Festgottesdienst anlässlich der Fortführung der Partnerschaft zwischen der ELKB und der Diözese Skara der Kirche von Schweden

Dom zu Skara, Schweden
24. April, 11 Uhr 

Liebe Schwestern und Brüder, 

"Så som i himmelen" ist ein schwedisch-dänisches Filmdrama von Kay Pollak, das in Deutschland viele Menschen gesehen haben. Ein Oscar nominierter Film über die Kraft der Musik. Über Musik, die Kraft zum Leben und sogar beim Sterben gibt, die Menschen zusammenbringt, sie Grenzen überwinden lässt. Musik, die Raum hat auch für Menschen mit Einschränkungen, die dadurch ganz neue Begabungen in sich entdecken können.

Så som i himmelen -  Musik ist etwas Wunderbares, ein Geschenk Gottes, wie Luther sagt. Wir feiern diese himmlische Gabe heute am Sonntag „Kantate“ - Singet dem Herrn ein neues Lied. Es ist unsere Freude, das Evangelium auch musikalisch an die große Glocke zu hängen. Wir brauchen auch angesichts der Nöte unserer Welt und unserer eigenen Sorgen nicht zu verstummen. Wir können andere Töne anschlagen als die, die so oft misstönend sind. 

Habt Ihr da noch Töne, könnte man angesichts mancher Entwicklungen heute sagen. Krieg in vielen Ländern, Attentate auch in Europa. Habt Ihr da noch Töne? Ja! Wir dürfen niemals aufgeben zu hoffen und unsere Hoffnung in die Tat umzusetzen – auch wenn wir konkurrieren müssen mit vielen Sinnangeboten.  Wir haben Gedanken und Worte, wir haben Musik und Lieder, die heilsam sind. 

Heilsam, weil wir uns damit auf den göttlichen Ursprung unseres Lebens und seinen Wert besinnen. Es ist heilsam, uns zu einem Leben zu bekennen, das ausgewogenen Rhythmus und einfühlsamen Takt, rücksichtsvolles Tempo und menschliches Maß besitzt. Das gelingt mit Gottes Hilfe, wenn wir Harmonie pflegen. Harmonie ist Zusammenklang, ein schöner Ausdruck von Miteinander. 

In der Antike dachte man, dass die Bewegung der Himmelskörper harmonischen Zahlenverhältnissen folgt und Sphärenklänge bewirkt. Ein schönes Bild - auch für unsere bayerisch-schwedischen Sphärenbewegungen hier auf Erden. Ich erlebe unser Miteinander, das Tillsammans, als beschwingt, geistreich und lebensfroh. Es ist in meinen Augen mehr als eine Form der klugen Zusammenarbeit - es ist geistreiche Existenz.

Der Prediger Zacharias Werner, Student bei Immanuel Kant, schreibt: "Der Verstand ist ein guter Pilgerstab für den Weg auf Erden. Gefühl ist ein Ausfluss des ewigen Lichts. Und der Punkt, auf dem Gefühl und Vernunft, sich ... umarmen, ist das höchste Ziel unseres Daseins, die göttliche Harmonie unserer Natur." (An K. F. Fenkohl, 30. März 1804). Tillsammans als göttliche Verbindung von Kopf und Herz, als himmlische Harmonie schon auf Erden. 

Harmonie, Tilsammans, empfiehlt uns auch das Bibelwort für den heutigen Sonntag Kantate. In Schweden ist dieser Sonntag der "femte söndagen i påsktiden". Er hat zum Thema  "Wachsen im Glauben". Das passt harmonisch zusammen mit dem Bibelwort, über das heute in Deutschland gepredigt wird. Es ist aus dem Kolosserbrief und hat sehr viel zu tun mit Musik, Harmonie, mit Takt, mit Tillsammans. Ich lese die Worte der Heiligen Schrift. 

"So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 

Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn." (Kol 3,12-17)

Jede Musik hat ihre Zeit, ihren Augenblick, zu dem sie am besten passt. Manch einer oder eine sucht sich zum Weinen ein Stück von Wagner aus, das Siegfried-Idyll etwa, "Fernando" von ABBA oder "The winner takes it all", und lacht am liebsten bei Mozart oder Andrew Lloyd Webber. Wenn ich mich ärgere, dann höre ich mir Rachmaninow oder Liszt an, manchmal auch ein richtiges Hard-Rock-Stück, und der Ärger löst sich leichter von der Seele. 

Es ist verständlich, wenn jemand in beschwingter Laune keine Lust auf dramatische Symphonien hat, und umgekehrt: Ein trauriger Mensch ist vermutlich für pralle Trompetenklänge kaum empfänglich. Es gibt Musik, die in einem bestimmten Moment nicht gefällt, die mit der gegenwärtigen Stimmung nicht harmoniert. Umgekehrt: Ist sie zart, passt sie zu sensiblen Momenten; ist sie wuchtig, entspricht sie Augenblicken voller Energie.

Musik löst den Krampf des Lebens, verschafft dem Verstand Erholung und regt die Gedanken neu an. Tillsammans ist ein Spiegel solcher Musik und Harmonie: Man arbeitet zusammen, verbindet die jeweiligen Gaben und Fähigkeiten, unterstützt und entlastet sich, hat Freude am Miteinander. Auch beim Fika, um den ich Sie neben Kanelbullar und Köttbullar wirklich sehr beneide. 

Tillsammans, Harmonie verlangt von uns in Schweden und Bayern genauso wie weltweit Nachdenklichkeit, bessere Lebensbedingungen für die, die materielle und seelische Not leiden, fröhliche Begleitung für alle, die das Leben feiern können. Unser Glaube ist kein harmloses Tralala und Hopsassa, von ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe und einem oberflächlichen, zeitgeistlichen „Get happy“ – „Werde glücklich“ -  durchzogen. 

Der christliche Glaube hat einen klaren menschenfreundlichen Grundton. Wenn dieser Grundton privates, soziales und politisches Leben bestimmt, dann sorgt er für Harmonie. So erzählt das Alte Testament vom triumphalen Lobgesang des Mose, seiner Schwester Miriam und der Israeliten, als Gott sie sicher durch das Schilfmeer geführt hatte. Ein sehr aktuelles Lied, wenn ich an die Flüchtlinge denke, die zu Ihnen und uns kommen.

"Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott… " (Ex 15,2) Ein Lied, das auf gute Erfahrungen zurückblickt und sie als Ermunterung für die Zukunft versteht. Wir sind Kirche, offen, sozial engagiert, die mit klarer Stimme Orientierung gibt, ihren Glauben glaubwürdig gestaltet und das Zusammenleben  unterschiedlichster Menschen fördert. Tillsammans.

Debora, alttestamentliche Prophetin und Richterin, singt ein Siegeslied, als es gelungen ist, einen feindlichen Feldherrn zu vernichten. "Höret ihr Könige, und merket auf, ihr Fürsten! Ich will singen, dem Herrn will ich singen, dem Herrn, dem Gott Israels will ich spielen." (Richter 5,3) Wir sind heute zu Recht skeptisch bei der Verbindung von Glaube und Krieg. Ich denke, man kann das Deborah-Lied für uns so deuten:

Ein Feind ist bezwungen, etwas, was  einen innerlich  kaputtmachen wollte, und dann ist es dran  - ein Begeisterungsschrei, ein jubelndes "Gott sei Dank!" Nach Kontrolluntersuchungen etwa, wenn die Ergebnisse sagen: Du bist gottlob gesund. Oder, wenn man geistige Enge überwunden hat und neugierig auf fremde Menschen zugeht. In Europa müssen wir aufpassen, dass der Rechtsruck in unseren Ländern ein harmonisches Tillsammans nicht gefährdet.

Israelitische Frauen singen und tanzen bei der Rückkehr der Bundeslade, genauso wie bei der Einweihung des Tempels. Sogar König David lässt allen Emotionen freien Lauf. Hanna singt, als sie endlich mit Samuel schwanger ist, Maria lobt den Herrn in Erwartung ihres Sohnes Jesus. Musik hat ihren Platz dort, wo Kinder, Frauen und Männer sich freuen, weil sie eine große Gefahr überwunden haben. Weil sie ihrer Dankbarkeit Luft machen wollen. 

Musik setzt Akzente in Dur und in Moll, mit einem oder mehreren vorgezeichneten Kreuzen - so, wie das Leben spielt. Musik setzt in Bewegung. In Psalmen wird das Lob des Schöpfers gesungen, die Schönheit von Menschen, Tieren und Pflanzen, von Land und Wasser in rhythmische Worte gefasst. Wer dankbar von Natur und Schöpfung reden und singen kann, der wird sich um ihre Bewahrung mühen. Tillsammans mit der gesamten Kreatur. 

Christliche Existenz hat mit einem nachdenklichen Einsatz für Gottes Welt und seine Menschen zu tun. Wenn Männer und Frauen sich nicht fürchten, weil sie wissen, dass Gott ihre Stärke ist, dann sollten sie das wissen und erfahren: Der christliche Glaube verbindet wachen Sinn für die Wirklichkeit mit fester Überzeugung. Der Überzeugung, dass wir mit Gottes Hilfe Grenzen überwinden und uns von dem entlasten können, was uns zu Boden zieht. 

Deswegen, weil wir um den unauflöslichen Zusammenhang zwischen Jenseits und Diesseits, zwischen Gott und Mensch wissen. Schön und ästhetisch gelingt es in der Kunst - Himmlisches und Irdisches zu vereinen, dem Herrn zu singen, zu spielen, zu malen, zu bauen und zugleich zu spüren, dass das unserem Miteinander dient. Schönheit und Ästhetik sind eine Aussage über die Zeit, über das, was Menschen in dieser Zeit bewegt. 

Und: Musik ist Ausdruck von Lebensfreude, von Erleichterung und Dankbarkeit. Sie ist Impuls, Anstoß für anderes Verhalten, Ausdruck für Vertrauen in Ängsten. Die Psalmsänger haben es verstanden, ihr Leid wort- und tonreich vor Gott zu bringen. So heißt es: "Was betrübst  du dich meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist" (Ps 42,8-10.12). 

Der Rhythmus der Worte, die Sprachmelodie hilft, den eigenen Takt allmählich wieder zu finden. Der heilsamen Wirkung von Musik bedienen sich heute viele Therapeuten, um geistig, seelisch und körperlich kranken Menschen zur Genesung zu verhelfen. Luther hat sich oft dazu geäußert, auf welche Weise Musik einem Menschen zu mehr Lebensfreude verhilft. "Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes", so sagte er einmal bei Tisch, "ist die Musica. 

Der ist der Satan sehr feind, damit man viel Anfechtung und böse Gedanken vertreibet ... Sie verjagt den Geist der Traurigkeit... ist das beste Labsal einem betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird..." Warum also nicht mit Musik sich konzentrieren auf Klänge, die einen wieder fröhlich und lebhaft machen?  Das kann man auch mal alleine machen, aber Tillsammans ist es viel schöner! Apropos Schönheit. 

Unser Bibelwort redet auch von Harmonie, die unser Outfit betrifft: "So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit."

Wir haben uns teilweise bei einer schwedischen Firma eingekleidet, um das Tillsammans auch optisch zu unterstreichen. Das Band der Liebe, das Schweden und Bayern verbindet, zeigt sich eben auch im Äußeren - und die Stockholmer Firma, die Kleidung für die Geistlichkeit schneidert, sorgt dafür, dass menschenfreundlich und ökologisch produziert wird. Tillsammans: Rücksicht auf andere, auf ihre lebenswichtigen Bedürfnisse. 

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind eins im Glauben an Jesus Christus. Sein Liebeslied an uns geht um die Welt - und wir sollten es lauthals singen, damit es alle hören können und der Glaube wächst. Der mitreißende Glaube daran, dass Gott uns in den Höhen und Tiefen unseres Lebens begleitet. Halten wir  daran fest, dass Gott unser Heil ist. Sind wir gewiss: Gott der Herr ist unsere Stärke, unser  Psalm und in alle Ewigkeit unser Heil.

Amen.