Predigt zum Semesteranfangsgottesdienst: „Herz ist cool!“

Sonntag Jubilate, 17. April 2016
München, St. Markus

Liebe Schwestern und Brüder! 

Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben... Haben wir eine solche Therapie echt nötig? Eine Herztransplantation samt neuem Kopf? Bevor wir uns dem öffnen, könnten wir ja mal nachschauen, was dieses Herz eigentlich ist, von dem das Bibelwort spricht. 

Im Alten Testament mit seinem Gespür für den Zusammenhang des Lebens mit allen inneren Organen wird das Herz als Sitz nicht allein von Gefühlen beschrieben. Wenn die Bibel vom Herzen spricht, dann meint sie alles, was wir mit Kopf und Hirn verbinden: Unsere Vernunft, die Fähigkeit zu erkennen. Herz, das sind Einsicht und Gedächtnis; das, was wir wissen und wollen, worüber wir nachdenken und urteilen, woran wir uns orientieren. 

Die Frage nach einem großen Herzen ist die Frage nach dem ganzen Mann, der ganzen Frau. Ein großes Herz: Das ist die Fähigkeit, zuzuhören, nachzudenken und anderen beizustehen, wenn sie leiden. Ein Mensch mit einem engen Herzen schottet sich ab, macht dicht. Einer mit großem Herzen ist hellwach für die Wirklichkeit. Er oder sie weiß um die Sorgen anderer, nimmt Anteil und kümmert sich darum. 

Ein solches Herz – das ist auch vergnügtes Lachen und echte Lebensfreude, ja, auch Partylaune. Ein großes Herz ist Neugier auf Mensch und Gott. Was denkt die andere? Was fühlt er? Was treibt sie um? Woran glaubt er? Jemand mit einem großen Herzen freut sich mit anderen mit und gönnt ihnen alles, was sie haben. Einer mit einem weiten Herzen ist attraktiv – anziehend. Mit so jemand mag man gerne beisammen sein. 

Der Prophet, der von der emotionalen Herztransplantation spricht, weiß, warum er das tut. Und er könnte ein Mann von heute sein. Denn er schaut sich um und sieht, was er als soziale und wirtschaftliche Gottlosigkeit bezeichnen würde: Leute eignen sich an, was ihnen nicht gehört, sie klauen, sind hab- und profitgierig. Er sieht Vertragsbruch, Betrug und Bestechung; Schadenfreude und Rachsucht.

Er entdeckt zerbrechende Partnerschaften, Kindesmissbrauch; Elend und Armut, Attacken gegen Schutzlose und Fremde; Gewalt, Blutvergießen; Flucht und Vertreibung. Er sieht Kinderopfer, wie wir sie heute haben, wenn schon die Kleinsten sich prostituieren müssen, Steine klopfen, sich die Finger blutig weben oder als Kindersoldarten kämpfen. Deshalb braucht es auch heute ein fleischernes, lebendiges Herz und einen wachen Geist. 

Übrigens sprechen unsere Mediziner ebenfalls von einem „steinernen Herzen“. Gemeint ist der Verlauf der koronaren Herzkrankheit – einer der häufigsten Todesursachen in unseren westlichen Industriestaaten. Sie wissen, dass es dabei um eine echte Herzverhärtung geht. Die Adern werden starrer, härter als gesunde Gefäße. Sie verengen und werden so zu einer wirklichen Bedrohung.

Das ist die körperliche Seite der Redensart, jemand sei „hartherzig“ und habe ein erstarrtes, „steinernes“ Herz. Ein solches hartes Herz kann nicht mehr flexibel auf alltägliche Herausforderungen reagieren. Die Herzschlag-Frequenz, der Puls, muss ausreichend schwanken können, sonst wird´s, ja, eng. Wer über ein weiches, also variables Herz verfügt, ist deutlich besser dran als Menschen, die ihre Seele unentwegt mit Füßen treten.

Die auf Gefühlsregungen nicht achten und so eine Herzerkrankung beinahe heraufbeschwören. Ein seelischer Hauptfaktor für viele Herzleiden ist Stress in jeder Form. Ein Stress, der daher rührt, dass sich jemand grundsätzlich über Jahre hin überfordert, an der Leistungsgrenze arbeitet und in der Freizeit auch noch schuftet. Oder, wenn jemand perfektionistisch alles selbst machen möchte, weil er – oder sie – anderen Menschen nichts zutraut. 

Zu einem medizinisch harten Herzen gehören oft Hetze, Ungeduld, und aggressives Rivalisieren. Dazu gehören dauernder Ellbogeneinsatz und tiefwurzelndes Misstrauen. Tests zeigen, dass feindselige Menschen eher zu einem Herzinfarkt neigen und früher sterben als freundlich gesonnene. Wer aggressiv ist und immer wieder aufbrausend auf andere losgeht, hat eher verengte Halsarterien als umgängliche, nette Zeitgenossen. 

E.T.A. Hoffmann hat diese Gedanken in seiner Erzählung „Das steinerne Herz“ verarbeitet, in der ein alter, verbissener Hofrat in dem Moment wieder innerlich jung wird, als er verschüttete Gefühle von Liebe und Zuneigung neu entdeckt. In Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ verkauft ein junger Mann namens Peter sein Herz für Geld. Bald stellt er fest, dass er sich an nichts mehr freut, nicht mehr lachen, weinen und lieben kann.

Sein Herz aus Stein nimmt keinen Anteil mehr an anderen. Er heiratet und erschlägt seine Frau, die einem alten Mann Wasser spendiert. Im Angesicht der zerstörten Liebe bereut Peter. Und weil es ein Märchen ist, bekommt er nach einigen Irrungen und Wirrungen sein Herz zurück und seine Frau ihr Leben. Bevor wir etwas kaputtmachen vor lauter Härte, uns selbst oder andere: Pflegen wir ein warmes, achtsames Herz. 

Wie recht der Prophet hat – unter individuellen, gesundheitlichen Aspekten wie unter dem Blickwinkel eines humanen Miteinanders. „Herz ist cool“ meint also nicht kalt! Eher: Man könnte vielmehr sagen, es ist cool, ein heißes Herz zu haben und einen kühlen Verstand. Recht verstandener Glaube verlockt dazu, das eigene große und weite, das goldene Herz wiederzufinden. Wieder richtig Luft zu bekommen für sich selber und andere, entspannt und neugierig zugleich in die Weite zu sehen.

Das Herz soll weit werden. Und ein solches Herz braucht Pflege. Ich mag das Wort Herzensbildung. In Ratgebern oder bei Persönlichkeitstests wird von emotionaler Intelligenz gesprochen  – aber letztlich ist es dasselbe. Das Herz als Sitz von Gefühl und Gemüt braucht tatsächlich Bildung. Nur so kann man mit anderen und mit sich gut und liebevoll umgehen. Herzensbildung – das ist Kultur und Zivilisation. 

Man sieht überall in der Welt und in allen Religionen, wohin es führt, wenn das Herz eben nicht weit, sondern eng ist. Wenn blindwütige Fanatiker nur gelten lassen, was ihnen in den Kram passt. Um Größe zu zeigen und Weite zu leben, braucht es Wissen und eine kluge Entwicklung menschlicher Empfindungen und Gefühle. Ein weites, großes Herz zu haben, das bedeutet, sich der Menschlichkeit zu verschreiben. 

Das Herz ist ein leidenschaftliches, blutvolles Organ. Eines, das wir verschenken und verlieren, wenn wir unsterblich verliebt sind. Eines, das wir uns fassen und in die Hand nehmen, wenn wir mal eine Packung Mut brauchen. Ein Organ, das hoffentlich am richtigen Fleck sitzt, manchmal bis zum Hals schlägt, wenn wir Angst haben, das einem schwer wird vor Sorgen und gelegentlich in die Hose rutscht. Etwa bei Prüfungen.

Das Herz ist ein Organ, das wir auf der Zunge tragen, wenn wir eine sehr direkte Person sind oder das wir jemandem bei Kummer vertrauensvoll ausschütten. Eines, das mitsamt der Seele vereint ist, wenn wir mit jemandem völlig übereinstimmen. Das einem im Leibe lacht und das einem hoffentlich niemals bricht. Ein Organ, das, alt geworden, manchmal wieder entzückend jung wird. 

Ach, wir möchten doch alle so ein fleischernes, kräftiges, lebendiges Herz. Wunderbar offen für andere: Ich gönne anderen zum Beispiel ihr Glück und ihren Erfolg, freue mich daran mit – was ich habe, wird dadurch eher mehr. Man kann großmütig und ohne Bitterkeit verzeihen, wenn man spürt, dass man selber auf ein weites Herz angewiesen ist – bei Gott und Mensch. Aufatmen, durchatmen. 

Übrigens: Die Oberfläche des Planeten Pluto zeigt ein großes weißes Herz. Sehr nett - am Ende unseres Sonnensystems ein Herz. Pluto ist in der klassischen Mythologie der Gott der Unterwelt. Das passt zu dem Zwergplaneten. Er ist von unserer Sonne so weit entfernt wie kein anderer Stern und ist minus 230 Grad kalt. So ungemütlich kann man sich die Unterwelt durchaus vorstellen. 

Für die Menschen der Bibel war das Totenreich unerreichbar weit entfernt, abgeschnitten vom Leben. Sie haben befürchtet: Im Tod bin ich einsam, von Gott und von den Menschen verlassen und vergessen. Aber gleichzeitig haben sie gehofft: „Wenn ich zum Himmel fahren würde, so bist du, Gott, da. Und selbst in der Unterwelt, bei den Toten, bist du da.“ So beten Menschen in der Bibel. 

Der Planet Pluto mit Herz. Da ist Sehnsucht drin: Weit weg von Sonne, Licht und Leben, auch noch am äußersten Ende wartet ein Herz auf mich. Das passt wiederrum gut zu einer weiteren Bibelstelle. Hiob, der wirklich ein elend schweres Leben hatte, dem alles genommen wird, dieser Hiob staunt: „Was ist der Mensch, Gott, dass du so groß ihn achtest, und gar dein Herz auf ihn setzt?“ (Hiob, 7,17). 

Eine bewegende Einsicht: Gott hat ein Herz. Und noch dazu ein Herz für uns – ist das zu fassen? Er hat uns, er hat Sie, er hat Dich auserwählt und uns fest in sein Herz geschlossen. Da wird es einem schon gleich warm ums eigene. Da merke ich, wie meines schlägt. Für mich selbst natürlich – aber auch sehr leidenschaftlich für andere. Denn wenn ich die herbe Kritik des Propheten positiv wende, dann weiß ich, wem mein Herz gehört. 

Meinem Mann natürlich, das ist klar. Meinen Freunden. Aber auch denen, die mich brauchen: Kinder in unserem Land und weltweit, Frauen, die nach Schutz suchen, Bedürftige, die ein Dach über dem Kopf nötig haben, genauso, wie etwas zu essen und zu trinken, zum Anziehen. Leute, denen es am Nötigsten fehlt oder die so reich sind, dass sie verzweifelt nach dem Sinn des Lebens fahnden. 

Unser Herz sollte auch denen gehören, die krank sind, sterbenskrank oder dement, die sich nach Besuch sehnen. Die in einer Justizvollzugsanstalt hocken und sich zum Guten hin verändern wollen oder entlassen wurden und einen Neunanfang versuchen möchten. Mein, unser Herz sollte denen  gehören, die verfolgt und verzweifelt aus ihrer Heimat fliehen müssen und noch fremd bei uns sind. 

Ja, und es gehört schon bei dem Wohlleben, das uns vergönnt ist, auch dazu, auf einen fairen Handel zu achten. Auf eine Weltwirtschaft, die nicht allein den Vorteil unserer Hemisphäre im Auge hat, sondern auch den Nutzen für die, die immer noch herumkrebsen am Existenzminimum. Ein Herz zu haben bedeutet halt auch, auf Gerechtigkeit zu achten und darauf, dass alle ihr Auskommen haben. 

Der gute alte Phil Collins hat in dem herrlichen Soundtrack zu “Tarzan” etwas gesungen, was man der eigenen Liebe genauso sagen kann,  wie – natürlich in Nuancen und Variationen -  all denen, denen wir unsere Zuneigung oder Empathie schenken, weil sie sie auch brauchen. „Just take my hand, hold it tight, I will protect you, from all around you, I will be here, don’t you cry. My arms will hold you, keep you safe and warm. 

This bond between us  can't be broken. I will be here, don't you cry, ´cause you'll be in my heart, yes, you'll be in my heart, from this day on now and forever more, you'll be in my heart, no matter what they say, you'll be here, in my heart, always.” Wie gesagt, Worte und Töne für den allerliebsten Menschen. Aber eben auch für andere, an die wir heute denken. Platz im Herzen für sie zu haben, macht es weit statt eng. 

Ein fleischernes, lebendiges Herz, ein offener Geist  – das ist voll cool. Unsere ganze Welt braucht es nötig, dass wir tägliche und globale Routinen hinterfragen, um auf unser Herz zu hören und andere eben dort hinein zu schließen. Gönnen wir uns ein offenes, quietschlebendiges Herz, das uns und andere groß macht. Fenster auf, Luft geholt, in die Weite geschaut – und unser Herz, den Sitz des Lebens, offen gemacht. So macht es Freude zu leben! Amen.