Risiko Religion?

Vortrag beim Verein „Sicherung des Friedens e.V. – Überparteilicher Arbeitskreis von Christen zur Förderung von Frieden in Freiheit“ in der Hanns-Seidel-Stiftung München
13. Juli 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,
„Come on over have some fun / Dancin' in the mornin' sun / Look into the bright blue sky / Come and let your spirit fly…” Und weiter: „Just another lucky day / No one makes me feel this way / Watch the waves and feel the sand / Kiss me now and take my hand / Hear all the laughter in the street / Smiling in the summer heat ... ” Haben Sie den Hit „Summer dreaming” von Kate Yanai erkannt, der auch für eine schicke Spirituose wirbt? Die letzten heißen Sommertage haben allerorten die Lust auf Urlaub wachsen lassen. Weißer Sandstrand, blau funkelndes Meer, gleißende Sonne. Das ist der jährliche Sehnsuchtsort vieler Reisender.

Unbeschwertes Lachen hallt durch die Straßen, die Seele tanzt in der Morgensonne und der Geist fliegt davon, unbekümmert von kleinen und großen Lasten des Alltags. In Tunesien bekam das Urlaubsparadies in diesem Jahr jäh einen Riss. 38 Urlauber tötete ein 23-jähriger Student am Strand von Sousse. Er zieht eine Kalaschnikow aus einem Sonnenschirm und schreitet schießend die Strandliegen ab. Ein unbeschreibliches Verbrechen an jedem einzelnen Opfer und seinen Angehörigen. Eine Katastrophe für das Land, das auf Tourismus angewiesen ist. Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrororganisation IS.

Vor 2014 war sie noch vielerorts unbekannt. Seit einem Jahr dominiert sie die Nachrichten. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg sagt über die Organisation: „Seit dem Sommer [2014] führt sie im Nahen Osten einen Heiligen Krieg von bisher beispiellosem Ausmaß.“ Ihr Anführer hat ein Kalifat ausgerufen, das das Gebiet von Syrien, Irak, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien umfassen soll. Den rechtlichen Rahmen bildet die Scharia, eine islamische Gesetzgebung, die hauptsächlich Ehe-, Erb- und Strafgesetze beinhaltet. Sie ist im weiteren Sinn ein religiöser Wegweiser, der islamisches Leben in einer bestimmten kulturellen und historischen Auslegung festlegt.

Der UN-Weltsicherheitsrat, die USA, Großbritannien und Deutschland haben die dschihadistisch-salafistische Gruppe des Islamischen Staats als terroristische Vereinigung eingestuft. Die überwiegende Mehrheit der islamischen Gelehrten ist sich einig, dass Selbstmordattentäter keine Märtyrer sind. Dennoch werden Kämpfer für den IS rekrutiert mit dem Versprechen auf überirdische Freuden im Paradies und dem Hinweis darauf, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Dabei tut es den allermeisten Muslimen in der Seele weh, dass ihre Religion mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird und ihre Religion spätestens seit 9/11 unter Generalverdacht steht.

Im Namen ihrer Religion töteten die Attentäter auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris Anfang dieses Jahres sowie die Attentäter von New York, London, Madrid oder die Terroristen in Indonesien. Auch wenn der islamistische Terror die Nachrichten beherrscht, ist Gewalt nicht das Monopol der Anhänger nur einer Religion. Brutal gegen Andersgläubige gehen Buddhisten in Burma, Sri Lanka oder Thailand vor sowie Hindus in Indien. Christen töten Muslime in Nigeria. Der Ku-Klux-Klan als protestantische Organisation schreckte und schreckt nicht vor Gewalttaten im Namen Gottes gegen Juden, Katholiken und Homosexuelle ab.

Die blutige Geschichte des Christentums von den Kreuzzügen über die Mission mit dem Schwert bis hin zu Waffensegnungen zu Beginn des 1. Weltkrieges steht uns vor Augen und macht das Herz schwer. Religion kann tatsächlich ein  Risikofaktor für den Frieden sein – dann, wenn sie religiöser Fundamentalismus ist. Wörtlich genommen beschreibt der Begriff „Fundamentalismus“ zunächst scheinbar harmlos eine religiöse oder weltanschauliche Strömung, deren Ziel die Rückbesinnung auf das Fundament der Religion oder Weltanschauung ist. So gesehen wirkt Fundamentalismus neutral: Sich auf den eigenen Grund zu besinnen, kann nicht falsch sein. Das Problem zeigt sich jedoch schnell.

Ein festes Fundament zu haben für das eigene Leben und sich von Prinzipien im Zusammenleben leiten zu lassen, ist etwas grundlegend anderes als Fundamentalismus – das radikale, unbewegliche Feststehen auf einer einmal gewonnenen Überzeugung. Fundamentalismus heißt eben nicht nur, den eigenen Grund zu kennen, sondern auch festgefahren zu sein in einer bestimmten Haltung – möglicherweise aus der Angst heraus, in einer unsicher und komplex gewordenen Zeit sonst den Boden unter den Füßen zu verlieren. Fundamentalismus kann überall, in jedem Land und in jeder Religion auftreten. Er zeigt sich darin, dass Menschen nicht mehr diskursfähig sind.

Jeder Fundamentalismus sieht die eigene Überzeugung gefährdet. Entsprechend muss er sie dem eigenen Selbstverständnis nach verteidigen. Pluralität und Relativität von Meinungen sind demnach gefährlich, weil sie eine absolute Autorität unmöglich machen. Freiheit und Emanzipation der Geschlechter, vor allem der Frau, sexuelle Selbstbestimmung und Toleranz anderen Weltanschauungen gegenüber sind Fundamentalisten ebenfalls ein Dorn im Auge. Gegen Lebensfreude und eigener Gestaltungsmöglichkeit wird die radikale Rückkehr zu angeblich traditionellen Werten und das totalitäre Festhalten an religiösen Dogmen propagiert, Zuwiderhandlungen hart bestraft.

Politik wird zudem mit Religion gleichgesetzt – religiöse Ziele können dann auch mit politischen bzw. militärischen Mitteln durchgesetzt werden, gleichzeitig werden politische Ziele religiös verbrämt und überhöht. Fundamentalismus zeigt ein Denken und Verhalten, das von einer unumstößlichen religiösen, moralischen, politischen oder wissenschaftlichen Wahrheit ausgeht, die nicht hinterfragt werden darf. Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Eine Weltanschauung mit Ausschließlichkeitscharakter. Nichts ist mehr verhandelbar. Der religiöse Fundamentalismus hat zudem ein Argument auf seiner Seite, das nicht überboten werden kann: Gott, die höchstdenkbare Autorität, will es so.

Die Terrorakte seit dem 11. September 2001 scheinen die These Samuel P. Hantingtons vom „clash of civilizations” zu bestätigen. Nach dem Kalten Krieg und dem Ende des West-Ost-Blockdenkens sah er eine Verschiebung der Konfliktlinien hin zu christlich geprägtem Westen und muslimisch geprägten Regionen im Nahen und Mittleren Osten, in Asien und Afrika. Einmal abgesehen davon, dass der Ost-West-Konflikt in der Ukraine wieder aufgeflammt ist, ist der Terror nicht wählerisch, was seine Opfer angeht. Er trifft Menschen im Westen wie im Osten, Christen und Juden, Jesiden, Sikhs und Buddhisten genauso wie Muslime. Die meisten Opfer islamistischen Terrors sind bisher Muslime.

Anschläge werden mehrheitlich in islamischen Ländern wie dem Irak verübt. Für den sunnitisch geprägten IS sind schiitische Muslime Irrgläubige, die getötet werden dürfen. Bombenattentate in Zügen oder an belebten Straßen fragen nicht nach der religiösen Überzeugung der Passanten, die zu willkürlichen Opfern werden. Inzwischen weiß jeder und jede, dass es einen an allen Orten dieser Welt treffen kann: In Bagdad, Casablanca, Karachi, Oslo, Moskau, Madrid, New York, Boston und Washington, Kopenhagen, auf Bali oder Djerba, in Kenia, Beslan und Frankfurt am Main. Die Faszination des Fundamentalismus liegt in seiner Eindeutigkeit.

Ich gehe soweit zu behaupten, dass ängstliche Menschen die Träger von Fundamentalismus sind – weil sie feste, unverrückbare Geländer brauchen, an denen sie sich eigentlich nur durchs Leben hangeln, statt freihändig zu gehen. Faszinierend an Fundamentalisten, mehr noch an Terroristen sind ihre handlungsorientierte Männlichkeit und waffengesicherte Stärke, ihre mehr als durchschnittliche Opferbereitschaft und ihr klares Weltbild. Das macht Eindruck – zunehmend auch in einer Gesellschaft, die sich Liberalität hart erarbeitet hat und in der das Leben nicht in vorgegebenen Bahnen verläuft, sondern jeder tatsächlich nach seiner Façon glücklich werden darf – innerhalb des rechtlichen Rahmens.  

Freiheit ist anstrengend. Sie fordert von jedem und jeder einzelnen Entscheidungen. Wie gestalte ich mein Leben? Welchen Beruf will ich ergreifen, wen heiraten, welchen Lebensstil pflegen? Und Freiheit erfordert Toleranz: Mein Nachbar hat das Recht, völlig anders zu leben als ich, er darf das gut finden, was ich verabscheue, solange er anderen nicht schadet, und ihm darf gleichgültig sein, was mir heilig ist. Ein vorgegebenes Normensystem, das das eigene Leben in strikten Bahnen hält, klassische Rollenmuster propagiert und Unterschiede zwischen Menschen nivelliert, ist wesentlich einfacher auszufüllen, solange man sich damit zufrieden gibt.

Die Verunsicherung durch alternative Lebensentwürfe jedoch ruft Abwehr hervor. „Wir hassen bald, was oft uns Furcht erregt“, sagt Shakespeare in „Antonius und Cleopatra“. Jugendliche in Deutschland, die sich religiös radikalisieren lassen, finden Sinn für ihr Leben in einem eindeutigen Schwarz-weiß-Denken: Die westlichen Gesellschaften unterdrücken den Islam weltweit. An der Befreiung des Islam wollen sie mitwirken. Sie suchen ihre eigene Identität und sehnen sich nach Anerkennung. Ob sie sich diese in unserer Gesellschaft allerdings erarbeiten werden, ist unsicher. Die Propaganda des IS richtet sich gezielt und hochprofessionell an Kinder und Jugendliche.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt diese Werbung folgendermaßen: „Zu den weit verbreiteten Veröffentlichungen gehören grafisch modern und aufwändig gestaltete Online-Magazine sowie Videos in Computerspiel-Optik, die ganz gezielt ein jugendliches Publikum ansprechen und längerfristig binden sollen. In einer für Jugendliche attraktiven Form wird der angebliche »Glaubenskrieg« der Islamisten als aufregendes Abenteuer angepriesen, das Männlichkeit, Mut und Hingabe an die Ziele des Islam zum Ausdruck bringt.“ Die dargestellte Stärke, Disziplin und Kampfbereitschaft üben offensichtlich eine so große Faszination aus, dass eine zunehmende Zahl nicht nur Erwachsener sich anwerben lässt.

Auch Jugendliche und inzwischen sogar schon Kinder reisen in die Krisenregionen in Syrien und dem Irak, um dort für den IS zu kämpfen. Bei der Veröffentlichung des Verfassungsschutzberichtes 2014 Ende Juni berichtete der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Hans-Georg Maaßen, dass bis jetzt ca. 700 Personen ausgereist sind, um sich dem bewaffneten islamistischen Kampf anzuschließen. Das ist erschreckend und lässt mich danach fragen, wie wir besser und entschlossener für unsere Demokratie und unsere Werte einstehen können – wie wir deutlicher machen können, dass sie nicht beliebig sind, sondern ebenfalls den ganzen Mann, die ganze Frau verlangen.

Bei Fundamentalisten sind Stärke, Disziplin, Kampfeswillen, Männlichkeit, Mut, Opferbereitschaft, ein einfaches Weltbild mit klaren Grenzen vorrangig: Wir und die; wir die Guten, die die Bösen; wir dürfen leben, die nicht. Der Boden, auf dem solche Selbstbilder wachsen, ist austauschbar. Mit diesen sogenannten Werten ziehen auch extremistischer Nationalismus und Rechtsradikalismus Menschen in ihren Bann. Dort sind nicht religiöse Formeln der Nährboden, sondern eine völkische und rassistische Ideologie. Das Ergebnis allerdings ist das gleiche: Verblendung, Hass und Gewalt, Gleichgültigkeit gegenüber dem Lebensrecht der Anderen.

Risiko Religion? Konflikte werden wohl unter dem Deckmantel von religiösen Spannungen ausgetragen, aber bei genauem Hinsehen zeigt sich: Die Ursachen liegen auch an anderer Stelle. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass kein Konflikt dieser Welt ein allein religiös motivierter Konflikt ist. Die Religionen jeder Couleur allerdings werden missbraucht, um die wahren Interessen der Konfliktparteien manchmal unbewusst oder ganz bewusst zu verschleiern. Aufschlussreich ist beispielsweise die Analyse von Alexander Göbel im Deutschlandfunk zu den Ursachen des Anschlags in Tunesien Ende Juni. In Tunesien sind 15% der Menschen arbeitslos.

Nicht einmal gut qualifizierte junge Männer wie der Student, der zum Terroristen wurde, haben eine Zukunftsaussicht. Mehr als 3.000 Tunesier seien vom IS schon angeworben worden. Für ihre Dienste würden sie gut bezahlt. 2.000 € zahle der IS für Männer, 1.500 € für Mädchen und junge Frauen. Der Staat Tunesien könne da nicht mithalten. „Tunesien hat keine 2.000 € für jeden einzelnen Arbeitslosen“, gesteht Präsident Beji Caid Essebsi ein und fährt fort: „In vielen Regionen gibt es extreme Armut, dort sind vor allem junge Leute marginalisiert, sie haben keine Arbeit, auch wenn sie studieren. Deswegen fallen sie dieser radikalen Propaganda zum Opfer.“

Ein anderes Beispiel: Nigeria. „Bring back our girls“. Michelle Obama führte die Online-Kampagne an. Sie forderte die Freilassung der 276 Schülerinnen, die von der Terrororganisation Boko Haram im April 2014 entführt wurden. Die Forderung wurde bis heute nicht erfüllt, die Mädchen bleiben verschwunden, sofern sie nicht aus eigener Kraft fliehen konnten. Die Entführung der Schülerinnen war ein grausamer Höhepunkt des Konflikts. Auf Wikipedia wird er schlicht als „Scharia-Konflikt in Nigeria“ abgehandelt. Die Kurzzusammenfassung lautet: In den muslimisch dominierten Bundesstaaten im Norden soll die Scharia wieder eingeführt werden. Die im gesamten Land zahlenmäßig in etwa gleichstarke Gruppe der Christen sowie weitere Minderheiten wehren sich dagegen.

So einfach ist es aber nicht. Heinrich Bergstresser beschreibt die Gemengelage für die Bundeszentrale für politische Bildung wie folgt: „Im östlichen Middle Belt [Nigerias] erscheinen die vielfältigen Land- und Verteilungskonflikte ethnisch und religiös motiviert. Dabei liegen die Ursachen der gefährlichen Gemengelage auf anderen Ebenen. Dazu zählen die historisch begründete Dominanz des regionalen Mehrheitsvolkes der muslimischen Hausa-Fulani über die Minoritätenvölker in diesem Gebiet; der ungebrochene Zuzug von Hausa-Fulani; der ständige Durchzug der Fulani-Rinderhirten, die sich gewaltsam das Recht herausnehmen, auf den Feldern der ansässigen Bauern ihre Herden weiden zu lassen.

Dazu gehören auch die zunehmende Segregation muslimischer und christlicher Gemeinschaften; der wachsende Fundamentalismus in beiden Religionen; die Ausweitung der Terroranschläge der Boko Haram; der erbitterten Kampf um die Macht auf Bundesstaaten- und Bezirksebene um den Zugang zu den gesetzlich festgelegten finanziellen Zuweisungen des Bundes; eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und weit verbreitete organisierte Jugendgewalt und der häufig unangemessen brutale Militäreinsatz auch gegen die Zivilbevölkerung.“ Und er zieht das Fazit: „Da bei allen Konflikten mehrere dieser Faktoren zusammenspielen, ist die Lage in dieser Region so prekär.“

Es geht bei diesem Konflikt also um den Streit über Weidegebiete zwischen Nomaden und sesshaften Bauern, um Verteilungskämpfe im Blick auf Bundesmittel, es geht auch um ethnische Identität. Und wieder spielt die Jugendarbeitslosigkeit eine große Rolle. Der Konflikt innerhalb des Sudans, der mit der Unabhängigkeit des Südsudan eine Zäsur gefunden hat, wurde zumeist ebenfalls als religiös motiviert dargestellt. Der muslimische Norden kämpfe gegen den christlichen Süden. Tatsächlich ging es um das, worum Menschen meistens kämpfen: Macht und Geld. Wer zieht Vorteil aus den Ölfeldern des Sudan? In welche Region fließen Gelder, um die Infrastruktur aufzubauen und zu erhalten?

Wer hat das Sagen im Land? Eine Rolle spielte auch der Blick der Volksgruppen aufeinander: Der Norden ist arabisch-muslimisch dominiert, der Süden afrikanisch-christlich. Diese Unterscheidung ist in erster Linie eine ethnische. Erst sekundär spielt eine Rolle, dass an der ethnischen Trennlinie auch die religiöse verläuft. Auch die europäische Geschichte kennt Kriege, die als religiös motiviert gelten, beispielsweise der 30-jährige Krieg im 17. Jahrhundert, der als Konfessionskrieg in die Geschichtsbücher einging. Allerdings hatte auch diese wahrhaft schreckliche Tragödie multiple Ursachen und lässt sich nicht einfach damit erklären, dass Evangelische Katholiken hassten und umgekehrt. In diesem Krieg ging es um dynastische Machtinteressen in Westeuropa, in Oberitalien und im Ostseeraum.

Beteiligte Mächte waren Österreich, Spanien und Polen, Frankreich, die Niederlande, Dänemark und Schweden sowie die deutschen Reichsstände. Es ging um das Machtgefüge zwischen Kaiser und Reichsständen und um Zolleinnahmen am Öresund. Und es ging auch um den Kampf ums Überleben. Seit etwa 1570 gab es die so genannte „Kleine Eiszeit“. Der Rhein blieb bis ins Frühjahr hinein gefroren. Dass es dadurch zu Ernteausfällen und Hungersnöten kam, liegt auf der Hand, zumal gleichzeitig die Bevölkerungszahl deutlich anstieg. Fleisch kam bei der zunehmenden Zahl der Armen gar nicht mehr auf den Tisch, selbst Grütze und Brot mussten häufig ersetzt werden, im schlimmsten Fall durch gekochtes Gras. Dies hat den Kriegsausbruch forciert (und nebenbei bemerkt die Hexenverfolgung mit in Gang gesetzt).

Auch der Nordirlandkonflikt gilt als konfessionell begründet. Die protestantischen Unionisten gegen die katholischen Republikaner. Aber auch hier ist nicht die Religion alleinige Ursache des Übels. Der Konflikt reicht weit zurück in die Geschichte der grünen Insel, die die erste Kolonie Großbritanniens war und mit entsprechendem Habitus behandelt wurde. Die Insel wurde immer wieder von Hungersnöten heimgesucht, ein Großteil der Bevölkerung lebte in bitterer Armut, während das Land den Kolonialherren gehörte. Diese Verletzungen spielen bis in die Gegenwart eine Rolle. Auch hier ging der Konflikt um Machtverteilung, um Zugang zu Ressourcen, um Privilegien und Diskriminierungen.

Die wahren Ursachen für Kriege und Konflikte liegen also nicht bloß in der religiösen Zugehörigkeit der Konfliktparteien begründet. Es ist extrem komplex, die Ursachen der verschiedenen Kriege und Konflikte richtig und vollständig zu beschreiben. Für eine wirklich umfassende Darstellung müsste man Experte für die jeweilige Region sein, um alle Konfliktursachen zu benennen und einordnen zu können. Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass die Konfliktursachen auf zwei wesentliche Triebfedern zurückgeführt werden können: Das Streben nach Macht und Besitz. Das äußert sich im Kampf um Führung und Land, um Ressourcen und Infrastruktur. Die Religion dient dabei als Deckmantel, unter dem sich die wahren Intentionen verbergen, mit der sich aber auch die Massen mobilisieren lassen.

Diesem Missbrauch der Religion müssen wir uns entgegenstellen. Religion, der persönliche Glaube, sind zu gut, kostbar und wertvoll, als dass wir sie Menschen überlassen dürfen, die sie für ihre eigenen, niederen Zwecke missbrauchen. Der Glaube gibt den Menschen Sinn für ihr Leben. Er beantwortet die große Menschheitsfrage: Wer bin ich? Die Antwort lautet: Du bist Gottes geliebtes Kind. Als Christen sagen wir: Du bist Gottes Ebenbild, ein Ebenbild des Liebenden. Menschen finden Halt in ihrem Glauben in guten wie in bösen Tagen. Für den christlichen Glauben formuliert dies wunderbar die erste Frage des Heidelberger Katechismus:

„Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin […]“. Wer dies verinnerlicht und mit dem Herzen angenommen hat, kann tatsächlich getröstet leben, die Welt gestalten und am Ende seiner Tage vertrauensvoll sterben. Glaube stiftet Gemeinschaft. Die Glaubensgemeinschaften verbinden die Gläubigen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Als Christin bin ich in einer Kirche in Deutschland genauso zu Hause wie in einer Kirche in Südkorea. Als Muslim habe ich Heimat in der Moschee in Penzberg oder in Marokko.

Religion hat die Kraft, verhärtete und unmenschliche Machtstrukturen aufzubrechen. Erlauben Sie mir als Protestantin, die mit ihrer Kirche auf das Reformationsjahr 2017 zugeht, einen Hinweis auf Luthers Einsichten. Er war gewiss kein Heiliger – und wir wissen heute, welche zeitbezogenen, verfehlten Aussagen er betrüblicherweise zu Türken und dem Islam getan hat, wie schrecklich er über Juden hergezogen ist. Das können wir wahrlich nicht gut heißen. Was er gut gemacht hat, das war der tiefe Blick ins Evangelium, der energische Verweis, dass primär die Beziehung zwischen Gott und Mensch bestimmend für das Leben ist, dann die zwischen Mensch und Mitmensch und dann erst die zwischen Mensch und Institution.

Das wehrt innerweltlichem absoluten Machtanspruch. Es wehrt dem Versuch, Menschen der eigenen Auffassung zu unterwerfen, sie gar zu vernichten, wenn sie ihr nicht entsprechen. Luther hat es auch vermocht, der Bildung einen erheblichen Aufschwung zu geben – wer die Bibel selber lesen kann, der kann sich ein eigenes Bild machen, der oder die kann zu einem kritischen Urteil gelangen. Bildung ist ein Bollwerk gegen Fundamentalismus – sie fordert zur Stellungnahme heraus, zwingt zum Nachdenken, zur Positionierung und zum Diskurs. Wer den nicht will, ist in meinen Augen verdächtig...

Für das Christentum stehen auch beispielhaft die Feministische Theologie und die Befreiungstheologie. Die Feministische Theologie machte darauf aufmerksam, dass der Umgang Jesu mit den Frauen grundstürzend anders war als der jahrhundertelange Umgang der europäischen Männer mit den Frauen. Die Befreiungstheologie, die in Lateinamerika entstand, erhebt die Stimme für die Armen, erkennt Gottes Votum für sie und kritisiert die bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Der Blick von Papst Franziskus auf den Klimawandel vor allem als soziales Problem ist geprägt von der Befreiungstheologie.

Nebenbei sei bemerkt, dass der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland schon 2009 in seiner Denkschrift „Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“ genau diesen Weg gegangen ist, den Zusammenhang von Klimawandel und Armut gesehen hat und ebenfalls die Option für die Armen als ethische Orientierung empfohlen hat. Religion und Glaube können die Welt verändern. Als Christen geben wir uns niemals mit dem Status quo zufrieden, denn wir wollen mitbauen am Reich Gottes, dem Reich des Friedens, in dem „die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern.“ (Jes 11,6)

Damit bin ich bei der Frage, was wir tun können, damit Religion nicht für Terror, Gewalt und Unfriede missbraucht werden. Zunächst ist eine klare internationale Ächtung von Terror und Gewalt notwendig, und zwar auf politischem wie auf religiösem Parkett. Es muss dezidiert Aufklärung im umfassenden geistig-geistlichen Sinn betrieben werden, denn wo sie fehlt, sind verheerende Folgen zu konstatieren. Es braucht weltweit die Rechenschaft und Selbstkritik gegenüber Fundamentalismus innerhalb der eigenen Religion oder Konfession. Ebenso müssen wir uns gegenseitig die Kritik gegenüber dem Fundamentalismus in anderen Religionen zumuten und in einen Diskurs darüber treten.

Zudem muss weltweit die theologische Kritik am Missbrauch von Religion hörbar werden. Machtinteressen müssen als Machtinteressen gekennzeichnet werden und nicht als Heiliger Krieg. Politikerinnen und Politiker sollten in ihrem Sprachgebrauch darauf achten, religiöse Begriffe und Bilder nicht zu instrumentalisieren. Wenn sie es tun, müssen Theologinnen und Theologen dies zurückweisen. Zur Aufklärung gehört profilierter Religionsunterricht, auch ein islamischer Unterricht in Deutsch nach staatlichen Lehrplänen. Bildung ist generell das Stichwort, um Unwissenheit, Angst vor Fremdem und Borniertheit zu überwinden, um stattdessen geistige Freiheit  und Toleranz zu befördern.

Die Goethe-Institute in aller Welt leisten hier hervorragende Arbeit. Für die evangelische Kirche muss im „Nachgang“ zu Luther, dem Aufklärer vor der Zeit der eigentlichen Aufklärung, Bildung, das Wissen um Gott, sich selbst und die Welt, stets im Vordergrund stehen. Wir brauchen nicht weniger Religion und Theologie, sondern mehr guten theologischen Nachwuchs und auskunftsfähige Christenmenschen. Leute, die sich nicht radikalisieren lassen, sondern theologisch selbstständig denken können. Die kritisch einfache Lehren hinterfragen und verantwortlich die Sehnsucht nach religiösen Antworten stillen können. Und die sprachfähig sind im interreligiösen Dialog.

Wir brauchen ein festes, lebendiges Fundament unserer Gesellschaft statt tödlichem Fundamentalismus, d. h. klare Positionen in einer diffusen Welt. Vor allem Christinnen und Christinnen sollten ihre eigene Haltung und Mentalität profilieren und „sichern“. Die partielle westliche geistige und moralische Verlotterung gibt tatsächlich kein beeindruckendes Bild ab – bei allem Respekt vor Liberalität und der eigenen Façon. Die großen Religionen sollten zudem in einer „Ökumene der Tat“ gemeinsam weltweit vorhandene soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme anpacken. Auch wenn Armut nach Auffassung vieler Experten nicht unmittelbare Ursache für Fundamentalismus und Terrorismus ist, stützt sie beides doch.

Es wird also darum gehen, übrigens schon aus dem christlichen Glauben heraus, nicht allein wegen des zu bekämpfenden Gewaltpotentials, weltweit für mehr politische, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit einzu-treten. Das Ungleichgewicht zwischen den Ländern darf nicht einfach achselzuckend oder gar absichtlich in Kauf genommen werden. Ermutigend war das Zusammenrücken der Gläubigen aus Christentum und Islam nach dem 11. September, ein vielstimmiges Gebet um Frieden in Kirchen, Synagogen und Moscheen war zu vernehmen, das längst nicht verklungen ist und das wir z.B. in München in Gemeinschaft auch mit unseren jüdischen Geschwistern fortsetzen.

Im eigenen Land sind wir aufgefordert, Beheimatung zu ermöglichen und ausländischen MitbürgerInnen das Gefühl zu geben, hier herzlich willkommen zu sein. Insgesamt spielt der Alltag eine wichtige Rolle. Es geht darum, zusammen mit ausländischen MitbürgerInnen zu feiern, zu essen und zu trinken, ihre Kultur und Religion kennen zu lernen, Tage der Offenen Tür in Gemeinden, Kirchen, Synagogen und Moscheen sowie in anderen öffentlichen Einrichtungen zu ermöglichen, im Urlaub Hotelghettos zu verlassen und insgesamt Neugier, Interesse aneinander auf allen Ebenen zu wecken. Es geht um die Verbindung von Hirn und Herz, von Bildung und Emotion in der Begegnung mit den Mitmenschen.

Wir brauchen ein Herzens- und ein Wissenskonzept, um mit der Bedrohung von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit unter dem Deckmantel der Religion fertig zu werden. Jedem und jeder muss klar sein: Wahre Souveränität verzichtet auf Machtgier und Vernichtung. Das geistliche Motto „non vi sed verbo“, nicht mit Gewalt, sondern der Kraft des Wortes, müsste als vorbildlich für das Zusammenleben eingeübt werden. Gerade im Christentum erkenne ich ein großes Friedenspotential. Der Gott des Christentums ist keine statische und numerische Einheit, sondern ein trinitarischer Gott.

In Jesus Christus hat dieser Gott sich heilvoll vergegenwärtigt. Von ihm aus erschloss sich der Sinn von Schöpfung und Geschichte – und zwar durch die Kraft des Heiligen Geistes. Zweierlei wird daran deutlich: Gott ist keine jenseitige Macht, die ihren Willen gewaltsam durchsetzt. Und: Er ist anzubeten als der Ewige, der sich in Jesus Christus hingibt in die Ohnmacht, um zu retten. Durch die Macht der Liebe werden Menschen erlöst, nicht durch Gewalt. Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit zu sich in Beziehung, in einer auf Erden offenbar nicht zu realisierenden Beziehung zwischen unangefochtener Identität und selbstverständlicher Sozialität. Was folgt daraus für Menschen?

Die Vision von der gelingenden Sozialität unter Menschen (nach Jürgen Moltmann): Jeder, jede darf er, sie selber sein, sich bejahen und verwirklichen zum eigenen Nutzen, zugunsten der Partner und der Gemeinschaft. Das folgt einem himmlischen Ideal, denn Gott, wie Jesus ihn vorstellt, setzt sich eben nicht mit Gewalt durch. Wir haben uns, soweit irgend möglich, von Liebe und Verständnis bestimmen zu lassen, von der Einsicht in und der Abhilfe von Ungerechtigkeit, Not, Hunger, Unterdrückung u.ä. mehr – statt wie bisher oft vom Wegsehen, vom Zweckrationalismus und reinen Wirtschaftlichkeitserwägungen.  

Es ist mit an uns, wie der evangelische Theologe Hans-Martin Barth sagt, die Religionen zu ermuntern, ihr „eigenes Friedenspotential neu zu reflektieren und zu aktivieren“, damit „Baruch ata elohim, Allahu akbar und Kyrie eleison zusammenklingen“ zum Wohl der Menschen – ohne, dass wir auf unseren eigene Glauben, unsere eigene Überzeugung verzichten sollten. Ein großes Paket, das ich uns geschnürt habe. Aber wer, wenn nicht wir, denen unser Glaube eine echte Herzensangelegenheit ist, sollte im Namen Gottes sich einsetzen für eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe herrschen? Wenn wir uns darum bemühen, wird Gott seinen Segen dazu geben.
Ich danke Ihnen.

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