Einer trage des Anderen Last

Ansprache zu Galater 6,2 bei der Ökumenischen Segensfeier zur Einweihung der neuen Räumlichkeiten des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, München
18. September 2014

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

es sind in der Hauptsache nicht die unbeschwerten Tage im Leben eines Menschen, für die Sie im Staatsministerium für Gesundheit und Pflege arbeiten. Sie setzen Ihre Arbeitskraft, Ihr Fachwissen und Ihre Kreativität dafür ein, dass die schweren Tage leichter werden und Lebensfreude wieder aufblühen kann.


Krank zu sein ist eine Last. Das spüren wir schon bei einer eher leichten und schnell vorübergehenden Erkältung. Der Elan ist weg, der Appetit verschwunden, Glieder, Hals und Nase schmerzen, der Kopf dröhnt – ausgeknockt für ein paar Tage. Das ist nicht schlimm, aber unangenehm.


Sie haben auch die richtig scheußlichen Krankheiten im Blick, die Menschen in ihrem Leben über Jahre und Jahrzehnte erheblich einschränken, die nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Familien an ihre Grenzen bringen, die tödlich enden. Krankheit ist für Kranke wie für deren Angehörige oft eine Last.


Ebenso herausfordernd ist, wenn die demente Schwiegermutter, der Ehemann im Wachkoma oder das mehrfach schwerbehinderte Kind zu versorgen ist. Aufmerksam für die gesunden Familienmitglieder zu bleiben, den Haushalt zu schmeißen, im Beruf Leistung zu bringen und einen Angehörigen zu pflegen, ist höchst anspruchsvoll. Die Last wird zu groß.


„Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Diesen Vers aus dem 6. Kapitel des Galaterbriefes möchte ich Ihnen in Ihren neuen Räumen mit auf den Weg geben. Es gibt das Ministerium für Gesundheit und Pflege, weil sich unsere Gesellschaft als Solidargemeinschaft diese Aufforderung der christlichen Nächstenliebe zu Herzen genommen und zu eigen gemacht hat.


Unser Gesundheits- und Pflegesystem baut darauf auf, dass wir gegenseitig unsere Lasten tragen. In Krankheit bleibt niemand allein. Er oder sie bekommt Hilfe, medizinisch, psychologisch, durch Versicherungen und Sozialdienste, durch Seelsorge und Pflege. Wir haben weltweit eines der best ausgebauten Gesundheitssysteme. Die geteilte Last kostet uns einiges, der Gewinn aber ist größer: Die Last wird für den Einzelnen geringer und tragbarer.


Das gleiche gilt für die Pflege. Als Gesellschaft wollen wir nicht den Familien – speziell den zumeist pflegenden Frauen – allein die Pflege aufbürden, die diese weit überwiegend tragen. Angesichts des demographischen Wandels können wir das auch gar nicht. Hier wird es weitere kreative Ideen aus dem Gesundheits- und Pflegeministerium brauchen, wie Pflege auch zu Hause erleichtert werden kann im Zusammenspiel von Familien und Pflegediensten, Arbeitgebern, Nachbarschaftshilfe, Kommunen und Kirchengemeinden.


Sie alle, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, arbeiten dafür, dass die Rahmenbedingungen passen für den Dienst von Mensch zu Mensch. Ihnen gebührt großer Dank dafür, dass Sie es mit Freude und fachlichem Können, mit geschärftem Blick und kritischem Verstand zu Ihrer Aufgabe gemacht haben, ein solidarisches Gesundheits- und Pflegewesen aufzubauen, zu erhalten und zukunftsfähig zu machen.


Einen besonderen Dank möchte ich Ihnen, Frau Staatministerin, aussprechen: Sie lehnen in der aktuellen Debatte eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe gerade aus ärztlicher Sicht entschieden ab. Vielen Dank für diese klare Position! Auch hier muss es Ziel unserer Gesellschaft sein, gemeinsam die Bürde zu tragen, die mit dem Sterben verbunden sein kann.


Wir brauchen einen Ausbau der Palliativmedizin und der Hospize. Wenn Menschen Angst vor dem Sterben haben, unter starken Schmerzen leiden und ihre Autonomie verlieren, dann kann es nicht die Antwort sein, ihnen Gift zur Verfügung zu stellen. Dann muss die Antwort sein, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Angst mit ihnen zu tragen und bei ihnen zu bleiben.


Wir brauchen ein starkes Netz aus medizinischer Versorgung, Seelsorge und sozialer Einbettung, das Menschen im Sterben trägt, sei es in einer Klinik oder zu Hause. Das sage ich gerade auch als Schirmfrau der Evangelischen Stiftung Hospiz. Mir ist eine liebevolle, zugewandte und medizinisch umfassende Versorgung Sterbender eine echte Herzensangelegenheit.


„Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ihr Engagement und Ihre Leistung für die Gesundheit und die Pflege von Menschen in unserem Land tragen hoffentlich viele Früchte. Damit dienen Sie den Menschen draußen. Ihre Zusammenarbeit hier im Ministerium läuft im Idealfall reibungslos und wird von gegenseitigem Respekt getragen. Damit dienen Sie einander. Mit Ihrer Arbeit dienen Sie dem Leben. Dafür bitten wir heute um Gottes Segen. Amen.