Eröffnungsrede zur Verleihung des Wilhelm Freiherr von Pechmann-Preises

München, St. Markuskirche 
12. Mai 2016

Sehr geehrter Herr Landtagsvizepräsident,
sehr geehrte Frau Stadträtin,
sehr verehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Familie von Pechmann,
sehr geehrte Preistragende,
sehr geehrte Damen und Herren,  

Ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserer diesjährigen Verleihung des Wilhelm-Freiherr von Pechmann Preises. Wir ehren mit diesem Preis Menschen, die sich wissenschaftlich, publizistisch oder durch geistvolle Aktionen und Projekte mit dem Verhältnis von Kirche und Nationalismus bzw. im Raum der Kirche mit dem Rechtsradikalismus der heutigen Zeit auseinandersetzen. 

Diese Veranstaltung, die wir in dankbarer Erinnerung an den "Vater Courage", Wilhelm von Pechmann, abhalten, schien uns von Anbeginn an eine wichtige und lebensdienliche zu sein. Nur wer sich erinnert, auch an die Schuld der Kirche, ist fähig zur Diskussion und in der Lage, kirchlich und gesellschaftlich angemessen, das heißt, der Menschenwürde entsprechend zu handeln.

Bedauerlicherweise ist es heute wieder nötiger denn je, sich Parolenbrüllern und Hasspredigern entgegen zu stellen. Und machen wir uns nichts vor: Wir haben es nicht mit primitiven Menschen zu tun, deren Emotionen mal kurz aufwallen und die man rechts liegen lassen könnte. Die Führungsriege etwa der AfD ist mehrheitlich evangelisch, engagiert in den jeweiligen Gemeinden bis hin zum Orgelspiel im Sonntagsgottesdienst. 

Es sind Menschen mitten aus der Gesellschaft, gebildet, gut situiert, fromm. Damit müssen wir uns auseinander setzen - einschließlich der Frage, warum um Himmels willen der Protestantismus immer wieder anfällig ist für Denkstrukturen, die Anderes, Fremdes, Neues so vehement ausgrenzen. Der Protestantismus, der doch Glaubensfreiheit gebracht hat, der den Blick gelenkt hat auf die einmalige Beziehung zwischen Gott und Mensch. 

Auf das Evangelium jedenfalls können sich die neuen Rechten mit ihren Programmen nicht berufen. Sie sind unvereinbar mit der Vision Jesu von einem friedfertigen Miteinander auf Erden, zu dem nach dem Neuen Testament die Völker aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen. Letztlich verraten und pervertieren die neuen Rechten genau die konservativen Werte, die zu verteidigen sie vorgeben.

Wir müssen sensibel dafür werden, dass es in Deutschland seit langem ein hohes Maß an längst nicht mehr latenter Ausländerfeindlichkeit, manchmal offenem Rassismus und widerlichem Antisemitismus gibt. Sie können immer und überall aufbrechen, wenn Menschen einen Sündenbock für ihre eigene Unzufriedenheit suchen. Demokratie muss stets verteidigt werden. Ihr größter Feind ist der Trugschluss, sie sei nicht in Gefahr. Als Menschen, die ihr Vater- und Mutterland lieben, stehen wir zu den Grundwerten der Demokratie.

Danke, Herr Landtagsvizepräsident, dass Sie uns erneut die Ehre eines Grußwortes geben. Sie sind mit Ihren Kollegen der anderen demokratischen Parteien im Landtag gewillt, dem braunen Spuk Ihre demokratische Kraft entgegen zu setzen. Ich danke der Stadt München, vertreten durch Frau Stadträtin Grimm, dass Sie im Bündnis mit den Kirchen klar machen: Wir sind eine Gesellschaft, die von profilierter Liberalität und gerade deshalb von Verfassungstreue und einem klaren Ja zum demokratischen Rechtsstaat geprägt ist. Und das bleiben wir! 

Wir müssen uns mit Hirn und Herz auch den heutigen ewig Gestrigen entgegen stellen, die so unerfreulich erstarkt sind. Deswegen haben wir zum ersten Mal ausschließlich Aktionen ausgezeichnet, die mit Witz und Esprit gegen Menschenverachtung für ein gerechtes, würdiges Zusammenleben auftreten - so, wie die bunte Kooperation „Rechts gegen Rechts – Der unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands.“ 

Die Laudatio wird dankenswerterweise Herr Dekan Stefan Blumtritt halten, der ebenso wie Frau Flauder neues Jurymitglied ist. Der Synode ist der Pechmann-Preis so wichtig, dass sie unser Gremium um diese beiden munteren Mitglieder ergänzt hat. Vielen Dank, Frau Präsidentin, dass Sie sich des Preises mit so viel Verve angenommen und mit dem Ihnen eigenen Temperament für neuen Schwung gesorgt haben. 

Wir freuen uns, dass auch ganz junge Leute sich nachdenklich mit der Vergangenheit beschäftigen und damit beispielhaft zukunftsfähig werden. Wer eine solche Jugend hart, muss nicht bange sein. Eine Erkundungsfahrt zu Stationen des Nationalsozialismus und die Beschäftigung mit dem unsäglichen Lebensborn Himmlers werden ausgezeichnet. Professor Sommer, verdientes Mitglied der Jury, wird die Laudatio halten. 

Eine gute Gelegenheit auch den anderen Jurymitgliedern Professor Harry Oelke und dem früheren Bundesminister Dieter Haack für ihr Engagement zu danken. Ein besonderes Vergelt´s Gott sage ich meinem Vorgänger im Amt, Martin Bogdahn, der wie Dieter Haack dafür gesorgt hat, die Erinnerung an Wilhelm Freiherr von Pechmann in unserer Landeskirche überhaupt wieder wach zu rufen. 

Ich danke wie seit vielen Jahren dem E.T.A. Hoffmann Trio, das mit feinsinniger Musik den Charakter unserer Veranstaltung ohne Worte, aber nahegehend unterstreicht. Komponisten wie der zeitgenössische Andreas Willscher, Schostakowitsch, John Williams mit „Schindlers Liste“ und Josef Haydn, die Sie interpretieren, helfen uns, geistig zu vertiefen, was bei diesem Festakt gesprochen und erzählt wird.

Sehr geehrte Damen und Herren, unsere Kirche muss und will aus der Vergangenheit lernen. Wir sind in der Gegenwart neu heraus gefordert: Durch die Reaktionen auf die vielen Menschen, die bei uns neue Heimat suchen – und durch die Begegnungen mit ihnen und ihrer Kultur. Es ist zum einen an uns, dafür zu sorgen, dass unsere Sprache ebenso human ist wie der Umgang miteinander.

Verbale Gewalt ist nicht so weit entfernt von der üblen Tat, die sich gegen die Sanctity of Life, die Heiligkeit des Lebens, richtet. Umgekehrt wird sich eine zivilisierte, gepflegte Sprache auch auswirken auf das Verhalten in unserer Gesellschaft, wenn sie das Gegenüber liebevoll im Blick, im Kopf und im Herzen hat. Das paulinische „und hätte der Liebe nicht“ bzw. eben schon ist wegweisend. 

Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass Einheimische und die, die zu uns kommen, ihren Platz in der Gesellschaft haben oder bekommen. Dass sie Orientierung für ihr Leben haben und Lust an der kulturellen Vielfalt empfinden - ohne dass wir voreilig unsere jüdisch-christlichen Werte aufgeben. Respekt und Toleranz verlangen vor allem klares demokratisches Profil, keine allerweltswischiwaschi-Weltanschauung. 

Welche Offenheit bringen wir in die Begegnung mit anderen Menschen mit? Was wollen und müssen wir in jedem Fall bewahren? Gut, wenn wir uns die Werte vergegenwärtigen, die auf der Basis der Menschenwürde in der Verfassung unseres Landes niedergelegt sind und uns neu darauf verständigen: Ich nenne nur Gleichberechtigung von Mann und Frau, Freiheit der Person, Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit.  

Wir brauchen konstruktive Leidenschaft, um ins Gespräch zu kommen – mit Neubürgern und denen, die schon immer hier leben. Der Pechmann-Preis ist ein Signal dafür, dass wir der Stadt Bestes suchen und für das Land sorgen wollen: konkret, was die Lebensbedingungen angeht und die Mentalität der Menschen. Wir wollen in Gottes Namen auch mitarbeiten daran, dass Europa ein Ganzes wird, in dem Menschen aller Kulturen friedlich zusammenleben. Danke.