Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Laudatio bei der Verleihung des Medienpreises der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern in der Kartäuserkirche des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg
21. Mai 2015

Sehr verehrter Herr Landesbischof, sehr verehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren!

1940 hat Karl Valentin, der evangelisch-melancholische Komiker, einen inspirierenden Dialog geschrieben (Die Fremden). Inspirierend vor allem für unser Thema. Zum fünften Mal hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ihren Medienpreis Print ausgeschrieben – diesmal mit dem Wunsch, Flucht und Vertreibung zu thematisieren, das Fremdsein in der Welt. Der ebenfalls preiswürdige Dialog lautet:

Lehrer: Was ist ein Fremder?
Max: Ja ein Fremder ist nicht immer ein Fremder.
Lehrer: Wieso?
Max: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.
Lehrer: Das ist nicht unrichtig - und warum fühlt sich ein Fremder nur in der Fremde fremd?
Christina: Weil jeder Fremde, der sich fremd fühlt, ein Fremder ist, und zwar so lange, wie er sich nicht mehr fremd fühlt, dann ist er kein Fremder mehr.
Lehrer: Sehr richtig! Wenn aber ein Fremder schon lange in der Fremde ist, bleibt er dann ein Fremder?
Sarah: Das ist nur so lange ein Fremder, bis er alles kennt und gesehen hat, denn dann ist ihm nichts mehr fremd.

Die Jury hatte die Freude, aus über 70 Einsendungen einen Preis für Tageszeitungen und einen für Magazine und Wochenzeitungen zu vergeben. Sie werden sehen, dass wir damit nicht zufrieden waren und die Zahl der Ausgezeichneten um 150 Prozent erhöht haben – von zwei auf fünf. Kirche macht es aus, dass sie geistvoll über die Stränge schlägt, besser: Grenzen überschreitet und zu neuen Horizonten aufbricht.

Bevor ich sage, wer uns so mitgerissen hat, bedanke ich mich bei der Jury, der ich die Freude habe, vorzusitzen: Monika Glück-Levi vom Bayerischen Rundfunk, Claudia Möllers vom Münchner Merkur, Alexander Jungkunz von den Nürnberger Nachrichten und Roland Gertz vom epv, Kopf unseres evangelischen Medienhauses. Danke an epd-Chef Achim Schmid, der wie immer glänzende Vorarbeit geleistet hat.

Ich danke auch den Jurymitgliedern und großzügigen Sponsoren Hannes Erhardt vom Evangelischen Siedlungswerk und Harald Karl von der Evangelischen Bank, die tatsächlich Vertrauen verdient. Mit einer solchen Jury könnte man täglich Preise vergeben. Jetzt aber flugs zu den Preisträgern und Preisträgerinnen, die uns nicht allein bedenkenswerte Lektüre, sondern auch bereichernde Stunden wie heute Abend schenken. 

Zunächst Glückwunsch an Gabriela M. Keller von der taz. Als ich Sie informierte über Ihren Preis, waren Sie hochschwanger und unterwegs. Jetzt sind Sie immer noch mit Ihren Zwillingen hochschwanger und hier. Sie haben sich so herzlich über den Anruf gefreut, das war schön. Man merkt, dass Sie eine empathische Frau sind – eine, die Gefühl im Bauch und Grips im Kopf hat. Taz eben, wenn ich das so sagen darf.

Ihr Artikel „Angst drinnen, Angst draußen“ schildert ein Vier-Sterne-Hotel am Bautzener Stausee, in dem 150 Asylbewerber aus Albanien, Libyen, Syrien und Somalia leben. Höchstens drei in einem Zimmer mit Dusche und Toilette. Erfreuliche Verhältnisse, die ein Schwarzwälder Hotelier geschaffen hat, der sich seine Courage vom Staat bezahlen lässt. Natürlich. Er hat in drei Läden Hausverbot, vor ihm wird ausgespuckt.

Im Hotel haben sie Angst, weil sich draußen der Widerstand formiert. Bürger, die sich nicht als Nazis verstehen, aber keine Ausländer bei sich im Strandcafe, in der Minigolf-Anlage und in der Nähe des Camping-Platzes haben wollen. NPD-Politiker, die auch keine Fremden wollen, die irgendwann alles sehen, kennen und damit eben nicht mehr fremd, sondern einheimisch sind. Offenbar eine schreckliche Vorstellung.

Frau Keller erzählt von Menschen, die die gegen das Hotel unterschreiben, weil sie sonst nicht mehr von den anderen gegrüßt werden - wenigstens. Sie öffnet die Herzen für den tunesischen Konditor Al Rahmaoui, der weiß, dass die Leute Fremde nicht akzeptieren. Er sagt: „Aber wir dürfen uns nicht benehmen wie sie. Man muss immer höflich sein.“ Danke, Frau Keller, für Ihren klugen, differenzierten Artikel.

Die Erziehung nach Auschwitz bleibt solange herausgefordert, solange „das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist“ und „die Möglichkeit der Wiederholung … fortbesteht“, sagt Adorno. Das ist es, worauf unser Glaube sein Augenmerk lenkt: auf die persönliche Verantwortung des Menschen vor Gott und seinen Mitmenschen. Wir tragen Verantwortung für das öffentliche Bewusstsein, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Christlicher Glaube hat eine individuelle, immer aber auch eine geistlich-politische Dimension.

Wir haben einen zweiten ersten Preis vergeben an das Main Echo. Es ist entscheidend, in der Region für Menschen zu werben, die zu uns kommen, uns brauchen – damit die ängstlichen Deutschen sich nicht ausgeliefert fühlen. JournalistInnen haben sich in einer Serie von sage und ja, schreibe, 16 Artikeln für Integration engagiert. Die Serie ist noch nicht zu Ende… Die Achtung verlangt, die bisherigen Artikel einzeln zu würdigen. 

Martin Schwarzkopf präsentiert Thesen, mit denen jeder vernünftig denkende Mensch sich auseinandersetzen muss, um für Gäste und für Diskussionen präpariert zu sein. Matthias Schätte porträtiert eine syrische Familie in Külsheim und gibt Anteil an Solimans, Mohammeds, Mohammads und Drissis Aktivitäten bei der Restaurierung einer Trockenmauer in Eiersheim.

Heinz Linduschka informiert über christliche Initiativen zur Unterbringung von Asylbewerbenden und Flüchtlingen. Moni Münch berührt tief mit einem Artikel über Abschiedskultur – wenn Flüchtlinge in der Fremde etwa an Krebs sterben und alleine sind. Sie schreibt über frierende Armutsmigranten aus Osteuropa, berichtet von praktischer Hilfe in Aschaffenburg, vom Vokabeltraining im Alzenauer Gasthaus „Zur Brezel“.

Nicole Koller gibt Anteil am Sprachkurs in Mönchberg; Jürgen Overhoff schildert großes kulinarisches Kino in Mespelbrunn, wo Asylbewerbende sich auf eigene Kosten bei ihren Gastgebern mit einem fulminanten syrischen Mahl bedanken. Sonja Maurer zeigt Probleme: Eine Frau in Miltenberg will eine syrische Familie aufnehmen, darf aber wegen Artikel 4 des bayerischen Aufnahmegesetzes erstmal nicht.

Georg Kümmel beleuchtet das insgesamt gute Verhältnis von Flüchtlingen und Polizei in Miltenberg – nur manchmal ist es schwierig, wenn Flüchtlinge ihr Misstrauen aus der Heimat auf deutsche Polizisten übertragen. Julia Preisser zeigt, wie man sich auf Flüchtlinge vorbereiten kann – Ängste ernstnehmen, auf Werte besinnen, den Fremden begegnen und vielleicht, wie Leidersbach, einen Verein zu ihrer Unterstützung gründen.

Kevin Zahn macht Lust auf Fußball: In Heimbuchenthal kicken Flüchtlinge mit der Mannschaft und beten mit ihr im ökumenischen Gottesdienst. Monika Büdel zeigt, wie man in Lohr Unterkünfte durch Möbel aus dem Sozialkaufhaus wohnlich macht und zugleich einheimische Bedürftige weiter versorgt. Christian Weyer geht den Weg mit, den Hasloch souverän gegangen ist, um seine Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Die AutorInnen des Main Echo spenden das Preisgeld einer ehrenamtlichen Initiative für Flüchtlinge. Das habe ich der Jury vorher nicht verraten. Denn noch wichtiger ist bei allen Ausgezeichneten, dass sie vermitteln: Jeder Angriff gegen Flüchtlinge ist ein Angriff gegen das ganze Gemeinwesen. Wir tragen Verantwortung auch für eine Sprache, in der die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen zum Ausdruck kommt.

Wir kommen zu den Preisträgern in der Sparte Magazin. Siegerinnen sind Anna Kemper, Judith Scholter und Heike Kneese vom Magazin ZEIT-Geschichte. Sie haben in einer Mischung aus Interview und feuilletonistischer Reportage etwas Besonderes geschaffen, haben einen historischen Wecker klingeln lassen, der wach macht für die Zeit, in der wir jetzt leben und herausgefordert sind.

Zwei Familien begegnen sich. Wohlgemuths flohen 1944 aus Ostpreußen, die Karimis 2011 aus Afghanistan. Familie Wohlgemuth muss mit anderen vor der heranrückenden Front das Dorf räumen; die Mutter ist schwanger und gebiert unterwegs bei minus 20 Grad im Bombenhagel ihr siebtes Kind. An der Ostsee wird ihr empfohlen, das Baby, Oskar, ins Meer zu werfen. „Es kommt sowieso nicht durch.“, sagt eine andere Frau.

Die Karimis, eine intellektuelle schiitische Familie mit fünf Kindern, bekommt den Leichnam des Vaters, barbarisch zugerichtet, in einem Sack zugeschickt, erhält massivste Drohungen, weil die Mutter, eine Lehrerin, auf der Bildung von Mädchen besteht. Die Schlepper verbieten mit Drohungen Hilfe für geschwächte Flüchtlinge; nur einmal trägt einer zwei Kinder. Beide Familien lassen sich jeweils nicht im Stich.

Baby Oskar überlebt. Familie Karimi flüchtet getrennt, aber alle schaffen es nach Deutschland. Wohlgemuths und Karimis fangen von vorne an, müssen sich mit Vorurteilen und bösen Worten herumschlagen. Sie vertrauen auf ihren Gott, dennoch. Und sie finden sich zurecht, langsam. Eine bewegende deutsch-afghanische Begegnung, aus der Freundschaft werden könnte.

Danke, Anna Kemper, Heike Kneese und Judith Scholter, dass Sie mit Ihrem bedachten und respektvollen Artikel „Man ist dann sehr stark“ uns daran erinnern, dass jene, die für Abschottung und Ausgrenzung plädieren, jene, die Arbeitsplätze in Gefahr sehen oder sogar das böse Wort der „Überfremdung“ gebrauchen, die Zukunft unserer Heimat gefährden und nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Als nach 1945 Millionen von Flüchtlingen aus dem Osten zu uns kamen, viele krank, invalide, traumatisiert, da hat dies auf Dauer unser Land nicht gefährdet, sondern gestärkt. Und als in den Jahrzehnten später Millionen aus Italien und Griechenland und der Türkei von deutschen Arbeitgebern angeworben wurden, da war dies nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell eine Horizonterweiterung für unser Land.

In Valentins Dialog fragt der Lehrer: „Das Gegenteil von fremd wäre also unfremd?“ Eine Schülerin antwortet: „Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd.“ So einfach kann man Wege aufzeigen, die von Fremdheit zu mindestens freundlicher Bekanntschaft führen.

Der Evangelische Presseverband in Gestalt von Dr. Geertz und die Münchner Regionalbischöfin, also ich, haben sich zusammen getan, um aus nahe liegenden Gründen zwei Sonderpreise in Höhe von jeweils 1.000 Euro zu verleihen. Der eine für „Weltküche“ geht an Anna Aridzanjan vom Magazin neon. Sie macht literarisch Appetit auf Kochkurse in Berlin, die Flüchtlinge nach eigenen Rezepten geben.

Diese Rezepte gibt es auch mit dem Artikel, der einen über den Tellerrand schauen und Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Der Pakistani Shaikh kocht Black Dhal, ein Linsengericht – wie Reza aus Afghanistan, der Linsen mit Koriander macht. Syrer El Scheich Ahmad präsentiert Fatteh Hummus mit Hühnchen, Imilta aus Inguschetien serviert Borschtsch und Mouhamed aus Niger Dambou, Bohnen mit Gemüse.

Natürlich erfährt man beim Lesen und Kochen auch viel über die Biographien der lukullischen Künstler. Essen und Trinken hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern auch Menschen. Danke für diesen Genuss. Karin Stawski vom Stern bekommt für „Ich denke immer an dich“ ebenfalls einen Sonderpreis. Herzbewegend, phantastisch illustriert auch durch Handy-Dialoge, schreibt sie über Kommunikation nach Hause.

Schaiwan aus Afghanistan simst an Schwester Sara in Stuttgart: „Unsere Herzen sind verbunden. Ich hoffe, all dein Schmerz und deine Sorgen kommen zu mir. Du bist mein Löwe.“ Handys übermitteln Nachrichten über Zahnschmerzen, finanzielle Krisen, neugeborene Babys und gute Wünsche - und sie verschweigen Krebserkrankungen oder Ahmeds Sehnsucht danach, Hegel auf Deutsch lesen zu können.

Wer missmutig-kritisch auf die Handys von Flüchtlingen und Asylbewerbenden schaut, der weiß nichts von der brennenden Sehnsucht, den geliebten Menschen nahe zu sein, im Wortsinn mit ihnen „verbunden“ zu bleiben; zarte Bande zu festigen und starke zu stärken. Sehr geehrte Damen und Herren, die Jury dankt allen Preistragenden für Ihr eindrucksvolles Engagement für eine menschenfreundliche Gesellschaft.

Das Losungswort für den heutigen Tag steht im 32. Psalm: „Ich will dich mit meinen Augen leiten“ (Psalm 32,8). Das wird natürlich von Gott gesagt, der uns die Wege weist, die wir gehen sollen. Wir dürfen aber auch dankbar sein für JournalistInnen, die wie Sie unsere Augen leiten, damit wir sehen, wo unsere Gedanken, Worte und Taten gebraucht werden. Guter Journalismus schärft Verstand für unbequeme Wahrheiten.

Deshalb muss gesagt werden, dass unser Land vor einer der größten Herausforderungen seit Jahrzehnten steht: Vermutlich zwischen 400.000 und 500.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr nach Deutschland kommen, nächstes Jahr werden es nicht weniger sein. Alleine um sie unterzubringen, medizinisch zu betreuen und zu versorgen, braucht es gewaltige Anstrengungen.

Die vorhandenen Strukturen reichen längst nicht aus: Jede Stadt, jeder Landkreis, jeder Regierungsbezirk in Bayern muss nach zusätzlichen Möglichkeiten suchen. Spürbare Einschränkungen für die einheimische Bevölkerung sind unvermeidbar. Wir alle sind gefragt, dafür einzustehen, dass verständliche Sorgen ernst genommen und zugleich ausländerfeindliche und menschenverachtende Tendenzen abgewehrt werden.

Wir brauchen JournalistInnen wie Sie, die den Verstand weiten und das Herz öffnen. Ich schließe mit Worten aus dem Dialog zwischen dem nigerianischen Christen Asuquo in Hamburg und seiner muslimischen Frau Uduak zuhause: „Wie war deine Nacht? Danke für alle Deine Hilfe. Gott der Allmächtige, wird dir seine Gnade schenken, in Jesus Namen. Amen.“ Wie gesagt, ein Zitat. Ich danke Ihnen.

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