Grußwort zur Entzündung der zweiten Kerze an Chanukka

Israelitische Kultusgemeinde
Ohel Jakob, München
7. Dezember 2015

Liebe Freunde, Schwestern und Brüder!

Gestern war zweiter Advent, heute entzünden wir die zweite Chanukka-Kerze. Es ist immer wieder beglückend, diese festliche, leuchtende Nähe unserer Religionen zu spüren. Eine, die wunderbar heiter und beschwingt gipfelt in den wechselseitigen Karten zu Weihnukka. Und wir brauchen diese unsere gemeinsamen Feste, unser miteinander Feiern, weil wir bei diesen Gelegenheiten Kräfte sammeln. Kräfte, um unser jüdisch-christliches Erbe zu bewahren und lebendig fortzuentwickeln – um unsere freiheitlich- demokratische Grundordnung zu schützen. Um im Hellen zu bleiben...

Wir stehen vor großen Herausforderungen sehr unterschiedlicher Art. Der Antisemitismus in unserem Land, finster und düster, wird stellenweise unverhohlen und unverfroren zum Ausdruck gebracht. Wir haben unmissverständlich deutlich zu machen: Niemals wieder lassen wir es zu, dass diese Dunkelmänner und -frauen unsere lichtvolle Freundschaft zerstören, dass sie uns den glänzenden Geist, den brillanten Witz, die strahlende Kultur des Judentums nehmen. Weihnachten, Chanukka - sie sind das klare Gegenprogramm zur dunklen Seite der Macht.

Sie, hoch verehrte Frau Präsidentin, haben heute Polizei und Flüchtlingshelfer eingeladen – die Menschen, die anderen eine grandiose Willkommenskultur offeriert haben. Wer, wenn nicht Sie, liebe jüdischen Freunde und Freundinnen, wüsste so gut Bescheid über die Existenz eines wandernden Gottesvolkes, wüsste erschütternd zu erzählen von Vertreibung, Flucht und Verfolgung. Sie bewahren die Erinnerung an das Leid des jüdischen Volkes, Sie wissen um die Gefährdungen der Gegenwart. Ihr Willkommen, Ihre dankbare Geste zählt um ein Vielfaches, weil sie aus tiefster existentieller Erfahrung herrührt.

Zugleich wissen wir, dass mit den Flüchtlingen manche zu uns kommen, die in ihrem Leben noch keinen Menschen jüdischen Glaubens gesehen haben, geschweige denn, kennen gelernt haben. Denen, Gott sei es geklagt, das Feindbild Israel mit der Muttermilch zugeführt wurde. Wir wollen Ihnen sagen und einladend vorleben, welches unsere Werte sind: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit - auch unter den Religionen. Wir wollen Ihnen zeigen, dass das Licht von Chanukka, der Stern der Weihnacht Erleuchtung bringen - hin zu einem Miteinander, in dem allein die Flamme der Freundschaft und der Liebe hochgehalten wird.

Für mich, für meine evangelische Kirche ist sonnenklar: Wir leben unbedingt an Ihrer Seite. Deutsche jüdischen Glaubens, Juden aus anderen Ländern, Besuchende aus Israel - sie stehen unter unserem Schutz. Das Existenzrecht Israels ist für uns völlig unbestritten. Schlimm genug, dass man das immer wieder neu sagen muss, statt Ihr Da- und Hiersein und den Staat Israel als blanke Selbstverständlichkeit anzusehen. Wir bewegen uns in einem Kontext, der es nötig macht, auf alle diese Einsichten erneut hinzuweisen und sie auch durchzusetzen - damit es in den Köpfen und Herzen wirklich tagt.

Wir brauchen und haben Gott sei Dank klare politische Aussagen und Entscheidungen, wir brauchen und haben einen exzellenten Schutz Ihrer und damit unserer Rechte, liebe Freunde und Freundinnen, durch Polizei, Verfassungsorgane und Justiz. Das ist einen großen großen Dank wert. Und das Schönste: Wir haben ein Herz füreinander, Sympathie, ach nein, Liebe zueinander und einen einträchtigen Sinn. Ein Licht für Chanukka, ein Licht für die Menschlichkeit.

Die meisten von Ihnen wissen, dass Rose Ausländer meine Lieblingsdichterin ist. Und wundern sich nicht, dass ich wieder mit ihr ende. Sie schreibt: "Das erinnerte Heim / im Vergangenen // Dein gebrochenes Jetzt / hinkt / in die Hoffnung // vielleicht wieder / ein menschlicher bewohnbarer / Raum." Ja, manchmal hinken wir oder unsere Flüchtlinge nur in die Hoffnung - aber wir arbeiten und leben gemeinsam mit dem Ziel, menschlich bewohnbaren Raum zu erhalten und zu schaffen. Der Stern über Bethlehem, Chanukka - Lichter der Menschlichkeit, die wir miteinander entzünden, damit Menschen ein Zuhause haben. Danke.

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