Highheels im Schnee – oder: 20 Jahre Gleichstellungsartikel in der Kirchenverfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Grußwort beim Frauenmahl „Theologin sein im 21. Jahrhundert. Erreichtes feiern – Zukünftiges gemeinsam gestalten." im Historischen Rathaussaal Nürnberg
Freitag, 30. Oktober 2015 

Verehrte Damen, 

Highheels im Schnee. Wie jetzt? Wir feiern heute die Gründung des Konvents Evangelischer Theologinnen und Studentinnen vor 90 Jahren, 80 Jahre Theologinnenkonvente in Bayern und Württemberg sowie 40 Jahre Frauenordination in Bayern. Aber in Bayern gibt es noch ein weiteres Jubiläum: „Highheels im Schnee – oder: 20 Jahre Gleichstellungsartikel in der Kirchenverfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“. Dieser Artikel wurde 1995 bei der Frühjahrssynode in Bad Reichenhall von den Synodalen beschlossen. 

Frühjahr? Lassen Sie sich nicht täuschen. Frühjahr heißt in Bad Reichenhall gemeinhin Schneehöhen zwischen 20 cm und einem Meter. Manche Dame in der Synode ließ sich durch diese Wetterlage allerdings nicht beeindrucken. Sie trug Pumps oder Highheels und machte damit zweierlei deutlich: Gleichstellung heißt nicht Gleichmachen. Und vor allem: Hier kommt geballte, kompetente Frauenpower. Die lässt sich weder von rutschigen Wegen noch von Glatteis oder vom Gegenwind mancher Herren aus den Schuhen heben. 

Aus dem Synodenprotokoll lässt sich zwischen den Zeilen herauslesen, welch gute Arbeit die Theologinnenkonvente in den Jahren und Jahrzehnten vorher geleistet haben. Sie hatten allerdings bedauerlicherweise genügend Zeit, um einen Sinneswandel in der Kirche herbeizuführen. 1995 jedenfalls war der stete Tropfen von Frauenbewegung, feministischer Theologie und Demokratisierung erfolgreich. Es gab wenig Widerstand gegen die Einführung des Gleichstellungsartikels. 

Er wurde bei zwei Gegenstimmen und vier Enthaltungen angenommen. Zwei männliche Synodale rangelten bei der Aussprache darum, ob Kindererziehung auch Vätersache ist oder nicht – der Pfarrer meinte, die Frau habe in dieser Sache die Priorität, der Raumausstattermeister wollte sich die Erziehung seiner Söhne lieber gleichberechtigt mit seiner Frau teilen. Und da meinen wir Theologen immer, wir hätten die Weisheit gepachtet! Ein Schmied schrieb den Herrschaften der Synode dann ins Stammbuch, was schon längst hätte klar sein müssen: 

„Es ist fast eine Schande, dass wir so etwas beschließen müssen.“ Ein treffendes Schlusswort über fast 2.000 Jahre Diskriminierung von Frauen in der Kirche Jesu Christi, die so feminin begonnen hat – mit Jüngerinnen, Gemeindevorsteherinnen und Prophetinnen, mit Sponsorinnen der Sache Jesu. Eine Schande, was daraus geworden ist? Und Schluss? Der Gleichstellungsartikel war in der beschlossenen Form nicht für die Ewigkeit gedacht. Er wurde nicht in den Artikel zur grundsätzlichen Beschreibung der Kirchenmitgliedschaft eingearbeitet.

Er war ein Anhang an Artikel 10a. Das sollte eigentlich im Lauf der Zeit bereinigt werden, um die Gleichberechtigung von Mann und Frau konstitutiv für die Kirchenmitgliedschaft zu beschreiben. Das wurde nicht erreicht. Der Artikel blieb ein Annex. Was soll`s. Nichts ist bekanntlich dauerhafter als Provisorien. Und in Art. 146 Grundgesetz hat unser Gleichstellungsartikel ein großes Vorbild in segensreichen Verfassungsprovisorien. Wir haben jedenfalls allen Grund, die Aufnahme des Gleichstellungsartikels in die Kirchenverfassung zu feiern. 

Denn mit seiner Einführung konnte sich der sogenannte Veto-Paragraph nicht mehr halten. Die bayerische Regelung, dass ein männlicher Kollege in einem Teampfarramt verhindern konnte, dass eine Pfarrstelle in der Gemeinde einer Frau übertragen wird, war nicht mehr verfassungskonform und musste gestrichen werden. Inzwischen hat sich die Gleichberechtigung auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie durchgesetzt. 1990 wurde Susanne Kasch in Bayern die erste Dekanin – im traditionell geprägten oberfränkischen Münchberg. 

Es bedeutet mir noch immer viel, dass ich die Ehre hatte, 2001 die erste bayerische Regionalbischöfin zu sein. Inzwischen haben wir mehr Regionalbischöfinnen als Regionalbischöfe. Die Landessynode wird sozusagen schon in dritter Generation von einer Frau geleitet. Auf Ebene der Dekanate wie in Führungs- und Referentenpositionen im Landeskirchenamt und den kirchlichen Einrichtungen allerdings sind Frauen noch deutlich in der Unterzahl. Dies liegt allerdings nicht am fehlenden Willen der Kirchenleitung, sondern an den Frauen selbst. 

Das Interesse an solchen Tätigkeiten ist unter unseren Pfarrerinnen anscheinend nicht besonders groß. Jedenfalls gibt es meist keine oder nur wenige Bewerbungen von Frauen auf entsprechende Stellen. Dabei lohnt es sich: 22 Dekanate wurden in Bayern in den Jahren 2011-2015 besetzt. Dabei haben sich 134 Männer beworben, 17 hatten Erfolg. Die Chance zum Gewähltwerden betrug damit 13 Prozent. Auf die gleichen Stellen bewarben sich nur 29 Frauen, von denen fünf Erfolg hatten. Die Chance der Damen, gewählt zu werden, lag also bei 17 Prozent!

Von unseren derzeit 82 Dekanen sind 13 weiblich. Fast 16 Prozent. Das dekanable Alter aber haben 32 Prozent. Vielleicht haben Sie eine Antwort, warum Frauen so zögerlich sind, zuzugreifen – wo sie doch die Kompetenz und die Chance haben, mit offenen Armen empfangen zu werden. Wir in der Personalverantwortung jedenfalls wollen gerade Frauen ermutigen, sich auf solche Stellen zu bewerben. Mit Stolz erfüllt mich, dass es kaum einen Arbeitgeber gibt, der es Frauen so leicht macht, nach einer Elternzeit wieder in ihren Beruf einzusteigen. 

Der Zug ist für die Frauen bei uns auch nach einer mehrjährigen Pause nicht abgefahren. Wir bieten zudem sehr flexible Teilzeitmodelle an, wenn das gewünscht ist. Ob 25, 50, 75 oder 100%, unsere Pfarrerinnen – und, nota bene, ebenso unsere Pfarrer – können sich ihren Dienstumfang nach ihren persönlichen und familiären Interessen gestalten. Erreichtes feiern – dazu haben wir nach einem langen und beschwerlichen Kampf um Gleichberechtigung wirklich allen Grund. Zukünftiges gemeinsam gestalten ist nun die Aufgabe. 

Die Gleichberechtigung hat sich in der Evangelischen Kirche in Deutschland durchgesetzt. Auf dem freien Arbeitsmarkt ist es für Frauen noch immer schwierig, mit gleichen Erfolgsaussichten die Karriere anzupacken, zumal wenn Kinder ins Spiel kommen. Ich verwahre mich gemeinhin dagegen, dass wir in der Kirche meinen, anderen Moral predigen zu müssen. Aber in diesem Fall können wir unser Licht leuchten lassen und zeigen, wie gut das Zusammenspiel von Männern und Frauen in einer Institution oder einem Betrieb funktioniert. 

In den vergangenen Monaten beschäftigte uns deutschland- und europaweit die Einreise Hunderttausender Flüchtlinge aus den Ländern des Balkans, aus Afrika und dem Nahen Osten. Mein Kirchenkreis, München und Oberbayern, war und ist als Erstanlaufstelle in Deutschland von der Situation besonders betroffen. Das riesige und über die Maßen kräftezehrende Engagement aller Verantwortlichen in Politik und Verwaltung spielt zusammen mit einer Welle der Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger. 

Ich bin dankbar, dass wir im Geist der Nächstenliebe Flüchtlingen begegnen. Die Integration derer, deren Asylanträgen stattgegeben wird, ist eine große Aufgabe, die es künftig zu bewältigen gilt. Dazu wird auch gehören, dass wir Neubürgerinnen und Neubürgern ganz deutlich sagen: In Deutschland sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Frauen haben die gleichen Rechte an politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Teilhabe wie Männer. Mädchen haben das gleiche Recht auf eine gute Schul- und Ausbildung wie Jungen.

Jungs haben ihren Erzieherinnen und Lehrerinnen Folge zu leisten, nicht nur männlichen Mitgliedern des Lehrerkollegiums. Mädchen suchen sich ihre Ehepartner selbst aus, zu einem Zeitpunkt, wann sie es wollen. Die Rollenverteilung zwischen Arbeit, Haushalt, Kindern ist offen. Jedes Paar handelt das selbst aus. Es gibt im öffentlichen Leben keine getrennt für Frauen oder Männer zugänglichen Bereiche. Polizistinnen und Beamtinnen sind keine „Bitches“. Die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist eine Säule unseres Grundgesetzes. 

Ich hoffe sehr, dass die Generation junger Frauen, die nicht mehr frauenbewegt sind, weil sie die Kämpfe ihrer Mütter und Großmütter nicht führen mussten, diese Werte verteidigen. Und dass unsere jungen Männer sich ihnen selbstverständlich an die Seite stellen. Highheels im Schnee. Auch im 21. Jahrhundert ist Frauenemanzipation kein Selbstläufer. Was unsere Vorfahrinnen und wir erstritten haben, gilt es zu bewahren und zu festigen. Eine Stütze auf rutschigem Boden, auf Glatteis oder Parkett ist kein geringerer als unser Herr Jesus Christus. 

Er hat sich Frauen genauso zugewendet wie Männern. Er hat sie ernst genommen als Gesprächspartnerinnen, als seelisch und körperlich Verletzte, als Adressatinnen seiner Botschaft. Als Pfarrerinnen, Diakoninnen, Religionspädagoginnen, Katechetinnen, Wissenschaftlerinnen, Autorinnen, Angestellte und Selbständige folgen wir unserer Berufung, von diesem Mensch, der zugleich Gott ist, Zeugnis abzulegen. Theologin sein im 21. Jahrhundert bedeutet hochgebildet, selbstbewusst, fröhlich, barmherzig in die Welt hineingehen.

Und dort das Evangelium zum Leuchten zu bringen. In dem, was wir sagen, und in dem, wie wir handeln. Jede von uns bringt dabei ihre besonderen Gaben ein. Und wirkt dabei zusammen mit allen, die Jesus Christus nachfolgen. Zur Ehre Gottes. Der Welt zum Segen.