Erfreut euch, ihr Herzen!

Predigt am Sonntag Kantate zur Kantate "Erfreut euch, ihr Herzen" von Johann Sebastian Bach (BWV 66) in der Himmelfahrtskirche Pasing
18. Mai 2014

Kantate an Kantate, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder. Das klingt beinahe wie ein italienischer Schlager vom Festival in San Remo. Kantate am Sonntag Kantate. Und so falsch ist das ja nicht, denn Johann Sebastian Bach war einer, der unbekümmert Weltliches mit Sakralem mischte, der einmal erfolgreiche Musik für andere Gelegenheiten munter wiederverwendete. Der Musik schuf, die man auf den Straßen mitsingen, pfeifen und trällern kann. Auch wenn wir gemeinhin, so wie heute, fast starr vor Ehrfurcht über die hohe Kunst sind, mit der seine Musik vorgetragen, inszeniert und dirigiert wird – danke dafür! – sie ist tatsächlich für alle Lebenslagen geeignet.

Der Eingangschor, den wir vorhin gehört haben, hat seinen Ursprung in einer Geburtstagskantate, auch wenn mittendrin pochender Herzschlag wie in der Matthäuspassion zu hören ist. Die tänzerische Arie kurz vor der Predigt kommt aus der Glückwunschkantate – und nachher hören wir im Duett von Alt und Tenor etwas  von der Köthener Geburtstagsmusik, der Stadt in Sachsen-Anhalt, in der Bach seine glücklichsten und kreativsten Jahre verlebt haben soll. Selbst hier wieder Ineinander von heiterer Lebendigkeit  und tiefem Schmerz: In Köthen verlor Bach seine Frau Maria Barbara und fand doch in Anna Magdalena anderthalb Jahre später ein neues Glück.

Unsere österliche Kantate hat Bach als Thomaskantor in Leipzig geschrieben – in dem Jahr, in dem er auch die Johannespassion komponierte. Passion und Ostern. Bach hatte sechs Kinder aus erster und dreizehn Kinder aus zweiter Ehe. Neunzehnmal neues, beglückendes Leben – und neunmal musste er dieses Leben zu Grabe tragen, weil die Hälfte seiner Söhne und Töchter im Kindesalter starben. Erfreut euch, ihr Herzen? Wie kann man so etwas komponieren, wenn einem so oft das eigene Herz bricht? Man kann es vielleicht dann, wenn man dieses Leben mit seinen schwindelerregenden Höhen und den erschreckenden Abgründen zuversichtlich aus Gottes Hand nimmt.

Das fällt alles andere als leicht. Und es darf nicht zu einer oberflächlichen Kopf-hoch-Strategie verkommen. Denn unser Kummer, das Leiden anderer müssen, sollen und dürfen wir ernst nehmen. Die Kantate oszilliert selbst, sie schwingt hin und her zwischen Schwachheit und Zuversicht, zwischen Furcht und Hoffnung. Da gibt es die Schmerzen, die bitte entweichen sollen. Die, die einen in Gelenken und Organen körperlich beuteln, und solche, die einem die Seele verdunkeln, den Kopf schwer machen und hängen lassen, weil die Kinder einem in der Schule so viele Sorgen bereiten, weil es in der Ehe seit Jahren kriselt oder in der Familie dauernd Streit gibt.  

Wir fürchten uns vor bevorstehenden Aufgaben im Beruf, zagen, sind manchmal ängstlich im Blick auf die Zukunft. Was wird mit uns werden, wenn wir alt sind, wenn wir womöglich uns selbst und unsere Geschichte vergessen, wenn wir merken, dass uns das Gedächtnis entgleitet? Wenn wir den geliebten Menschen verlieren? Was, wenn der Friede in unserem Land wieder bedroht ist? Alt und Tenor singen im ersten Chor von Trauer und Furcht, wie wir sie alle kennen, untermalt von ausdrucksvollen Seufzern und einer Beklemmung, die einem schier das Herz abschnürt. Tapfer, fast trotzig erklingt es: Ihr könnet verjagen das Trauren, das Fürchten, das ängstliche Zagen.

Man braucht so ein Lied, so eine Kantate nicht unbedingt zu singen, um dadurch ruhiger zu werden. Der Rhythmus der Worte, die Sprachmelodie genügen, um den eigenen Takt allmählich wieder zu finden. Musik hat heilsame Wirkung. David zum Beispiel muntert den depressiven König Saul mit Harfenspiel auf. Der heilsamen Wirkung von Musik bedienen sich heute viele Therapeuten, um geistig, seelisch und körperlich kranken  Menschen zur Genesung oder wenigstens zu einem erträglichen Zustand ihrer Erkrankung zu verhelfen. Ja, der Heiland erquicket sein geistliches Reich! Luther hat sich oft dazu geäußert, auf welche Weise Musik einem Menschen zu mehr Lebensfreude verhilft.

„Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes“, so sagte er einmal bei Tisch, „ist die Musica. Der ist der Satan sehr feind, damit man viel Anfechtung und böse Gedanken vertreibet ... Sie verjagt den Geist der Traurigkeit ... ist  das beste Labsal einem betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird...“ Wie schön, dass der Chor angesichts einer oft bitteren Realität tröstlich schmettert: Der Heiland erquicket sein geistliches Reich, und die Stimmen nacheinander, einander bestärkend einsetzen und auf dem Heiland lange aushalten. Es braucht oft viel Heiland, damit die Schmerzen entweichen, damit unsere Furcht, Trauer und Zaghaftigkeit sich davonmachen.  

Es ist das Widersprüchliche und der Widerspruch im christlichen Glauben: Der Trost und die Hoffnung liegen im Leiden selbst und im Protest dagegen. Das Leiden Jesu ist ein einziger Protest gegen das Leiden. Am Kreuz schreit er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ein Schrei nach Gott. Nach seiner Nähe. Ich richte meine Augen auf das Kreuz: Da am Kreuz leidet Gott mit, damit wir in keinem Leid gottverlassen sind. Gott trägt unser Kreuz, leidet unsern Schmerz, stirbt unsern Tod, den großen letzten und die vielen kleinen in unserem Leben. Der Heiland erquicket sein geistliches Reich – er ist dabei, bei allem, was uns geschieht.   

Und es bricht das Grab – im Rezitativ hörte man es förmlich österlich krachen. Glaubt ja nicht, dass man unseren Gott bezwingen, sich seiner entledigen, ihn beerdigen kann. Nichts da! Er sprengt alle Ketten, jeden Rahmen, jeden Versuch, ihn einzumauern. Was Wunder, dass Bach ein Dank-, ein Tanzlied folgen lässt – denn unsere Gräber im Leben und nach dem Tod sollen ja auch geöffnet werden, auf dass wir heiteren oder tapferen Schrittes ins Leben tanzen. Wir kennen das: Unsere Stimmung schlägt um. Unser Vertrauen auf Gott bricht sich Bahn. Die leise und laute Klage wandelt sich in freudiges Frohlocken bis hin zu einer kraftvollen Lobeshymne. Lasset dem Höchsten ein Danklied erschallen!

Fast wie ein Zauberspruch klingt es am Anfang des Chores: Erfreut euch, ihr Herzen, entweichet ihr Schmerzen! Und nun: Bei Jesu Leben freudig sein ist unsrer Brust ein heller Sonnenschein … Mein Heiland ruft mir kräftig zu: Mein Grab und Sterben bringt euch Leben, mein Auferstehn ist euer Trost. Ja, Gott liebt uns bedingungslos, einen jeden und eine jede von uns – so, wie wir sind. Mit unseren überschäumenden Glücksgefühlen und innerem Jubel, mit unserer Ruhe und Gelassenheit, mit der Angst, Verzweiflung und Unsicherheit, dem Misstrauen, das uns immer wieder packt. Mit Seufzer, Tränen, Kummer, Not, ängstlichem Sehnen, Furcht und Tod.

Bis wir, bis so ein Mensch wieder bei sich und bei Gott ist, dauert es. Selbst erklärte Atheisten sagen manchmal: „Da hilft nur noch beten.“, weil sie wissen, dass es Zeiten im Leben gibt, Ereignisse, die einen hilflos machen und bestenfalls die Hoffnung auf einen gnädigen Gott übrig lassen. Lassen – das ist ein wichtiges Wort. Manchmal arbeitet man sich förmlich dabei auf, aus schwierigen Situationen wieder herauszukommen. Man will etwas tun, unbedingt etwas tun, damit es voran geht. Das kann dann gut und richtig sein, wenn man anderen beisteht und dabei merkt, dass es einem selber wieder besser geht. Dass der Gott, der Wunder tut, den Geist durch Trostes Kraft gestärkt hat.

Man kommt weg vom Kreisen um sich selbst, ordnet die eigenen Probleme, die einem groß und übermächtig schienen, richtig ein – dadurch, dass man das Leid anderer mitträgt, ihre Einsamkeit teilt und dadurch selber nicht mehr alleine ist. Lassen heißt in diesem Fall, von sich selber absehen, Herz und Sinn auf seine Mitmenschen lenken und von diesem Engagement sich so richtig erfüllt fühlen. Lassen, das heißt aber auch: Akzeptieren, dass eine Situation so ist, wie sie ist, dass man im Augenblick nichts ändern kann, dass man vielleicht gar nichts mehr ändern kann. Wenn man loslässt, sich nicht mehr krampfhaft bemüht, alles und jedes sofort regeln will, siehe da: Ungeahnte Kräfte werden frei.

Energien, die durch rastloses Tun aufgebraucht werden, stehen auf einmal zur Verfügung, um sie dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden. Man muss sorgfältig bei sich selber abwägen: Wann ist die richtige Zeit zum Handeln – und zu welchem, um nicht in blinden Aktionismus zu verfallen? Wann ist Zeit, um zärtlich loszulassen, bei sich selbst und bei anderen? Und wenn sich auch ein Feind erbost, will ich in Gott zu siegen wissen. Wenn man sich und anderen Zeit lässt, wenn man loslässt, ist der Anlass für Kummer und Schmerz nicht einfach weg. Christenmenschen lassen sich nicht einlullen; sie haben einen wachen Blick für die Wirklichkeit und wissen klar um ihre Sorgen und die anderer.

In Bachs Kantate wird das Leiden wahrlich nicht verleugnet, nicht die Sorgen, mit denen man sich tagtäglich abmüht. Solange wir auf Erden sind, mögen wir das Paradies zeitweise immer wieder lustvoll erleben dürfen – drin bleiben können wir nicht. Aber dann, wenn wir wieder einmal viel Bekümmernis haben, wir mit unserem Herz und der Seele, mit uns selbst in einem Dialog sind, uns hin und her gerissen fühlen zwischen Kummer und Hoffnung, zwischen Verzweiflung und Trost, dann hilft realistisches Gottvertrauen. Eines, in dem man nicht die Hände in den Schoß legt, sondern sie faltet – so  bekommt man allmählich, Tag für Tag, Woche für Woche neue Kraft.

Auferstehung, neues Leben. Das ist nicht allein das, was passt und sich hübsch einfügt in das bisher Gewohnte. Ich habe an Ostern ein von mir geliebtes Gedicht zitiert, das ich Ihnen nicht vorenthalten will. Es ist von  Werner Lutz. Er schreibt:

Immer wieder
das Innere nach aussen kehren
senkrecht stellen was liegen will
Unkrautworte sagen
Brennnesselgefühle zeigen
fluchen mit den Verfluchten
kalt, fiebern in der Neumondnacht
ausruhen in der Mitte
oder zusammen mit den Krähen
laut und gewöhnlich sein.

Auferstehung, neues Leben passiert mitten im Leben und wirft manches um. Ich mag vor allem die Unkrautworte und Brennnesselgefühle.

Wie Brennesseln sich anfühlen weiß ich, weil ich schon hineingefallen bin. Ich stelle mir folglich Leidenschaft vor, heiße Emotionen und flammende Empathie für das Leben, das Ungeborene, das Behinderte, das schwächer werdende... Für unser eigenes Leben und das unserer liebsten Menschen. Bei Jesu Leben freudig sein, ist unsrer Brust ein heller Sonnenschein. Unkrautworte – Dinge, Verhältnisse beim Namen nennen, klar aussprechen, was gerne verschwiegen wird. Falscher Harmonie den Abschied geben um der Wahrheit willen. Konflikte tapfer und fair austragen, um miteinander menschenfreundliche Lösungen zu finden. Wie darf noch Furcht in einer Brust entstehen?

Wir sind gerechtfertigt, geheiligt, gleich, wie wenig glanzvoll wir gelegentlich dastehen. Mein Mund will zwar ein Opfer geben, mein Heiland, doch wie klein, wie wenig, wie so gar geringe, wird es vor dir, o großer Sieger, sein. Wir leben aus Gnade und sterben im Erbarmen Gottes – wir dürfen fest darauf vertrauen, dass unsere alltäglichen Auferstehungen sich am Ende der Tage wandeln in ein freudiges, temperamentvolles Osterfest: Ach Gott! der du den Tod besieget, dir weicht des Grabes Stein, das Siegel bricht. Gott ist nicht zu halten, er ist nicht zu bremsen in seiner Leidenschaft für unser Leben. Nix Zurückhaltung, nix Selbstbeherrschung, nix würdevolle Contenance.  

Das Paradies kehrt energiegeladen wieder und macht rabiat ein Ende mit allem, was dem Leben widerspricht. Misstrauen, Hass, Verzweiflung  werden verschwinden – damit das Leben fröhliche Triumphe feiert. Erfreut euch, ihr Herzen, entweichet ihr Schmerzen: Wir können als Auferstandene tatkräftig etwas unternehmen gegen Angst und Furcht, unter denen viele unserer Jugendlichen wegen ihrer schulischen und beruflichen Belastung leiden – damit sie unbeschwert leben und gedeihen können. Wir können als die, die hier schon himmlisch Labsal haben, Gottes Kranke und Sterbende liebevoll begleiten, damit sie auf ihre Auferstehung vertrauen, hier und in der Ewigkeit.

Wir sollen ein klares Ja sagen zu allen, die aus der Heimat vertrieben und geflohen zu uns kommen, als Bedürftige, die bei uns Zuflucht suchen – damit der Heiland in uns herrscht und ihre Herzen erfreut werden. Der Heiland lebt, so ist in Not und Tod den Gläubigen vollkommen wohl geraten: Wir können das, wir schaffen es, die, denen das Herz weh tut, in Gottes Namen zu erquicken. Und schließlich sollten wir selbst auf das Brechen und Splittern unserer Gräber hören, damit wir Überraschendes tun und erleben, damit wir passioniert, leidenschaftlich unser eigenes Leben leben und sagen können: Nun ist mein Herze voller Trost. Hier, heute und in alle Ewigkeit. Amen.