Menschen beherbergen

Begrüßung beim Jahresempfang der Regionalbischöfin im Kirchenkreis München in der Allerheiligenhofkirche in der Residenz München
24. Juni 2015

Sehr geehrter Herr Staatsminister,
sehr geehrter Herr Regierungspräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Frau Reiter,
hoch verehrte Frau Präsidentin, liebe Freundin Frau Dr. Knobloch,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

schauen Sie gerne über den Tellerrand des bayerischen Schweinsbraten – wörtlich verstanden? Unsere jüdischen Geschwister und muslimischen Freunde natürlich sowieso. Mir jedenfalls läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn im pakistanischen Restaurant Black Dhal serviert wird, ein Linsengericht mit Koriander. Fatteh Hummus mit Hühnchen schmeckt auch – so, wie es Syrer machen. Borschtsch ist zwar nicht ganz das meine, dafür bin ich bei dem nigerianischen Dambou, Bohnen mit Gemüse, wieder voll dabei oder bei gefilte Fisch im jüdischen Gemeindezentrum. Wenn es kalt wird, mag ich Havij, eine wärmende Gemüsesuppe mit Karotten, Linsen, Tomaten, Zwiebeln und Curry aus Afghanistan oder noch mehr die Manti von dort, eine Art Tortellini mit Quarksauce.

Essen und Trinken, sagt man, hält Leib und Seele zusammen. Das werden wir nachher wieder erleben, wenn Martin Frühauf mit seinem Superteam Essen kredenzt. Er kocht heute neben bayerisch schwäbisch, italienisch und mexikanisch. Wer miteinander isst, wer sich für Menschen und Länder interessiert, aus denen solche Köstlichkeiten kommen, fühlt sich mit ihnen verbunden. Wichtig, dass wir die, die zu uns kommen, nicht einfach als Problemfälle diskreditieren, sondern in ihnen Menschen sehen, die uns kulturell bereichern. In Freising etwa habe ich bei „Frauen im Dialog“ gelernt, wie in Ägypten, Äthiopien, Afghanistan, in Japan, Togo und der Türkei Gäste empfangen werden. Seitdem kann ich elegant mit den Fingern essen. Wir lernen von anderen Menschen und Kulturen.

Erinnern wir uns: Als nach 1945 Millionen von Flüchtlingen zu uns kamen, krank, invalide, traumatisiert, da war das am Anfang schwierig. Aber auf Dauer hat dieser Zustrom von Menschen unser Land nicht gefährdet, sondern gestärkt. Und als in den Jahrzehnten später Millionen aus Italien und Griechenland und der Türkei von deutschen Arbeitgebern angeworben wurden, da war dies nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell eine Horizonterweiterung für unser Land. Wer möchte heute ohne sie alle sein? Letzte Woche haben wir alle gemeinsam um Theodoros Boulgarides und Habil Kilic getrauert, die vor zehn und vierzehn Jahren von der NSU ermordet wurden – der eine griechisch-orthodoxer Christ, der andere Muslim.

Willkommen Apostolos Malamoussis – Du hast die Angehörigen Deiner Gemeinde in ihrem Schmerz begleitet und die der Familie Kilic. Wir wollen alle zusammen leben, wir können es! Willkommen Pater Deuscoros von der koptischen und Erzpriester Kalinov von der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde. Ich begrüße Dr. Jan Mühlstein von der Liberalen Jüdischen Gemeinde und Frau Ingrid-Elisabeth Franz von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Willkommen Imam Benjamin Idriz und seiner Gattin Nermina von der Islamischen Gemeinde in Penzberg, die nachher zum Fastenbrechen eilen – es ist Ramadan. Selbstverständlich ein herzliches Grüß Gott Herrn Weihbischof Bischof von der Schwesterkirche und allen, die mit Ihnen gekommen sind, und natürlich meinem Nachbarn Abt Dr. Johannes Eckert.

Unsere Religionen müssen, wollen sie Gott wirklich die Ehre geben, andere Menschen achten – andernfalls verfallen sie bloß einem gotteslästerlichen Allmachtswahn. Es ist klar: Wer einen Menschen angreift, der bei uns lebt, der greift uns alle an. Erschreckend, dass nach Umfragen 33 Prozent der Bayern eine ausländerfeindliche Einstellung haben, fast 13 Prozent sind antisemitisch gesinnt und – auch bedeutsam – 26 Prozent sind chauvinistisch geprägt. Frauen, die schon Hitler an die Macht gebracht haben, sollten mal wieder dringend ihr Männerbild überdenken und ihre eigene Rolle überprüfen. Männlichkeitswahn, dümmliches Weibchenschema und zerstörerische, geschichtsvergessene Angst vor dem Fremden gehen für mich Hand in Hand.

Wir brauchen intelligente Männer und Frauen wie Sie, die ein Menschenbild kultivieren, das von Respekt bestimmt ist. Ich danke den Vertretenden der Medien, dass sie an einem solchen Menschenbild mitarbeiten. Willkommen den Journalisten und Journalistinnen des Bayerischen Rundfunks, der Süddeutschen Zeitung, des Münchner Merkur, der Abendzeitung und von unserem Evangelischen Presseverband. Besonders begrüße ich heute Annette Ramelsberger, die in unvergleichlicher Weise vom NSU-Prozess berichtet und uns dadurch viel lernen lässt. Willkommen Herrn Polizeipräsidenten Hubertus Andrä und der Vizepräsidentin des Bayerischen Verfassungsgerichtes, Frau Ursula Schmidt-Stein. 

Auch Sie sind intensiv befasst mit dem Thema Asyl und Flucht – mit Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, gerade auch dann, wenn sie scheitern. Unser Glaube lenkt das Augenmerk auf die persönliche Verantwortung des Menschen vor Gott und seinen Mitmenschen, auf die Verantwortung für das öffentliche Bewusstsein, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Deshalb muss gesagt werden: Unser Land steht vor einer der größten Herausforderungen seit Jahrzehnten: Vermutlich zwischen 400.000 und 500.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr nach Deutschland kommen, nächstes Jahr werden es nicht weniger sein. Alleine um sie unterzubringen, medizinisch zu betreuen und zu versorgen, braucht es gewaltige Anstrengungen.

Mein Dank gilt Ihnen, lieber Herr Oberbürgermeister, der Sie sich gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit des Themas Asyl und Flucht mit Verve angenommen haben. Er gilt Ihnen, Herr Regierungspräsident, und Ihrer Vize, Frau Maria Els, die Sie beide stets gesprächsbereit sind und – wie ich aus eigener Anschauung weiß – sich jeden Tag um Verbesserungen bei der Unterbringung bemühen. Er gilt Herrn Staatsminister Dr. Huber, der für die erkrankte Staatsministerin Emilia Müller innerhalb weniger Stunden sehr spontan eingesprungen ist. Wir schicken ihr beste Genesungswünsche. Marcel Huber leitet mit hoher Kompetenz und menschlicher Wärme den Lenkungsstab der Staatsregierung. Ich danke meinem Mann, Kirchenrat Dieter Breit, der mit im Lenkungsstab sitzt und inzwischen seine ganze Zeit Asylbewerbenden und Flüchtlingen widmet. 

Die vorhandenen Strukturen reichen längst nicht aus: Jede Stadt, jeder Landkreis, jeder Regierungsbezirk in Bayern muss nach zusätzlichen Möglichkeiten suchen. Spürbare Einschränkungen für die einheimische Bevölkerung sind unvermeidbar. Wir alle sind gefragt, dafür einzustehen, dass verständliche Sorgen ernst genommen und zugleich ausländerfeindliche und menschenverachtende Tendenzen abgewehrt werden. An dieser Stelle möchte ich auch denen meinen Respekt zollen, die in Erstaufnahme- und in Gemeinschaftseinrichtungen ohne zu klagen ihren Dienst tun, an jedem Alltag, an Sonn- und Feiertagen, oft so, dass die Familie erheblich zurückstecken muss. Natürlich: Grund zu sachlicher Kritik gibt es sicher immer wieder und Missstände müssen abgestellt werden.

Aber ich weiß von Verantwortlichen wie etwa in der Regierung von Oberbayern, dass sie Mängellisten führen, die sie sorgsam abzuarbeiten suchen. Minister- und  Beamtenbashing ist weder zielführend noch menschenfreundlich. Ich bedanke mich bei Politikern und Politikerinnen für die Energie, die sie in die durchaus kontroversen Debatten und in unsere demokratische Kultur stecken. Ich gehe davon aus, dass es Konsens aller demokratischen Parteien ist und bleibt, das individuelle Recht auf Asyl, wie es im Grundgesetz verankert ist, auch in Zukunft wahren und schützen zu wollen. Und ebenso die Schutzgarantien, wie sie in der Genfer Flüchtlingskonvention erklärt sind. Nicht zuletzt das Lernen aus der deutschen Geschichte verpflichtet uns alle dazu, daran festzuhalten.

Täglich wird die Zahl der unbearbeiteten Asylanträge mehr. Schon jetzt sind es hunderttausende Menschen, die nicht wissen, wann ihr Antrag geprüft werden kann. Sie warten oft Monate und Jahre. Recht ist aber nur dann tragfähig, wenn der Anspruch darauf auch eingelöst werden kann. Gerade deshalb wünsche ich mir eine politische Diskussion über eine neue Konzeption der Migrationspolitik, die beherzigt, dass Asyl und Flüchtlingsschutz alleine nicht ausreichen, um jenen gerecht zu werden, die zu uns kommen. Hilfskontingente jenseits der Asylverfahren und nicht zuletzt auch ein großzügiges Einwanderungsrecht sind nötig, um Alternativen zu schaffen, Menschen Perspektiven zu eröffnen und das Asylrecht denen zukommen zu lassen, die darauf einen Anspruch haben.

Wir wollen als Kirche unseren qualifizierten Beitrag zur Diskussion leisten, wohl wissend, dass wir die Weisheit nicht für uns gepachtet haben. Willkommen den Abgeordneten des Landtages – an ihrer Spitze die Vizepräsidentin des Landtages, Ulrike Gote, Altvizepräsident Franz Maget, der Fraktionsvorsitzende der SPD, Markus Rinderspacher, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Margarete Bause, Gudrun Brendel-Fischer von der CSU in Vertretung des Fraktionsvorsitzenden, Gülseren Demirel, Fraktionsvorsitzende der Stadtgrünen, Fraktionsvorsitzender der Stadt-SPD Alexander Reissl. Willkommen Bezirkstagspräsident Josef Mederer, allen Stadt- und Landräten, den Oberbürgermeistern. Gerade die Kommunen stehen erheblich unter Druck – sie dürfen nicht in die Knie gehen.

Letztes Jahr kamen 3.400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bayern, 5.000 leben derzeit bei Pflegefamilien und in Kinderheimen. Das Herz zerreißt es einem, wenn inzwischen Fünfjährige mutterseelenallein auf die Reise geschickt werden. Ich danke allen in unsrer Kirche, die sich mit Hirn und Herz einsetzen. Dr. Günter Bauer von der Inneren Mission, dem Leiter der Einrichtungen und Dienste, Kirchenrat Klaus Schmucker, Stadtdekanin Barbara Kittelberger, Landessynodalen, DekanInnen und PfarrerInnen, die vor Ort mit den Ehrenamtlichen Großartiges leisten. Unser aller Leben hat sich verändert. Wir müssen sachlich und achtsam miteinander darauf hinwirken, dass wir die Aufgaben bewältigen und Menschen sich bei uns willkommen und zuhause fühlen. Auch die, die schon da sind.

Wie gut, dass Sie mit weitem Herzen und offenem Verstand dazu beitragen. Die Welt ist für viele unübersichtlich geworden. Schreckensmeldungen jagen sich. Es braucht Differenzierungsvermögen und innere Stabilität, um sich nicht von Angst hinreißen zu lassen. Angst macht hilflos und aggressiv. Sie verstellt den klaren Blick auf die Welt. Deshalb sind Demonstranten nicht einfach mit rationalen Argumenten zu erreichen. Vor allem nicht, wenn die Angst vor Fremden sich paart mit der vor persönlichen Verlusten und gesellschaftlichem Abstieg. Sonst könnte man erklären, dass Menschen ohne deutschen Pass uns jährlich 22 Milliarden Euro in die Sozialkassen spülen. Jeder von ihnen zahlt im Schnitt über 3.000 Euro mehr an Steuern und Sozialabgaben, als er in Anspruch nimmt.

Man könnte sagen, dass eine Zuwanderung von 200.000 Menschen den Steuerzahler im Schnitt jährlich um 400 Euro entlasten würde. Aber helfen diese Fakten weiter, wenn jemand voller irrationaler Ängste steckt? Sie, liebe Gäste, tun das Richtige. Sie spenden Geld und Kleider. Sie geben Deutschkurse und betreuen Schüler mit ihren Hausaufgaben. Sie begleiten zu Ämtern und Ärzten. Sie integrieren minderjährige Flüchtlinge in die Jugendarbeit, kochen und musizieren mit Flüchtlingen, führen ein Café der Nationen, machen Sonntagspicknick, Ausflüge – und feiern zusammen Gottesdienste. Ich freue mich über Rosenheim mit seinem Patenprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Danke, dass ich Schirmherrin sein darf.

Die Sinne müssen mitspielen, soll dumpfes Denken verschwinden, Scheu verloren werden und Integration gelingen. Miro Nemec, der charmant-geistreiche Tatort-Kommissar, wird uns diesbezüglich mit seiner Band Asphyxia einheizen. Der Name verspricht eine gewisse Atemlosigkeit… Es ist mir eine Ehre, Miro, dass Du da bist. Und es ist eine Freude, all diesen Menschen mit Eurer Musik eine Freude machen zu dürfen. 1940 hat Karl Valentin, der evangelisch-melancholische Komiker, einen inspirierenden Dialog geschrieben (Die Fremden). Dort heißt es: „Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd.“

So lernt man etwas über freundliche Bekanntschaft mit denen, die zu uns kommen. Und Valentin weiß: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde...“ Und ein Fremder, der schon lange in der Fremde ist, „…ist nur so lange ein Fremder, bis er alles kennt und gesehen hat, denn dann ist ihm nichts mehr fremd.“ Darauf arbeiten wir hin. Fremd sind unsere Sponsoren auch nicht, die sich auch auf dem Feld der Asylarbeit großherzig engagieren. Von der Stadtsparkasse begrüße ich für alle, die gekommen sind, den Vorstand Herrn Dr. Bernd Hochberger, von der Kreissparkasse Herrn Torsten Koch. Und von der Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge die Herren Jürgen Stobbe und Thomas Habermann. Sie alle machen möglich, dass ich so ehrenwerte Gäste wie Sie bewirten kann.

Ich danke Bernd Schreiber, dem obersten Chef der bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, dass wir wieder die Allerheiligenhofkirche nutzen dürfen. Natürlich danke ich auch meinem Team, ohne dass ich schlicht nichts bin: Maike Goldhahn, Heike Davidson, Karin Ferbar, Doreen Metz und Helge Apitz. Danke fürs liebevolle Zusammenstehen. Danke allen anderen, die im Hintergrund helfen. Liebe Schwestern und Brüder, ein Rabbi war zu Gast bei gelehrten Männern. Er überraschte sie mit der Frage: „Wo wohnt Gott?“ Sie lachten über ihn: „Was redet Ihr? Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“ Er aber beantwortete seine eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“ Lassen wir unsere Heimat einen Ort sein, an dem Gott gerne wohnt, weil wir menschlich sind.