Predigt zum Ersten Weihnachtsfeiertag 2015

25.12.2015, 10 Uhr
München, Christuskirche

Mögen Sie Überraschungen, liebe Gemeinde? Schöne schon, werden Sie vielleicht sagen. Und Weihnachten ist die ideale Zeit dafür. Oder Sie sagen: Muss nicht sein – man weiß nie, was dann kommt. Richtig. Überraschungen haben es so an sich, dass sie Erwartungen höchst selten entsprechen oder erfüllen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn das Wesen von Überraschungen ist es ja gerade, Unerwartetes zu bescheren. Das ist möglicherweise auch gestern, am Heiligen Abend, bei den Geschenken so gewesen. 

Das Buch war nicht der aktuelle Krimi, auf den man heimlich spekulierte. Sondern ein wunderschön gebundener Lyrikband. Die warmen Socken, die man bekam, sind nicht glatt- und feinmaschig, sondern kernig selbstgestrickt. Sie stammen halt nicht, wie gewohnt, aus dem Fachgeschäft, sondern von einem Wohltätigkeitsbasar. Man kann auf solche Überraschungen unterschiedlich reagieren – auch leise enttäuscht. Das ist manchmal durchaus nachvollziehbar. Aber letztlich schade.

Denn eigentlich, wenn man frustriert ist, weil nicht alles nach Plan läuft, hat man nicht so ganz viel Lebensspielraum. Deswegen, weil man lieber alles selbst im Griff haben, nie den eigenen Einfluss verlieren will. Das hat selbstverständlich gute Seiten, weil man nicht dem Laissez-Faire verfällt, einem Verhalten, das einfach alles gleichgültig schleifen lässt. Aber wirklich immer alles unter Kontrolle haben zu wollen, das macht letztlich innerlich eng und unfrei.

Klar: Auch wer Überraschungen sehr liebt, wie ich, der wird sich nicht immer über alles freuen. Aber er oder sie ist im Herzen und im Kopf eher offen und weit. Ist in der Lage, von sich selbst abzusehen und anderen auch mal das Handeln zu überlassen und dadurch bereichert zu werden. In unserem Land und in unserer Stadt ist zur Zeit eine solche fröhliche Offenheit zu beobachten. Viele Menschen bereiten momentan Flüchtlingen ein herzliches Willkommen.

Ich weiß, dass andere sich Sorgen machen. Und damit meine ich nicht die Hetzer, die ihre Ausländerfeindlichkeit und ihren Antisemitismus in großem und kleinem Stil ausleben. Nein, ich meine die, die achtsam nachdenken und nachfragen. Die überlegen, wie wir mit der großen Zahl von Flüchtlingen so umgehen, dass der soziale Friede gewahrt bleibt und wir miteinander Integration schaffen können. Diese Gedanken – wenn sie nicht einfach rechtsextrem sind – muss man ernst nehmen.

Wie kann Integration gelingen, wenn unser Rechtsstaat Asylverfahren nicht zügig durchführen kann, Flüchtlinge lange nicht erfahren, ob sie bleiben dürfen? Welche Zukunft haben die, die heimlich bei Verwandten einziehen, um nicht in Sammelunterkünften leben zu müssen? Was sagen wir denen, die durch fleißige Arbeit in unserem Land ihrer Dankbarkeit Ausdruck verleihen wollen, aber keine Arbeitserlaubnis bekommen, weil es Monate, Jahre dauert, bis Verfahren abgeschlossen sind? Diese Fragen sind berechtigt...

Wir wollen gemeinsam überlegen, wie unsere Gesellschaft neu werden kann. Dazu gehört selbstverständlich, Probleme nicht zu verschwiegen und Herausforderungen mit Schwung anzunehmen. Es gehört dazu, unsere demokratische Verfassung hochzuhalten, Zuwanderer mit Glaubens- und Religionsfreiheit, mit Meinungs- und Pressefreiheit zu überraschen, ihnen überzeugend die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorzuleben. Das kann doch – und soll – bei unseren Neuankömmlingen freudige Begeisterung auslösen.

Und was ist mit uns? Wer die positiven Überraschungen, die sich im Zusammenleben mit Flüchtlingen einstellen, nicht haben will, der beraubt sich selber einer Horizonterweiterung. Meist reden ja sowieso bloß die schlecht über Flüchtlinge, die gar keine persönlich kennen. Es ist deshalb keine Blauäugigkeit, wenn ich sage, dass wir alle, die Flüchtlingen täglich begegnen, nicht bloß Probleme sehen, ja, die auch, sondern auch unglaublich bereichert werden.

Da ist die irakische Frau, die furios kocht und uns ihre gesellige Tischkultur beibringt. Man trifft auf einen jungen Syrer, der christliche Kirchenlieder in einem herrlichen Tenor zu singen weiß und die Philosophen Kant und Hegel gelesen hat. Das nigerianische Mädchen, das noch nicht lesen und schreiben kann, hat ein solch bezauberndes Lachen, das mit ihr immer die Sonne aufgeht. Der afghanische Halbwüchsige will Fitnesstrainer werden, damit ihm nie wieder jemand körperlich zu nahe kommt. Sein Kumpel wird Schreiner.

Ich bin immer wieder freudig überrascht, was ich erfahre und lerne von Menschen anderer Kulturen, Nationen und Religionen. Das macht das Herz weit und den Verstand offen. Der Horizont vergrößert sich. Wenn wir in Urlaub fahren, ist es ja auch so: Wir freuen uns an Neuem, Überraschendem, zehren von Erlebnissen, die wir daheim nie gehabt hätten. Jetzt sind Menschen zu uns gekommen, die uns die ferne Welt nahe bringen. Das Unerwartete kommt in unseren Alltag. Das ist eine innige Verbindung zur Weihnachtsbotschaft.

Denn Gott kommt unerwartet. Er bricht sozusagen ein in unseren Alltag und stellt ihn auf den Kopf. Weihnachten ist keine Idylle, gleich, wie schön und gemütlich wir es uns – völlig zu Recht! – in diesen Tagen machen. Das spüren wir, wenn wir uns diese unglaublich wunderbare Geschichte in ihren Feinheiten vor Augen führen und ins Herz sinken lassen. Da bleibt der allmächtige Gott nicht im Jenseits – er wird Mensch und verzichtet darauf, unangefochten im Himmel zu thronen.

Gott wird Kind einfacher Leute, kommt nicht als Sprössling einer königlichen Dynastie oder reichen Familie zur Welt. Er ist nicht in feine rosa oder hellblaue Wäsche gepackt, sondern liegt auf Stroh und geht in grobem Leinen. Über dem Stall liegt bereits der Schatten des Kreuzes. Da schaukelt kein zart klingendes Mobile… Gott macht in der Heiligen Nacht ernst mit seinen Überraschungen. Sehr ernst. Es ist notwendig, das über unserer beseligenden Festfreude nicht zu vergessen.

Denn Gott ist selbst die pure Überraschung, das Unerwartete kommt mit ihm in unser Leben. Und eben nicht, das sieht man an den Geschichten der Bibel, irgendwie nett und gefällig, passend zu dem, was wir immer schon gedacht, gesagt und getan haben. Er lockt uns aus der Reserve, fordert uns heraus, provoziert uns sogar – so, wie Jesus es auch mit seinen Zeitgenossen gemacht hat. Einige, viele, im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende Millionen von Menschen begeistern sich dafür.

Sie lassen Gottes Botschaft von Liebe und Gnade ohne Bedingungen an sich heran, von einer Liebe und Leidenschaft, die das ganze Leben für andere riskiert und wagt. Von einer Passion, die eben nicht erst fragt: Wer bist du, was kannst du, was leistest du – sondern die auf andere zugeht, sie freundlich auf- und annimmt. Die Passion für das ganze Leben bricht sich Weihnachten Bahn – zunächst zart, zärtlich wie ein Baby, wie das göttliche Kind. Dann kraftvoll, redegewandt, konsequent, unbeirrt, erwachsen wie Jesus.

Gott provoziert. Er lässt nichts, wie es ist. Das begeistert. Aber es weckt auch Widerspruch, weil Angst macht, was man nicht kennt, was den ewig vertrauten Kreislauf von Leistung und Anerkennung, von folgsamer Anpassung und Liebe, von „du musst erst passen, damit du recht bist“ umwirft. Du bist Gottes geliebtes Geschöpf – unabhängig davon, ob du schwarz, weiß, reich oder arm bist, schlau oder schlicht, deutsch oder syrisch. Ein Teil seiner Zeitgenossen konnte diese Botschaft Jesu nicht ertragen. Sie mussten ihn vernichten.     

Wir sind glücklich, selig über den Mensch gewordenen Gott, der uns persönlich zeigt, wie Leben geht. Weihnachtlich, liebe- und phantasievoll, kreativ und zugewandt, mit Zeit füreinander, überlegt, überraschend verpackt, entzückt enthüllt. Weihnachten, so verstanden, ändert die Sicht auf das Leben. Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind auch ein Einbruch in unsere gewohnte Wirklichkeit. Sie sind nicht Gott, natürlich nicht. Eben so wenig wie wir selbst. Aber sie sind allesamt wie wir Gottes Ebenbilder. 

Die meisten Menschen in unserem Land freuen sich darüber, auch über die unerwartete Möglichkeit, helfen zu können. Durchaus auch wieder einen Sinn für ihr eigenes Leben zu entdecken. Neue Aufgaben bringen neue Erfüllung. Andere sind unsicher, ängstlich. Wie können sie mit dieser Überraschung, die Flüchtlinge darstellen, angemessen umgehen? Wie die Fülle der Herausforderungen bewältigen? Noch einmal: Diese Sorgen, wenn sie sich um das gemeinsame Wohlergehen bei uns, in Europa drehen, nehme ich sehr ernst.

Wir müssen uns die Ehre der Auseinandersetzung gönnen – die Argumente zu unser aller Vorteil wechselseitig prüfen und das Gute davon behalten. Immer aber in dem Bewusstsein, dass Gott selbst sich uns in jedem Menschen anvertraut, der uns begegnet. Er traut uns zu, dass wir mit ihm wie mit den Kindern dieser Welt behutsam umgehen. Gott, der gleich nach seiner Geburt mit seiner Familie wegen Gewalt und Terror fliehen und um Asyl im Nachbarland bitten musste, trifft uns in allen, die unsere Hilfe brauchen.

Zugleich will er auch in uns Wohnung nehmen. Er ist uns nahe auch an diesem Weihnachten – ob wir traurig, besorgt oder fröhlich und gelassen sind. Lass dich überraschen, sang vor Jahren ein charmanter Conferencier. Mögen Sie Überraschungen, liebe Gemeinde? Himmlische vielleicht? Weihnachten ist die ideale Zeit dafür. Auch wenn wir nicht immer so genau vorher wissen, was dann kommt. Aber bei Gott können wir sicher sein, dass er eines ganz sicher will: Dass wir leben und lieben. 

„Fürchtet euch nicht“ sagt der Engel in der Heiligen Nacht. „Fürchtet euch nicht“ – wer das sagt, der weiß, dass es manchmal zum Fürchten ist. Der weiß aber auch: Es gibt Hoffnung. Und Hoffnung, die brauchen wir für unser Leben. Hoffnung in Gestalt von menschlichen Engeln, die Angst klar und deutlich sehen, die irdische Nöte und Verzweiflung mit Verständnis und viel Geduld ansprechen. Es braucht himmlische Boten mit menschlichen Gesichtern, die in jedem Menschen, Gottes unvergleichliches Ebenbild erkennen.

Wir dürfen leben und lieben – uns selbst und alle, die sich uns anvertrauen, die uns von Gott anvertraut sind. Gott ist Mensch geworden. Und er macht uns an Weihnachten das größte Geschenk – sich selbst, Menschlichkeit in himmlischer Gestalt, göttliche Humanität. Der Himmel kommt auf die Erde. Lassen wir uns damit beschenken. Machen wir es ihm nach. Und werden oder bleiben wir lebens-, liebens- und leidensfähige Menschen, voller Einfühlsamkeit.

Amen.