Jahresempfang 2016

„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.“ (3. Mose 19,32)
München, Allerheiligenhofkirche
30. Juni 2016, 19 Uhr

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Müller,
sehr geehrter Herr Regierungspräsident Hillenbrand,
sehr geehrter Herr Stadtrat Vorländer in Vertretung für unseren erkrankten Oberbürgermeister, hoch verehrte Frau Präsidentin Dr. Knobloch!
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!

A Drag

„What a drag it is getting old”, singen die Rolling Stones schon 1965. In ihrem Song „Mother´s Little Helper“ beschreiben sie Frauen, denen mit den Jahren das Leben zur Last wird und die zu Psychopharmaka greifen. Wir feiern heute zum einen Menschen wie Sie, die genau das verhindern – dass jemand sich betäubt, um zu ertragen, was er oder sie mit zunehmendem Alter bewältigen muss, dass jemand gar ruhig gestellt wird, um nicht weiter zu stören. Sie, die Sie hier sind, sind ein Segen für unsere Gesellschaft. 

Ein Segen, weil Sie dafür sorgen, dass Senioren und Seniorinnen Freude an ihrem Leben haben. Dass sie spüren: Ich bin geschätzt und geachtet, gerade weil ich einen Packen Lebenserfahrung mitbringe. Diese effizienzverliebte Gesellschaft gewinnt an humaner Qualität, wenn sie nicht bloß börsennotierte Unternehmungen achtet, sondern Menschen, die die Ernte ihres Lebens eingefahren haben, die andere daran teilhaben lassen – und die, die sich älteren Herrschaften so wie Sie mit Esprit und Kreativität widmen. 

Vor einem grauen Haupt sollst Du aufstehen. Das ist unser Motto. Diese biblische Formulierung entspricht dem, was wir heute mit „Senior Experts“ beschreiben: Lebenspraktisches Wissen lässt sich von alten Menschen lernen, Wissen, das seinen Weg durch die Generationen findet. Senioren, Seniorinnen geben bei der Tafel Mittagessen aus, dichten im Reparaturdienst Wasserhähne ab, managen den Haushalt von Kirchengemeinden, sind Sprachpartner für Migranten oder Lesementoren für Grundschüler. 

Die Schriftstellerin Asta Scheib, die ich zu unseren Gästen zählen darf, schrieb mir: „Das Motto ist supermodern, originell und mutig.“ Sie begründet ihre Begeisterung damit, dass sie bei Lesungen immer wieder „überrascht und froh“ ist, wie „klug, witzig und bereichernd alte Menschen sein können“. Diese Art wechselseitiger Achtung brauchen wir: Alten Menschen etwas geben von dem, was man selber vermag – und von Ihnen empfangen, womit sie uns bereichern können. Auch mit Bedürfnissen und Einschränkungen.

Vom Pianisten Artur Rubinstein wird erzählt, dass er im Alter sein Repertoire reduziert hat. Dafür übte er einige Stücke immer wieder – und vermochte so auch als Greis eindrucksvoll aufzutreten. Weil er nicht mehr wie früher schnell spielen konnte, änderte er die Spieltechnik. Vor besonders schnellen und schwierigen Passagen verlangsamte er das Tempo – die Passagen erschienen dadurch bekannt flott und mitreißend. Auszuwählen, zu optimieren und zu kompensieren ist eine Leistung, die man von älteren Menschen lernen kann. 

Wir selber auch

Apropos Musik. Aus dem Zitat der Rolling Stones können Sie ein zweites entnehmen. Nicht nur die anderen werden älter. Wir, die wir in Discos gegangen sind, die wir Beatles- oder Stones-Fans waren, mit langen Haaren und fragwürdigen Klamotten herumliefen, die unsere Eltern erbitterten – auch wir werden älter. Bei runden Geburtstagen wird einem mitleidsvoll zugeraunt: „Willkommen im Club!“ oder „Ach, Gott, Du auch?“ Ich habe mir angewöhnt, in solchen Fällen zu antworten: „Bedenken Sie die Alternative.“

Zum Älterwerden und damit zum Leben gibt es als Alternative nur den Tod. Es ist ein Geschenk, älter werden zu dürfen. Zugleich kann es manchmal sein, was die Stones singen: „a drag“. Etwas, worauf man keine Lust hat, schwierig. Das wissen wir, die wir ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben, nur zu genau. Sich der ambivalenten Realität des Älter- und Altwerdens zu stellen, ist eine individuelle Aufgabe. Ihr Engagement zeichnet aus, dass Sie sehen lassen, was ältere und alte Menschen alles draufhaben.

Sie nehmen Rücksicht auf das, was nicht mehr geht. Es wäre verheerend, wenn wir den stumpfsinnigen Jugend- und Schönheitswahn auf ewig prolongieren wollten – und auch noch von Senioren und Seniorinnen knitterfreies Aussehen und permanente Fitness verlangten. Es darf sein, dass Menschen alt sind, dass sie, wie wir alle, Schwäche zeigen und nicht immer gut drauf sind. Es gehört zum Dasein dazu, etwas nicht zu können. Wir sind in keinem Alter, erst recht nicht im Alter dauernd reklametauglich. 

Wir legen an Jahren zu und werden dabei nicht unbedingt mobiler und vitaler. Wenn man Werbung anschaut, sieht man lauter Senioren, die ohne zu schnaufen über eine Wiese joggen, mit ihren Enkeln durch den Garten toben, sich wie Jungverliebte aneinander kuscheln, und schmerzende Knie mit Salben kurieren. Es ist jedem alten oder älteren Menschen von Herzen zu gönnen, wenn er gut beieinander ist. Ich wünsche mir das für später. Und merke jetzt schon, dass das vermutlich nicht ständig klappt.

Es wäre eine Schreckensvision: unbedingt so sein zu müssen, so dauerbrillant. In den Klageliedern der Bibel steht: „An den Alten übt man keine Barmherzigkeit“ (Klgl 4,16). Es wäre gnadenlos, wenn man nicht außer Puste sein darf, hundemüde, mit Plissee im Gesicht... Es muss erlaubt sein, im Alter die Flügel hängen zu lassen, wenn einem danach ist. Und: Wer barmherzig mit den Schwächen des Alters umgeht, der ist großzügiger, wenn ein Junger mal schlappmacht. Das täte allen gut. Danke, dass Sie es tun. 

Kompott mit Sahne

Sie tragen mit Ihrem Einsatz dazu bei, dass Senioren und Seniorinnen geistige Freunde von Theresa von Avila sein können. Sie schrieb: „Gott, erhalte mich so liebenswürdig wie möglich. Ich weiß, dass ich keine Heilige bin, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.“ Alte Menschen können neben dem Zugewinn an Weisheit richtig Freude am Leben haben: Wolken zählen, sich Zeit lassen, Schattenspiele veranstalten, verrückte Sachen anziehen, statt gesunder Kost mittags Eis mit Sahne essen. 

Damit das so bleiben kann, ist es wichtig, Altersarmut zu bekämpfen. Immer mehr Senioren werden soziale Grundsicherung beantragen oder jobben müssen. 2006 waren rund zehn Prozent der Rentner von Armut betroffen, heute sind es schon 15,6 Prozent. Im Jahr 2010 hatten bereits 660.000 Rentner einen Nebenverdienst. Besonders betroffen von Altersarmut sind Frauen und Witwen, die im Schnitt während ihrer Berufstätigkeit 22 Prozent weniger verdienen als Männer und längere Zeiten zuhause für die Familie arbeiten.

Sie sorgen rührend für die alten Menschen, die nicht genug zum Essen und Anziehen haben. Was mir wichtig ist: Sie machen sie dabei nicht zu Almosenempfängern, sondern lassen Senioren und Seniorinnen Wertschätzung spüren. Ich freue mich über unser kirchlich-diakonisches Engagement und begrüße neben den Landessynodalen, Dekaninnen und Dekanen Stadtdekanin Barbara Kittelberger und ihren Mann Frank, der sich höchst verdient gemacht hat um Hilfe im Alter und um die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen. 

Ich begrüße Klaus Schmucker, Leiter der Evangelischen Dienste, und Günther Bauer von der Inneren Mission. Ich begrüße die Geschwister aus der katholischen und orthodoxen Kirche: Weihbischof Siebler, Erzpriester Malamoussis, den lieben Begleiter, Professor Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrates, und selbstverständlich Prälat Lorenz Wolf, unseren Freund. Uns alle verbindet die Aufgabe, auf alte Menschen acht zu haben und sie in Gottes und in Jesu Namen nicht alleine zu lassen. 

Wir mussten heuer die Gästeliste wegen der enormen Zahl von Engagierten sehr ausdünnen. Ich bin froh, dass Georgios Vlantis von der AcK, Ralf Deja von Chaverim, Rainer Schübel und Ingrid Franz von der christlich-jüdischen Gesellschaft gekommen sind. Wir konnten gerade ein von uns gefördertes wissenschaftliches Projekt abschließen über die Begleitung alter Menschen in der jüdischen Gemeinde. Deshalb bin ich glücklich über die Anwesenheit von Karin Offman vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden.  

Grenzenlos

Rabbiner Tom Kučera ist da, der auf seine feine, stille Weise mit mir eben das neue Kinderpalliativzentrum eröffnet hat. Ein Lehrstück für die Einsicht, dass Leben sehr kurz sein kann – und dennoch vollkommen, weil kleine Füße große Spuren hinterlassen. Politikern und Politikerinnen danke ich für ihren Einsatz im Blick auf alte Menschen und für das deutliche Zeichen, das Sie mit ihrem Hiersein setzen: Ihnen, verehrte Frau Staatsministerin, liebe Emilia, und Ihnen, geehrter Herr Stadtrat, lieber Christian – danke für Ihre Worte, die wir hören werden.

Frau Landtags-Vizepräsidentin Gote von Bündnis 90/Die Grünen, Frau Diana Stachowitz von der SPD in Vertretung für den Fraktionsvorsitzenden, Staatsminister a.D. Thomas Goppel von der CSU in Vertretung für Thomas Kreuzer. Ich bitte Sie und die anwesenden Landräte, den Präsidenten des Bezirkstages, die Bürgermeister und Oberbürgermeister auch weiterhin ein Herz für die alten Menschen zu haben. Ich freue mich, dass Polizeipräsident Andrä ebenfalls hier ist.  

Senioren sind ja häufig im Visier von Kriminellen, die sie um ihr Erspartes bringen wollen. Ich finde es großartig, was die Polizei tut, damit das nicht geschieht oder schnell aufgeklärt wird. Manchmal helfen ihnen die Senioren ja auf sehr pfiffige Weise dabei, wie ich erst kürzlich der SZ entnehmen konnte. Eine 71-Jährige mit „Nerven wie Drahtseilen“ überlistete eine Enkeltrick-Bande, die Polizei konnte zugreifen. Vielleicht ist das etwas für meinen Ruhestand….

Den Medienvertretern von der Süddeutschen Zeitung, dem Münchner Merkur, der Welt am Sonntag, dem Bayerischen Rundfunk und von unserem Evangelischen Presseverband sage ich Dank: Sie halten ältere Menschen geistig fit durch Ihre professionelle, anspruchsvolle Arbeit – ich weiß, wovon ich spreche. Und Sie lenken das Augenmerk der Gesellschaft mit Artikeln, Sonderbeilagen und Sendungen immer wieder auf die Herausforderungen des Alters.

Mein Dank geht natürlich an unsere treuen Sponsoren von der Stadtsparkasse, vertreten durch Vorstand Georg Martinschitz, und vom Versicherer im Raum der Kirchen, Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge in Gestalt von Jürgen Stobbe. Beide Institutionen sorgen auf ihre Weise dafür, dass auch in schwierigen finanziellen Zeiten wie jetzt Menschen im Alter gut versorgt sind. Ich danke meinem Freund Martin Frühauf, der mit seinem Team erneut das Catering übernommen hat. Sein Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.

Last but not least 

Mit so einer Küche kann man guter Hoffnung sein, nicht alt auszusehen, sondern wohlbehalten älter werden zu dürfen. Dafür, dass ich selber nur äußerlich, aber nicht amtsmäßig alt aussehe, bin ich meinem Team von Herzen dankbar. Vergelt´s Gott meinem grandiosen Girl´s Camp: Frau Ferbar, Frau Metz, Frau Goldhahn, Frau Davidson, Frau Zepter, Frau Scholl und – Männer braucht es schon auch – Herrn Apitz. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass ich Sie alle habe. Mit Ihnen zusammen werde ich gern älter.

Untermalt werden die heutigen Einsichten von Buck Roger & The Sidetrackers. Eine Musik, die nicht nur seit fünf Jahren die Szene bereichert, sondern meines Erachtens auch in diese heiligen Hallen passt. So beschwingt wie die Musik bin ich an einer Stelle nicht. Christoph Hillenbrand, geschätzter, lieber Gast auf unserem Empfang, geht. Sie werden Präsident des Obersten Rechnungshofes. Eine wichtige Aufgabe nach allem, was Sie schon bewältigt haben: Geiselnahmen, Hochwasser, Flüchtlingsankunft und -willkommen.

Wir haben Ihnen zu danken für Ihr unermüdliches Engagement in Asylfragen. Ich weiß, was Sie Tag und Nacht geleistet und ausgehalten haben. Und ich ahne, dass Ihre Stellungnahmen zu Ausgaben des Freistaates ebenso deutlich ausfallen werden wie alle anderen bisherigen Positionierungen. Wir freuen uns, dass Sie als Mann der aufrechten Redlichkeit neue Aufgaben übernehmen. Aber wir weinen Ihnen viele Tränen nach. Deshalb Taschentücher für Sie und einen guten Rotwein mit dem Namen Lacrima, Träne.

Dazu bekommen Sie einen Gutschein für die neue, fulminante Übersetzung der Lutherbibel, die im Herbst erscheinen wird. Sie werden eine der ersten Ausgaben erhalten und ich verspreche: Ich bringe sie Ihnen persönlich vorbei. Die Lektüre mag Sie stärken und stützen im neuen Amt. Aber heute sind Sie noch hier bei uns, an Ihrem letzten Arbeitstag und Arbeitsabend als Regierungspräsident. Dafür danken wir, darüber freuen wir uns. Le chaim – auf das Leben!