Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen

Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung der Fastenaktion 7 Wochen ohne 2015 in der Michaeliskirche Leipzig
22. Februar 2015


Liebe Gemeinde hier in der Michaeliskirche und an den Bildschirmen!

Ich schaue in den Spiegel. Auf meiner Glatze liegt ein dunkler Schatten. Was ist das schon wieder, verdammt!? Seit Monaten bekomme ich Chemotherapie, die Haare sind längst ausgefallen, ich habe kaum noch Augenbrauen und Wimpern. Und jetzt das! Ich streiche panisch über meinen Kopf und begreife: Hey - das sind die neuen Haare, die da wachsen wollen. Sofort schmeiße ich die Perücke in die Ecke und laufe dünn und bleich, aber mit winzigen Igelborsten durch die Stadt. Ich bin schön! Danke, lieber Gott! Mit 29 Jahren habe ich das alles genau so erlebt. Ich bin glücklich. Nach wie vor. Sie sind mir geblieben, die Haare.

Die Schönheit, von der unser Bibelwort spricht, kann die schier makellose sein, die Frauen bei George Clooney und Männer bei Nicole Kidmann aufseufzen lässt. Hach, sehen die toll aus... Natürlich kann man das auch im Angesicht des eigenen Partners, der Freundin oder des Kollegen sagen. Du bist schön, du hast wunderbare Augen, liebster Mann, du bist eine wahrhaft liebliche Erscheinung, hast eine fabelhafte Figur. Das ist überschwängliche Freude an der Schöpfung, an Gottes Ideenreichtum und Kunstfertigkeit, die uns und andere so hat werden lassen, wie wir sind.

Aber es wäre zu wenig, viel zu wenig, wenn wir uns allein von Äußerlichkeiten begeistern ließen – so sehr wir sie genießen dürfen. Ich habe eine liebe Freundin, deren Mann eigentlich wenig von einem Filmstar hat. Er ist unglaublich geistreich, witzig, kreativ und kann phantastisch mit Sprache umgehen. Jede seiner Mails lohnt, aufgehoben, eigentlich gedruckt zu werden. Ein wundervoller Mensch. Und sie sagt: „Was bin ich froh. Dass vorher keine seine Schönheit entdeckt hat und ich ihn bekommen durfte!“ Sie hat recht - er ist einfach schön, hinreißend liebenswert und sehr besonders anziehend.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sagt eine Redensart. Schönheit ist im Wortsinn Ansichtssache. Wer liebt, wie die beiden im Hohenlied, der ist entzückt vom einzigartigen Aussehen des anderen, von Körper, Stimme und Bewegungen – von seinem, ihrem Wesen, der ganzen Art. Toll, diese feingliedrigen Hände, die wilden, unbezähmbaren Augenbrauen! Herrlich, diese Nase mit Aufwärtstrend... Wer liebt, spielt mit grauen Haarsträhnen, fährt zärtlich Falten nach und streichelt den runden Bauch, der kein Waschbrett-, dafür ein Waschbärbauch zum zufriedenen Anlehnen ist.

Solch differenzierter Schönheitssinn kommt auch zurecht mit Krankheiten, akuten und chronischen, mit Gebrechen. Kommt zurecht mit dem Anderssein des anderen, das nicht den Titelseiten von Illustrierten entspricht. Ich habe einen kleinen Jungen mit Down-Syndrom getauft. Theo Benjamin heißt er, übersetzt: Gottesgeschenk, Sohn meiner Liebe. Seine bildhübschen Schwestern haben zu seiner Taufe im Gottesdienst „Isn´t he lovely“ gesungen, einen Hit vom schwarzen, blinden Soulsänger Stevie Wonder. Ja, er ist entzückend, Theo, mit seinen Juchzern, seiner Freude, seiner Knuddligkeit. Er würde schrecklich fehlen, gäbe es ihn nicht.

Du bist schön. Ich hab´Dich gern, ich liebe Dich, wenn deine Augen strahlen oder müde sind, wenn du blühst, wenn du elend und matt bist und täglich vor dem Fernseher einschläfst. Du bist schön, auch wenn du nicht stark und wild, sondern schwach und nicht mal zahm bist. Das ist das Geheimnis der Liebe – die Schönheit im anderen und an sich selbst jeden Tag neu und anders zu entdecken. „Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich.“ Das wäre doch mal eine Begrüßung auch des eigenen Spiegelbildes...

„Du bist so schön“, das flüstern sich Liebende in den intimsten Momenten zu. Gott sei Dank spielen in solchen Augenblicken modische Ideale, plakatierte Versionen davon, wie ein Mensch zu sein habe, keine Rolle. Die Zeilen aus dem Alten Testament sind so sinnlich, dass sie in früheren Zeiten flugs auf die Liebe zwischen Gott und Mensch übertragen – und damit ihres erotischen Klanges beraubt wurden. Wie schade! Mann und Frau, so erzählt die Bibel am Anfang, sind ein Fleisch – das lässt selbstverständlich Bilder von geschlechtlicher Vereinigung entstehen. Sexualität ist eine Gabe Gottes, die machtvoll zur Lebenskraft beiträgt.

Deswegen ist es ganz richtig und wichtig, Gott ins Spiel zu bringen. Die Beziehung zu ihm macht es möglich, sich selbst und andere wirklich schön zu finden und nicht runterzumachen. Wir sind nach seinem Bild geschaffen, sind sein Abbild - schön und begabt, nicht vollkommen, aber besonders. Wir entfalten unsere Gaben oft eindrucksvoll. Zugleich geraten wir immer wieder ins Trudeln. Scheitern. Sehen alt aus. Wir brauchen immer wieder Vergebung und Neuanfänge. Gottes Ebenbild: So dürfen wir uns in unserer schönen Unvollkommenheit nennen – das ist einfach großartig.

Und es ist schon auch eine Verpflichtung. Wir sollen Gott, der uns geschaffen hat, nicht lästern. Andere nicht runtermachen, sondern ihre Schönheit sehen oder aus ihnen kräftig herauslieben, auch aus uns selbst. Ich kenne einen Beamten einer Justizvollzugsanstalt, der Jugendlichen in der Arbeitstherapie handwerkliche Fertigkeiten nahe bringt. Er putzt die jungen Kerle nicht herunter. Mit Blick darauf, dass sie ein anderes, drogen- und gewaltfreies Leben anfangen sollen, bewundert er den Tätowierer für seine Malkunst, den Schläger für die Geduld beim Bienenstockbauen und den Junkie für seine Liebe, mit der er Engel aussägt oder Einkaufstaschen näht.

Er kitzelt aus den Übeltätern heraus, was sie an Gutem schaffen können – zu ihrer eigenen Überraschung. Der Beamte profiliert sich nicht durch abschätzige Distanz, sondern durch anerkennende Nähe. Vielleicht hilft die Einsicht, dass kein Mensch makellos durchs Leben kommt. Jeder trägt früher oder später Falten, Narben, Wunden auf Körper und Seele, hat Flecken auf der weißen Weste und bleibt Gottes Ebenbild. Wozu wäre himmlische Gnade und vorurteilsfreie Zuneigung gut, wenn man sie nicht dringend bräuchte? Du bist schön! Schluss mit dem Runtermachen!

Ich habe deshalb mit einer kleinen Zeile unseres Bibelwortes Schwierigkeiten. Da heißt es: „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.“ Das mit der Lilie gefällt mir – denn Lilie heißt im Hebräischen Shoshannah, Susanne, so wie ich. Aber warum bezeichnet der Liebste in seinem Überschwang die anderen als Dornen? Man sollte das Schönsein des geliebten Menschen oder auch das eigene Selbstbewusstsein nicht auf Kosten anderer kultivieren. Setzen Sie also gerne auch Rose, Jasmin, Iris, Lilly oder Fleur ein... Oder Maike, Karin, Monika, Beate. Sagen Sie einfach Ihren Namen und fühlen sich gemeint!

Du bist schön. Und wenn man selber oder ein anderer das so gar nicht empfindet? Dann hilft es, getrost auf Gott zu schauen. Er wird in dubiose Familienverhältnisse hinein geboren, hat als erste Gäste am hölzernen Himmelbett unterbezahlte Hirten, irritiert mit seinen Fragen die Intelligenz, trifft sich zum Essen mit Aussätzigen, Huren und Zöllnern. Er hat keine Lust auf Rollenfestlegungen, weil die nicht den ganzen Menschen zeigen. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Er sieht den ganzen Menschen – und darum erweist sich auch sein Gegenüber als jemand anderes. Die Leute werden anders.

Gott liebt die innere Schönheit heraus. Ein Betrüger wie Zachäus tischt freundlich auf und entdeckt, wie er sein berufliches Leben zum Guten verändern kann. Eine ehemalige Zwangsprostituierte macht ihren Hauptschulabschluss. Ein bekannter Fußballprofi besucht ganz ohne Presse Menschen im Krankenhaus. Du bist schön! Das, was du kannst ist wunderbar – auch deine kantigen Eigenheiten sind ein Geschenk. Das neue Fastenmotto nimmt die Bibel, nimmt Gott selbst tief ernst. Unsere Fastenaktion gibt einen kräftigen Anstoß, unsere Vorstellungen von einem allseits passenden, gefälligen Menschen in Frage zu stellen.

Du bist schön – auch wenn du in dich gekehrt und keiner der beliebten „Immer-gut-drauf“-Typen bist. Du bist schön, weil du in Streitigkeiten zur Ruhe beiträgst, weil du pfeifst auf das, was „in“ ist und dich schlicht nach deinem eigenen Geschmack kleidest. Du bist schön, weil du ein Herz hast für die Nöte der Kinder dieser Welt, weil du gibst und nicht allein nimmst. Wir sind schön, weil wir Originale sind - auch wenn wir uns manchmal selbst nicht mehr kennen. Wir sind Gottes faszinierende Söhne und Töchter, von ihm gewollt und geliebt, bevor wir auch nur einen Fuß auf diese Erde setzen - und nachdem wir sie verlassen haben.

Mit dem Motto unserer diesjährigen Fastenaktion im Ohr kann man getrost sämtliche äußerlichen Selbstoptimierungsprogramme zum Sondermüll bringen - und andere mit der Aufforderung verschonen, endlich etwas aus sich zu machen. Die Urheberschaft unseres Lebens ist unstrittig himmlisch, auch wenn wir keine Engel sind - oder eher selten. Wir sind schon wer! Mehr könnten wir gar nicht sein als Gottes Kinder, einer wie die andere und zugleich keine wie der andere. Einmalig, unverwechselbar sind wir - wie wunderbar. Zu wissen, dass Gott die Existenz eines jeden Menschen will und bejaht, stärkt das eigene Selbstbewusstsein.

Und es macht Laune, auch anderen als Ebenbild Gottes zu begegnen: sie in ihrer Vielfalt zu bewundern, sich über Charaktere und Eigenheiten zu freuen. Sich selber und andere kleinzumachen, das hieße, an Gottes guter Schöpfung herumzukritteln. Verzichten wir darauf, uns und andere madig zu machen, mit mieser Stimmung unser Leben zu verplempern. Stattdessen können wir aus Gottes genialem Werk tief gehende Lebensfreude schöpfen und die Kraft, das zu ändern, was wirklich geändert werden muss. Menschen sind schön geschaffen als Frau, als Mann, als Kind. Was für eine verblüffende Wonne! Danke, Herr, unser Gott. Und: Amen.