Gottesdienst für die Rettungskräfte anlässlich des Zugunglückes von Bad Aibling

 

München, Frauenkirche
7. März 2016, 18 Uhr

Liebe Schwestern und Brüder!

Im alttestamentlichen Buch der Richter ist das Volk Israel immer wieder in neuen Nöten. Zum Teil unverschuldet. Manchmal auch, weil es an Einsicht fehlt, weil sie sich mit den falschen Herrschern zusammen tun und es überhaupt an allem mangeln lassen, was zu einer vernünftigen und sozialen Politik gehört. Immer wieder heißt es dann: „Da schrien sie zu dem Herrn und er erweckte ihnen einen Retter“ (Richter 3,9). Immer und immer wieder. 

In diesen Geschichten geht es meist um solche Menschen, die dann militärisch vorgehen und dem Volk zu neuer Freiheit und Selbstbestimmung verhelfen. Aber diese Bibelworte wären zu eng ausgelegt, wenn man nur an Soldateska denken würde. Denn um was geht es wirklich? Menschen sind verzweifelt, in körperlicher und seelischer Not. Sie erleiden Qualen zuhauf. Die ganze Gesellschaft ist betroffen von den Katastrophen und Unglücksfällen. 

Da schrien sie zum Herrn und er erweckte ihnen Retter. Sie, liebe Schwestern und Brüder sind mir bei diesen Worten in den Sinn gekommen. Sie, die Männer und Frauen von Polizei und Feuerwehr, von Berg- und Wasserwacht, vom Technischen Hilfswerk und Roten Kreuz, von Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorge. Die freiwilligen Helfenden, die sich zur Verfügung stellen. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass es Sie gibt. 

Nicht allein in Bad Aibling. Wir haben Ihnen täglich zu danken und sind an jedem neuen Tag froh, dass es Sie gibt: An Seen und auf Bergen, auf Straßen, einsamen Wegen und an Bahnhöfen, in Zügen, an U-und Straßenbahnen, in Häusern, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Ohne Sie gäbe es Chaos. Mit Ihnen ist für Ordnung gesorgt – für eine, die das individuelle Dasein gewährleistet und dem Zusammenleben dient. 

Sie warnen Leichtsinnige vor Gefahren, mahnen vor Dummheiten, raten zu Sicherheit, sind da, wenn wir Sie brauchen. Sie freuen sich mit Leichtverletzten, dass alles glimpflich abgegangen ist. Sie helfen Verletzten, die ihr Leben neu bekommen. Sie retten Schwerverletzte, für die nichts mehr sein wird, wie es vorher war. Sie bergen Tote, deren Dasein ausgelöscht ist und die von ihren Angehörigen unter Schmerzen betrauert werden. 

Und was ist mit Ihnen selber? Mit den Bildern in ihrem Kopf und ihrer Seele? Den Bildern von Menschen die eingeklemmt, verbrannt, in Stücke gerissen sind? Mit den Leichenteilen, die Sie aufsammeln? Was ist mit dem, was sie gehört haben an Schreien, Wehklagen, Wimmern? Was sie gerochen haben an Blut und verbranntem Fleisch? Was Sie ertastet haben, gespürt, gefühlt? Was schmecken Sie nach schweren Einsätzen? Bitteres? Stößt es Ihnen auf, liegt wie ein Fels im Magen?

Ich sage das alles aus zwei Gründen so überdeutlich. Zum einen, weil mir daran gelegen ist, dass unsere Gesellschaft sich neu ins Bewusstsein ruft, was Sie leisten. Als Ehren- und Hauptamtliche, professionell und menschlich. Wir müssen uns alle klar machen, dass Sie angesichts Ihrer Herausforderungen Unterstützung brauchen. Sie bekommen sie gewiss von Ihren Familien und Freunden. Sicher auch durch Supervision und Seelsorge derer, die wir als Kirchen an Ihre Seite schicken. 

Ebenfalls in der Bibel steht: „Ein Undankbarer lässt seinen Retter im Stich“ (Sirach 29,23). Kommt für uns nicht in Frage. Uns ist wichtig, dass Sie nicht alleine sind. Sie sind es uns wert, dass wir Ihnen unsere besten Köpfe, Menschen mit Herz und Verstand als Gesprächspartner zur Verfügung stellen. Sie brauchen aber auch mancherorts neue Stellen. Ich denke beispielsweise an die Polizei, die ich mit meinem Mann an Weihnachten und kurz darauf noch einmal am Hauptbahnhof besucht habe. 

Es geht nicht an, dass wir zusehen, wie Sie sich aufarbeiten – unterbesetzt und mit unfassbaren Überstunden. Da muss man manchmal auch schreien, damit Ihnen selber ein Retter erweckt wird. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, dem Innenminister solche Wünsche vorzutragen. Er hat sie gut gehört. Es geht nicht, dass unsere Polizei vermehrt zu Einsätzen an der Grenze geschickt wird – hier aber vor Ort klaglos Schicht um Schicht schiebt, weit über die Grenzen der eigenen Kraft. 

Da dürfen wir als Kirche, als Gesellschaft nicht gemütlich zusehen. Ich habe das, was Sie tun, auch deswegen so deutlich beschrieben, weil es mehr Anerkennung für Sie braucht und viel mehr Beistand. Diese Gesellschaft braucht wieder Respekt vor den Menschen, die ihren Kopf hinhalten, manchmal ihr Leben einsetzen, um uns anderen zu helfen. Mit Empörung stelle ich fest, dass Sanitäter und Sanitäterinnen während ihres Einsatzes angepöbelt oder gar niedergeschlagen werden. 

Es ist unerhört, dass Polizistinnen auf eine Weise verbal angegriffen werden, dass es einem die Zornesröte ins Gesicht treibt und man sich nur noch fremdschämen kann. Ein Skandal ist es, dass Polizisten von Menschen unter dem Einfluss von Alkohol und Modedrogen attackiert, geschlagen und verletzt werden. Auch hier müssen wir laut werden, damit wir eine gesellschaftliche Veränderung bewirken. Denn diese Verrohung der Sitten trifft uns alle.  

Erinnern wir uns: Fast jedes Kind will erstmal Polizist oder Feuerwehrmann  werden. Ich denke noch gerne an eine Fernsehserie der 70 Jahre zurück, in der Grisu, der kleine Drache, es unbedingt zum Feuerwehrmann bringen wollte. Das war nicht so leicht, weil er in seiner Begeisterung mit seinem flammenden Atem immer kräftig gezündelt hat. Aber das ist der Traum: Zu den Guten zu gehören, zu denen, die für Sicherheit in der Gesellschaft sorgen. Und die da sind, wenn Unheil geschieht. 

Es ist klar: Wenn Kritik geübt werden muss, darf und soll das sein. Ich erlebe es aber gerade bei den Spitzen der Polizei, dass sie sich dieser Kritik stellen. Sie sorgen dafür, dass in den eigenen Reihen niemand bleibt, der da nicht hingehört. Aber das sind Ausnahmen. Es ist an uns, dafür Sorge zu tragen, dass über Sie alle keine abfälligen Bemerkungen gemacht, dass Sie in Ihrer Persönlichkeit und Würde geschützt werden, wie es jedem Menschen gebührt. 

Wir müssen und werden darauf schauen, dass Sie mit Ihren Familien selber sicher sind und nicht auch noch in Ihrem Dienst an der Gesellschaft an Leib und Seele verletzt werden. „Da schrien sie zu dem Herrn und er erweckte ihnen einen Retter“. Schweigen Sie nicht fein still, wenn Ihnen alles zu viel wird. Nutzen Sie die Beziehungen zu Ihren Seelsorgenden, zu uns von der Kirche, damit wir da, wo es möglich ist, etwas für Sie tun können. 

In einer Katastrophengeschichte der Bibel – und davon gibt es viele wie im richtigen Leben – geht es um Seesturm und Schiffbruch. Die Besatzung will sich im Beiboot absetzen und die Passagiere im Stich lassen. Der Apostel Paulus verhindert das zusammen mit Sicherheits- und Rettungskräften. Und er sagt: „Ich ermahne euch, etwas zu essen, denn das dient zu Eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen“ (Act 27,34). Letzteres meint er im übertragenen Sinn. 

Liebe Schwestern und Brüder, für Speis und Trank wird nachher gesorgt sein - dass hat Staatsminister Huber freundlich und gewiss großzügig  veranlasst. Stärken Sie sich auch sonst leiblich und geistlich, das erhält sie bei Kräften und lässt ihre Seele stark sein. Gemeinsam wollen wir darauf achten, dass Ihnen kein Leid geschieht. Sie mögen bei allem, was Sie für uns und diese ganze Gesellschaft tun, bewahrt und behütet bleiben. Mit Gottes Hilfe. Amen.