Grußwort beim Festakt des Jubiläums der Orthodoxen Theologie an der LMU und Verleihung des Titels Dr. h.c. an S.E. Metropolit von Pergamon Ioannis Zizioulas

Senatssaal der LMU München
München, 4. November 2015

Sehr geehrter Herr Präsident, Eminenzen, Spektabilitäten, 

sehr geehrte Damen und Herren, 

an den drei Großen Kappadokiern kommt niemand vorbei. Nicht, wenn er katholische Theologie studiert, nicht, wenn er evangelische Theologie studiert, und schon gleich nicht, wenn er orthodoxe Theologie studiert. Nicht einmal, wenn er von theologischer Wissenschaft völlig unbeleckt ist, aber am Sonntag den Gottesdienst mitfeiert, sich im Lenbachhaus inspirieren lässt, Friedrich Nietzsches „Antichrist“ liest oder sich abends im Fernsehen gemütlich einen Inspector Barnaby-Krimi anschaut. 

Basilius der Große (~330-378), Gregor von Nazianz (~325/9-390) und Basilius' jüngerer Bruder Gregor von Nyssa (~331/9-395) bahnten den Weg vom Konzil in Nicaea 325 zum Konzil von Konstantinopel 381. Im trinitarischen Streit klärten sie die neonizänische Formel von einem göttlichen Wesen (mia ousia) und drei Hypostasen (treis hypostaseis) und trugen dadurch zur Festlegung des trinitarischen Dogmas bei. Ihre Frömmigkeit wie ihr theologisches Reflexionsvermögen trugen ihnen den Ehrentitel Kirchenväter ein. 

Jede christliche Theologin denkt sich während des Studiums und hoffentlich danach hinein in die Welt der Großen Kappadokier. Nur wenn wir verstehen, welche Denkmuster die Kirche der Antike prägten und zu richtungsweisenden dogmatischen Entscheidungen führten, verstehen wir unseren gemeinsamen christlichen Glauben, wie er Ausdruck findet im frommen Gemüt jedes Einzelnen, in theologischer Wissenschaft, in bildender Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Film – kurz: in allen Lebensäußerungen christlicher Existenz. 

Weltweit einzigartig

Evangelische Theologiestudierende setzen ihren theologiegeschichtlichen Schwerpunkt häufig aus naheliegenden Gründen auf die Reformationsgeschichte. Kappadokien ist eine fernere Welt – historisch, geographisch, kulturell. Die Verbindung der orthodoxen Kirchen zu den östlichen Kirchenvätern ist enger. Das sieht man an der Internetpräsenz der Orthodoxen Theologie. Basilius und Gregor von Nazianz begrüßen zusammen mit Johannes Chrysostomos als die Drei Hl. Hierarchen im Header-Bild jeden Besucher der Website. 

Es ist nicht nur weltweit einzigartig, sondern vor allem auch ein Segen, dass an der Ludwig-Maximilians-Universität München alle drei großen christlichen Konfessionen mit ihrem Lehrangebot vertreten sind und sich das jeweilige Wissen, Forschung und Schwerpunkte ergänzen und gegenseitig befruchten. Mit dem Zentrum für ökumenische Forschung hat das gemeinsame Forschungsinteresse eine institutionelle Verankerung gefunden. Ich hätte mir diese ökumenische Vielfalt schon zu meiner Studienzeit gewünscht. 

Ich hätte begeistert die Sicht der orthodoxen Tradition auf Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte, Dogmatik und Praktische Theologie wahrgenommen. Sehr herzlich gratuliere ich Ihnen, Eminenz, dem Metropoliten von Pergamon, zur Verleihung der ersten Ehrendoktorwürde dieser besonderen Ausbildungseinrichtung. Eine Ehre, die einem so verdienten und hochangesehenen Theologen wahrhaft gebührt. Ich gratuliere auch im Namen von Herrn Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm. 

Ökumenisch verankert

Wir danken allen in Universitätsleitung und Politik, die sich neben  den Kirchen für den Aufbau des Instituts für Orthodoxe Theologie wie der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie engagiert haben. Besonderer Dank gilt natürlich dem Ökumenischen Patriarchat Konstantinopel und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie Deutschland, die sich schon früh für die Errichtung eines orthodoxen Lehrangebots an der Ludwig-Maximilians-Universität einsetzten. 

Auch evangelische und der Katholische Fakultät haben sich geschwisterlich unermüdlich eingesetzt für den Aufbau der Ausbildungseinrichtung Orthodoxe Theologie. Die pastorale Betreuung der ab den 1960er Jahren ins Land gekommenen orthodoxen Griechen sollte durch in Deutschland ausgebildete und mit der deutschen Kultur vertraute Priester und Religionslehrer gewährleistet werden. Ein wichtiger Schritt zur Integration der vielen griechischen Familien, die für unser Land so segensreich sind. 

Der Kirchenkreis München hat eine besondere Beziehung zu den in München lebenden meist orthodoxen Griechen. Schon 1974 gründete das Evangelische Stadtdekanat das Griechische Haus im Westend. Es bot mit seinem Programm den Gastarbeitern Heimat in der Fremde und half dabei, sich in München, Bayern und Deutschland eine neue Heimat aufzubauen. Das Haus war von Anbeginn an vom Geist der Ökumene getragen. Nicht nur kultureller Austausch und soziale Hilfe standen und stehen im Mittelpunkt.

Dialograum

Wichtig sind Respekt und Neugier auf die Konfession des Anderen. Seit dem Winter 2004/2005 ist das Griechische Haus erweitert zum Evangelischen Migrationszentrum. Es nimmt damit eine Brückenfunktion ein zu Menschen unterschiedlicher Herkunft, die in München neue Heimat suchen. Auch die Ausbildungseinrichtung Orthodoxe Theologie an der LMU nimmt Brückenfunktion wahr. Sie bietet einen Dialograum mit den orthodoxen Kirchen Osteuropas. Von diesem Dialog profitieren auch wir.

Gerade jetzt, wo Europa vor enorme Herausforderungen gestellt ist und nicht absehbar ist, wie belastbar die europäische Integration ist, brauchen wir solche Dialogräume, in denen wir theologisch diskutieren können und gemeinsam darum ringen, wie wir das Evangelium Jesu Christi für unsere Zeit zur Sprache bringen. Nach wie vor stellt die Flüchtlingskrise eine große Herausforderung für Griechenland dar. Hier ist es die gemeinsame Aufgabe, Flüchtlinge aufzunehmen und  nicht abzuschieben. 

Ich habe vor Ihnen bereits deutlich Stellung bezogen zur Gefahr von rechts, der "Goldenen Morgenröte", die 2015 verboten wurde. Wir brauchen Geschlossenheit gegen jede Art von Nationalismus und Rassismus. Dass die Fakultät seit 20 Jahren ökumenische Anziehungskraft hat, ist auch darauf zurückzuführen, dass Theologen gemeinsam wichtige Fragen und ethische Herausforderungen angehen. Bestürzt nehmen wir zur Kenntnis, dass religiöses Radikalisierungs- und Gewaltpotential zunehmend abgerufen wird.

Mehr Theologinnen und Theologen!

Daher brauchen wir in jeder Konfession und Religion guten theologischen Nachwuchs. Menschen, die sich nicht radikalisieren lassen, sondern theologisch selbstständig denken. Die kritisch einfache Lehren hinterfragen und verantwortlich die Sehnsucht nach religiösen Antworten stillen können. Die  sprachfähig sind im interreligiösen Dialog. Wir brauchen ein lebendiges Fundament unserer Gesellschaft statt tödlichem Fundamentalismus auf der einen und inkompetenter, ahnungslos-naiver Indifferenz auf der anderen Seite. 

Wir brauchen klare Positionen, die wir miteinander ins Gespräch bringen. Auch wenn wir dezidiert meinen, dass Theologie das gesamte Leben umfasst, muss es nicht so weit gehen, wie Gregor von Nyssa mit hörbarem Aufseufzen konstatiert. Ein Zitat, das Sie, verehrter Prof. Lauster, in Ihrer Kulturgeschichte des Christentums aufgegriffen haben. Gregor von Nyssa schreibt über die theologisierte Stimmung im Alltag während der Auseinandersetzung um die rechte Fassung der Trinitätslehre: 

„Wenn Du jemandem nach dem Preis einer Ware fragst, hält er dir einen Vortrag über gezeugt und ungezeugt. Wenn du Brot kaufen willst, hörst du, der Vater sei größer als der Sohn und der Sohn sei dem Vater untergeordnet. Fragst du, ob das Bad fertig sei, so antwortet der Bademeister: Der Sohn Gottes ist aus nichts geschaffen.“ Wir kommen wahrscheinlich nicht dazu, beim Bäcker, im Supermarkt oder an der Tankstelle ständig theologische Diskussionen auszutragen. 

Es wäre aber viel gewonnen, wenn wieder mehr Menschen diskursfähig werden über das, was uns unbedingt angeht. Mögen orthodoxe, katholische und evangelische Theologie an der LMU auch weiterhin das Ihre dazu beitragen! Danke.

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