Lichtstärke

Grußwort beim Lichtzünden der Israelitischen Kultusgemeinde München zum Chanukkafest auf dem Jakobsplatz München
21. Dezember 2014

Hochverehrte Frau Präsidentin, liebe Freunde und Freundinnen!

Ich bin dankbar, auch dieses Jahr wieder mit Ihnen zusammen Chanukka feiern zu dürfen. Als evangelischer Christin mit einem schönen jüdischen Vornamen, Shoshannah, ist mir dies eine besondere Ehre und Freude. Wir sind in vielfacher Weise einander verbunden und bleiben das auch. 

Im Buch Genesis, in Bereschit, lesen wir Juden und Christen miteinander: „Gott sah das Licht, dass es gut war, und unterschied zwischen dem Licht und der Finsternis“. Es war gut. Dieser Kommentar erfolgt nach der Erschaffung des Lichts, dem Wissen darum, dass es Heil, dass es Shalom gibt.

Die Finsternis, die auch existiert, die Dunkelheit, die menschliches Dasein manchmal umgibt und die uns dieses Jahr so oft auch weltpolitisch überfallen hat, wird nicht bewertet. Damit gibt es einen klaren Vorrang in der Schöpfung: Das Licht, die Helligkeit, die Bewegung des Heils, der Rhythmus der Liebe sind in Gottes Augen gut; sie sind für uns bestimmt.

Die Finsternis hat keine Qualität. Sie soll nur zum Licht führen. Wir wandern in ihr wie in einem dunklen Tal, um dann, irgendwann, wieder Licht, Wärme, Seligkeit zu spüren. Sie entzünden kraft- und hoffnungsvoll eine Kerze am Chanukka-Leuchter – und ich denke daran, dass die Leuchtkraft von Lampen früher in solchen „Kerzen“ angegeben wurde.

Was wir heute in Watt messen, hat sich vor Zeiten an der Lichtstärke einer Kerze orientiert. „Candle Power“ hieß das. Licht steht für Wärme, menschliche Zuwendung und Orientierung im Finstern. Kein Mensch, kein Volk, keine menschenfreundliche Religion kommt ohne Licht, ohne menschliche Nähe und Beistand aus.

Miteinander wollen wir in dieser Stadt und in unserem Land „Candle Power“ zum Leuchten bringen, die Lichtstärke unserer Gesellschaft erhöhen, Wärme und Menschlichkeit erhalten und vermehren. Sie wissen, wenn Sie mich kennen, wie sehr ich die sensible Lyrik von Rose Ausländer liebe, die fein zwischen Licht und Dunkelheit zu trennen wusste.

Deshalb, in inniger Verbundenheit, auch dieses Jahr zum Ende ein Gedicht von ihr: „Aus dem Himmel / eine Erde machen / aus der Erde / einen Himmel / Wo jeder / aus einer Lichtkraft / einen Stern ziehen kann“. Lassen Sie uns, liebe jüdischen Freunde und Freundinnen, auch weiter aus einer Lichtkraft miteinander Sterne ziehen.

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