ersten Jahre in Württemberg verbracht, als uneheliches Kind. Ich weiß, was selbstgerechte Fromme einem antun können, wenn man nicht „passt“. In Oberbayern dann ein damals dominanter Katholizismus, der Evangelische gerade mal als „Nicht-Ketzer“ durchgehen ließ. Mich begeisterte der umwerfende Luther, weil er individuell, mitmenschlich und gesellschaftspolitisch auf das verweist, was das Evangelium zum Leben, dem Miteinander und Handeln in der Welt sagt.

Luthers Politik beginnt mit dem Blick auf das Individuum vor Gott, dann auf seine Beziehung zum Mitmenschen und schließlich zu den Institutionen dieser Welt. Er verhilft zunächst zu einem glasklaren und zugleich barmherzigen Bild vom Menschsein. Römer 3 wird für ihn zur Schlüsselstelle: „Sie sind allesamt Sünder … So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm 3,23a.28). Jeder Mensch versagt immer wieder. Trotz dieser Erfahrung lässt es sich getrost leben – im Glauben, mit Vertrauen.

Rechtfertigung

Luther sagte: „Wie kann das Gerechtigkeit heißen, da wir nicht zutun und die Leute daher fromm sind, dass sie glauben an einen anderen, der am Kreuz ist gestorben…?“ Wir mögen verschiedene Eigenheiten ablegen – das ändert nichts an der Tatsache, dass wir immer wieder uns selbst und anderen etwas antun, Schiffbruch erleiden mit dem, was wir wollten und vorhatten. Wer solche Erfahrungen macht, der leidet oft daran. Scheitern führt manchmal dazu, sich zu rechtfertigen und andere zu beschuldigen:

„Wenn du nicht so…, dann hätte ich nicht…“ oder „Mir bleibt ja gar nichts  anderes  übrig, weil...“ Überall, auch in der Politik, ist es an der Tagesordnung, sich selber im rechten und die Gegner im ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Auch denken manche Menschen heute wie zu Luthers Zeiten, man könne sich loskaufen von eigener Verantwortung nach dem Motto: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feg'feuer springt!“ Luther ist scharf gegen diese Auffassung angegangen. Damals ging es um höllische Strafen. Heute kauft man sich von irdischen Pflichten frei.

Manche Eltern glauben, wenn sie Kindern alles spendieren, bräuchten sie ihnen weniger Aufmerksamkeit zu widmen. Autofahrer bezahlen lieber regelmäßig Strafzettel, statt umsichtig zu fahren. Industriebosse zahlen für Umweltsünden eine Geldbuße, statt Wasser, Boden und Luft sauber zu halten. Man kann das machen. Es geschieht auch. Aber es gibt auf Erden niemand, der einem gegen Geld die Last der Verantwortung abnehmen könnte oder dürfte. Luther ist von tiefem Ernst beseelt, wenn es um die Rechtfertigung allein aus Gnaden geht, die man sich nicht selbst erwerben kann.

Wert und Einsatz

Jeder und jede ist Gott unendlich viel wert: Jung, alt, stark, schwach, behindert oder nicht. Luther begreift, dass Gott das Rechtsein verschenkt: „Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten... Wie sehr ich vorher die Vokabel 'Gerechtigkeit Gottes' gehasst hatte, so pries ich sie nun mit entsprechend großer Liebe als das mir süßeste Wort.“ Wer an die Rechtfertigung glaubt, der vertraut darauf, dass er ohne Vorbehalte von Gott akzeptiert ist.

Ich nenne das Politik, wenn ein Mensch sich und andere sieht in der eigenen Erbärmlichkeit und Schwachheit und zugleich weiß: Ich bin bei Gott ein geliebter, geachteter Mensch. Ich habe das Recht zu sein. Ich muss mich nicht quälen, um mich passend zu machen – kann mich getrost in Gottes Hand geben. Quasimodogeniti heißt dieser Sonntag: wie die neugeborenen Kinder. So frisch können wir jeden Tag wieder anfangen – und peccare fortiter, tapfer weiter sündigen, wie Luther sagt. Interessant übrigens, dass mein iPad hier stattdessen „Frottee“ schrieb. Aber es geht nicht um Kuschelchristentum. Es geht um engagierte Politik, die Menschen ihr Daseinsrecht von Gott her zugesteht.

Freiheit!

Evangelischer Glaube hat das zum Mittelpunkt: Getrost in aller Unvollkommenheit zu leben. Solche bedingungslose Liebe beflügelt, schenkt Ideen, Lust, etwas für sich und andere zu tun. In der Gewissheit der Rechtfertigung lässt sich ändern, was geändert werden muss. Christenmenschen sollen wissen, was recht ist und bleiben kann und wo Einsatz von Nöten ist – in der Arbeitswelt etwa, denn wir dürfen Menschen nicht allein liebevoll auf die Schultern klopfen, sondern müssen dafür sorgen, dass sie Arbeit finden, sich und ihre Familien ernähren können. Auch Jugendliche brauchen Perspektiven.  

Für uns kann es keinen Rückzug in die Freiheit des bloß geistigen Lebens geben. Der evangelische Schiller lässt im „Don Carlos“ den Marquis von Posa zum König von Spanien sagen: „Geben Sie Gedankenfreiheit“ (III,10). Diese geistige Freiheit hat konkrete Folgen. Protestantische Frömmigkeit stärkt das Individuum und damit eine menschenfreundliche Gesellschaft. Innere, gottgeschenkte Freiheit wirkt im eigenen Handeln in der Welt weiter. Jeder Mensch soll nach dem eigenen Gewissen auf Freiheit pochen oder eben in Freiheit auf sie verzichten – das ist starke evangelische Autonomie.

Nicht blind gehorchen, sich nicht fraglos Traditionen unterordnen, sondern hören, zuhören, nachdenken, abwägen, sich austauschen, selber verantwortlich entscheiden, dabei die Gemeinschaft im Blick haben. Solche eminent souveräne und politische Selbstständigkeit sich anzueignen und zu behalten, ist eine lebensdienliche und anspruchsvolle Herausforderung. Luther betont mit dem Galaterbrief: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! … Denn in Christus Jesus gilt … der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Gal 5,1.6)                                                                              

Geist!

„Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet“ heißt es bei Schiller im Tell (I,3). Evangelisch – das ist Ausdruck eines Gottvertrauens, das persönliche Freiheit mit Verantwortung für sich selbst und für andere verbindet. Das ist ein Christsein, das zu kritischer Distanz gegenüber anderen Mächten und Gewalten befähigt, seien es die auf den Bühnen des Weltgeschehens oder die Kräfte, die in uns selbst nach Dominanz streben. Evangelisch ist die Freiheit, in der mit Herz und Verstand das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Sein vom Schein, die Wahrheit von der Lüge unterschieden wird.

Der evangelische Hegel bezeichnete den Eigen-Sinn Luthers als Beginn einer großen Revolution. Einer Revolution, die nichts gelten lässt, es sei denn durch selbständige, unabhängige Gedanken gerechtfertigt, geprüft am Maßstab der Heiligen Schrift. Ein Vollzug der Religion ohne innere Übereinstimmung ergibt keinen Sinn. Ebenso wenig wie bloß auftragsgemäßes Arbeiten, lustloses Lieben oder gleichgültiges Zusammenleben. Der Glaube lebt von bewusster Beteiligung der Gläu-bigen, davon, dass sie sich ihm verschreiben oder sich kritisch für ihn interessieren: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17)

Aus den Angeln heben

Die beiden, Geist und Freiheit, sind ein untrennbares Paar. „Grad weil der Geist die Welt aus den Angeln zu heben vermag, … müssen ihm nicht Händ und Füß gebunden sein, dass er's nicht probieren kann.“, schreibt die Schriftstellerin Bettina von Arnim an den preußischen König. Sich seiner selbst bewusst binden und dabei die Freiheit des eigenen Denkens, Empfindens, Redens und Handelns bewahren, kann die Welt aus den Angeln heben. Wer sich vom Geist der Freiheit bewegen lässt, bedenkt, was andere sagen, bewegt es in Vernunft und Gemüt, betrachtet die eigene Position kritisch.  

In gesellschaftspolitischem Engagement kommt ein protestantisches Denken zum Ausdruck, das im Licht der Ewigkeit nicht zufrieden ist mit den Verhältnissen, wie sie sind. Solche Aktivitäten sind Ausdruck christlichen Bewusstseins und evangelischer, biblischer Haltung: Sich selbst gerechtfertigt wissen und darauf mit eigenen Gedanken, Worten und Taten voller Energie, Mumm und Phantasie antworten. „L´amour est l´enfant de la liberté“ heißt es in einem alten französischen Lied. Die Liebe ist das Kind der Freiheit, nicht der Beherrschung. Damit ist die Liebe auch eine Folge der Rechtfertigung.

Deshalb macht ein Christenmensch den Mund auf, wenn es gilt, der Harmonie den Abschied zu geben, um dem Leben zu dienen. Sonntage etwa werden längst nicht mehr als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ geachtet, wie es im Grundgesetz heißt. Man möchte sie zunehmend als verkaufsoffen ausweisen. Man findet normal, wenn, wie hier in Berlin, bereits im Juli ein Christbaum im Hotelfoyer steht, um das „Weihnachtsgeschäft anzukurbeln“. Wer sich eine solche kommerzielle Zerstörung von Lebensrhythmen nicht bieten lässt, der oder die ist in Freiheit dienstbarer Knecht und Magd.

Regieren

Aber hat nicht Luther von zwei Regimentern geredet, von kirchlicher Macht auf der einen und weltlicher auf der anderen Seite? Ja, damit Politiker nicht Pseudogeistliche werden, noch die Kirche sich der Politik bemächtigt. Gottesstaaten dienen selten der Humanität – genauso wenig wie Religionen, die gewalttätig werden.
Gott ist Herr über Kirche und Welt. Raushalten aus der Politik, wie manch einer es von der Kirche verlangt, geht nicht. Denn wir haben die Politik ernst zu nehmen. Ein Gemeinwesen braucht Ordnung, um existieren zu können – dazu gehört Respekt wie Wachsamkeit. Christenmenschen haben sich in einer vorläufigen Welt zu bewähren. Gott ist Mensch geworden, hat sich vom Jenseits ins Diesseits begeben, um uns nahe zu sein. Luther fordert, ihm nachzufolgen, auf Gesellschaft und Politik zu achten, damit es den Menschen gut geht und sie vom himmlischen Heil schon etwas auf Erden spüren.

Politiker sind aufgefordert, ihrer Berufung, ihrem Beruf verantwortlich nachzugehen und damit nach Luther richtigen Gottesdienst zu feiern. Es braucht die Balance zwischen Respekt und Ungehorsam, wenn es um Arm und Reich, um Gerechtigkeit im Land, in der Welt, um Frieden zwischen Völkern geht. Soziale Probleme, politisches Handeln, auch der Widerstand, brauchen Gewissen – brauchen hellwachen Geist und ein offenes Herz für Menschen: für Kinder und Jugendliche in Armut, für Flüchtlinge, die Zuflucht bei uns und bessere Lebensbedingungen in ihren Heimatländern nötig haben.   

Mit Gottes Hilfe

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“ In dieser Haltung  steht Luther vor den Politikern seiner Zeit – um in Gottes Namen Freiheit und Verantwortung für alle einzufordern. Ein Umsturz! Klare Absage an jede Form von Totalitarismus, ob er weltlich oder geistlich daher kommt. „So wahr mir Gott helfe.“ – Ich höre zu, ob Politiker diesen Eid bei Amtsantritt sprechen. Sie müssen nicht, ich weiß. Aber als einer, der darauf verzichtete, sagte: „Ich habe bisher alles immer allein geschafft, ich brauche niemanden.“, habe ich mir über seine Fähigkeiten zur Selbstbegrenzung meine Gedanken gemacht.   

Vor 46 Jahren wurde Martin Luther King ermordet, der einen geistlichen, eminent politischen Traum gepredigt hat. Wie Namensvetter Luther hat er das Unerwartete, Unerlaubte getan, sich zur Wehr gesetzt, um Leben möglich zu machen. Und wie bei Luther ist der Umsturz, ist die scheinbare Revolution, die andere in Angst und Schrecken versetzt, nichts anderes als die Rückkehr zu Gottes guter Ordnung. Zu Gottes guter Ordnung gehört es, dass Mann und Frau gleich sind, Schwarz und Weiß, Alt und Jung, gesund oder mit Einschränkungen, Pfarrer, Bischof oder Ehrenamtlicher und Skeptiker.

Der Umsturz ist ein lebensdienlicher Rücksturz – hin zu dem, was Gott sich so schön ausgedacht hat. Seine Freiheit, sein Geist und seine Liebe verleihen Schwingen, die einen aus dem Morast der Dummheit oder Unterwerfung heben. Sie machen möglich, dass Menschen sich als Ebenbilder Gottes annehmen, dass sie ihre Identität entdecken und aus freien Stücken Verantwortung übernehmen. „Wo gibt es Freiheit, wenn nicht in der Leidenschaft?“, fragte Flaubert die Schriftstellerin George Sand. Evangelischer Umsturz, liebe Schwestern und Brüder, heißt leidenschaftlich leben, lieben und glauben. Amen.