Der Mensch - ein Bild für Götter!?

Predigt am Reformationstag zu „Reformation und Bild” in der der Kirche St. Matthäus München
31. Oktober 2014

Liebe Schwestern und Brüder,
„das ist ja wieder ein Bild für Götter”, rief meine Mutter. Dann, wenn mein Vater, angetan mit Schiebermütze, kariertem Hemd und blauem Overall von seiner Arbeit auf dem Tennisplatz zurückkam und rote Sandspuren im Haus verteilte. Er verdiente sich als Platzwart ein paar Mark  zu seiner Rente dazu. Ein Bild für Götter! Positiv ist das nicht gemeint. Der Dreck, den es anschließend wegzuputzen gilt, der Aufzug, der zwar praktisch, aber weder schick noch präsentabel ist... Die anderen Leute, die mitkriegen, dass mein Vater eher niedrige Tätigkeiten verrichtet. Und schließlich, dass er dabei noch permanent gute Laune  verströmt und zu allerlei Späßchen aufgelegt ist. Ein Ebenbild Gottes?


Die Vorstellung, dass der Mensch mit seinen Handlungen ein Schauspiel für Götter liefert, hat Homer in seiner „Odyssee” (VIII, 266 ff) beschrieben und der römische Philosoph Seneca in seinem Dialog „Von der Vorsehung” (2,7 ff). Gute Menschen, meint Seneca, müssen im Besitz der Tugend sein, die mit heiterer Gelassenheit und Seelenruhe einhergeht. Eine Seele, die sich weder von Glück noch von Leid erschüttern lässt, ist das höchste Ziel. Mit ihr können Menschen tugendhaft leben und sich von Fehlern und Lastern fern halten. Was einem an Übel widerfährt, ist gar kein Übel. Schlechte Erfahrungen führen höchstens an die Grenzen und stärken damit die Tugend. Ein Bild für Götter?


Dieser Metapher hat sich in unserem christlichen Gedankengut erhalten. In geistlichen Schauspielen des 17. Jahrhunderts ist sie weiter gepflegt und verbreitet worden. In Calderóns Stück „Das große Welttheater” (um 1645) wird das Rollenspiel der weltlichen Stände vom König bis zum Bettler vor den Augen Gottes inszeniert. Der Tod führt am Ende die Personen von der Weltbühne zu Gott. Der bewertet die Improvisation der Rollen, die Darsteller und fällt sein göttliches Urteil. Gott als Zuschauer, als einziges Publikum, als scharfer Kritiker und Rezensent, von dessen Meinung alles abhängt. Hopp oder topp heißt es am Ende der Vorstellung, die man mit seiner Biographie gibt. Ein Bild für Gott?


Das Thema des neuen Lutherjahres auf dem Weg zum Reformationsjubiläum ist „Bild und Bibel”. Das legt sich nahe, weil wir in 2015 an den 500. Geburtstag des jüngeren Cranachs denken. Mythologisch-erotisch hat der Stadtkämmerer und Bürgermeister Wittenbergs gemalt. Aber der Kommunalpolitiker widmete sich auch bewusst  protestantischen Themen, wie dem „Dessauer Abendmahl” aus dem Jahr 1565, auf dem sich Persönlichkeiten wie Luther und Melanchthon um den Gottessohn versammeln. Er malte die Lebensgeschichte Jesu: Anbetung der Hirten, Taufe, Abendmahl, Jesus auf dem Ölberg, im Garten Gethsemane, Kreuzigung, Grablegung, die Auferstehung. Bilder Gottes...


Cranach malte Elia und die Baalspriester, Blendung und Bekehrung des Apostels Paulus, die Johannispredigt, den Guten Hirten, die Auferweckung des Lazarus. Er widmete sich vielen, vielen seiner bekannten und weniger prominenten Zeitgenossen. Männer, Frauen, Gesichter waren Cranach dem Jüngeren wichtig - in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Die Ebenbilder Gottes hat er dargestellt. Sogar Pablo Picasso wurde zum „Porträt einer jungen Frau nach Cranach d. J.” (04.07.1958) angeregt. Aber es geht nicht allein um den Menschen: Cranach dem Jüngeren war Gott in Gestalt von Jesus Christus von entscheidender Bedeutung. Bilder Gottes und der Menschen...


Viele von uns haben „Du sollst dir kein Bildnis machen” im Kopf: Das zweite Gebot nach der anglikanischen, reformierten und orthodoxen Tradition. Unser zweites Gebot heißt: Du sollst den Namen, des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Bild und Bibel, der Mensch als Ebenbild Gottes, Gott, der sich anschauen lässt in Jesus Christus, Bilderverbot – das geht schon zusammen. Wir dürfen uns ein Bild von Gott und Mensch machen, dürfen sie betrachten und uns anschauen lassen. Die Reformation nötigt geradezu, genau hinzuschauen. Wer ist unser Gott und Herr? Geld, Karriere, Erfolg, Showstars, politische Machthaber - oder allein Christus, der mit uns lebt, leidet, stirbt und aufersteht.


Was macht unsere Haltung aus? Selbstgerechte, sture Rechthaberei, ein verzweifelter Kampf darum, sich passend zu machen, die Resignation, sowieso nichts zu taugen? Oder gelassenes, evangelisches Selbstbewusstsein? Ein Selbstbewusstsein, in dem wir getrost an unser Tagwerk und in die Ruhe gehen, weil wir wissen: Sola gratia. Nicht Leistung, Effizienz, noch mehr Leistung, sondern Einspruch und Zuspruch des Evangeliums: Unser Wert ist uns von Gott beigelegt. Nicht unsere Leistung oder unser Versagen machen uns aus, nicht unser Können oder Scheitern, nicht unsere Anstrengung oder Faulheit entscheiden über unseren Wert. Das tut Gott allein. Er hat es bereits getan.


Wir dürfen ohne Angst oder zuversichtlich mit unserer Angst leben. Frei für uns selbst, für andere und für unseren Dienst in dieser Welt. Die Reformation nötigt, genau hinzuschauen. Was leitet mich? Auf was konzentriere ich mich? Ausschließlich auf Facebook, Linkedin, Google, Apple, Microsoft, Kindle, Gamecenter, Smartphone, Tablet? Oder prägt mich Sola Scriptura, die muntere tägliche oder immerhin gelegentliche Lektüre im Buch der Bücher? Evangelien, Briefe, aufregende Geschichten, aufstörende Prophezeiungen, wundervolle Lieder. Ermuntert, beflügelt mich Sola Fide, allein mein Glaube, der innerlich frei macht von den Abhängigkeiten dieser Welt, auch den technischen!


Die Reformation nötigt, hinzuschauen. Dein Auge ist das Licht des Leibes, sagt Jesus. Kopf und Herz, Vernunft und Gefühle gleichen einer Dunkelkammer, in der man lebensdienliche Bilder belichtet und entwickelt, Bilder der eigenen Existenz, Bilder der Mitwelt. Wenn Bilder in einem gut belichtet werden, tut man sich leichter zu leben. Wenn Menschen aus sich heraus sehen, ihre Lage als hoffnungsvoll empfinden oder sich in schwerer Zeit getröstet fühlen, geht es ihnen gut. Freude macht große Augen. Und wenn das Auge weit ist, wird der Leib licht. In Menschen kann Licht aufgehen, wenn sie erleben: Ich bin geliebt von Gott, bekomme Chancen. Ich bin sein Ebenbild!


Ich denke an Flüchtlinge, die bei uns ankommen - mit müden Augen, mattem Blick. An die unbegleiteten  minderjährigen Menschenkinder, die oft Jahre unterwegs waren. Wie können sie strahlen, wenn sie Essen und ein sicheres Dach über dem Kopf haben, man ihnen ein warmherziges Willkommen entbietet.  Wenn sie sich nachts mit einem Schlaf-Gut-Wunsch einmummeln können, vielleicht mit dem Stofftier im Arm. Ich denke an Menschen im Krankenhaus, die Besuch bekommen, mit denen wir beten oder schweigend die Hand halten. Da kann am Ende des Lebens getröste Zuversicht darauf wachsen, dass unser Gott seine Ebenbilder liebevoll in alle Ewigkeit aufnimmt.


Ich denke an Strafgefangene, denen man die Auseinandersetzung mit ihrer Schuld gönnt, mit denen man lange Strecken zurücklegt, bis sie sich und anderen ins Angesicht schauen können, weil sie erfahren haben, was Reue, Buße und Vergebung ist. Und wie geht es uns, wenn wir nach zermürbenden Streitereien wieder ein Wort aneinander richten, das nicht vernichtend, sondern zaghaft liebevoll ist? Sehen wir da nicht die Sonne im Gesicht des anderen aufgehen, den alten Glanz neu zurückkehren? Das ist so schön... Die Frau aus Nigeria, der junge Syrer, die krebskranke Mutter, der weinende Strafgefangenen, der liebste Mensch - sie sind kein Bild für Götter, sondern Ebenbild Gottes.


Trotzdem ein Bilderverbot? „Höre Israel!” (Dt 6,4) heißt es im Alten Testament, „der Glaube kommt vom Hören” (Röm 10,17) im Neuen.  Es sieht so aus, als hätte das Hören mehr Gewicht als das Sehen. Aber zugleich redet die Bibel wie kein anderes Buch in Bildern, auch in Bildern von Gott. Bis heute können wir nicht anders, als uns bildliche Vorstellungen von ihm zu machen. Wie gut ist es, durch alte Kirchen zu gehen, die Trinität zu bestaunen, sich von Krippenszenen anrühren zu lassen und dem Gekreuzigten das Herz auszuschütten. Was aber ist der Sinn des Bilderverbots? Gott soll nicht vergötzt, nicht zum Gegenstand oder Ding gemacht werden, dessen man habhaft werden kann.


Gott ist unverfügbar. Menschen können ihn kreuzigen, aber nicht innerweltlich fixieren. Du sollst dir kein Bildnis machen - du sollst Gott nicht auf ein Bild festlegen, aber du kannst und darfst dir ein Bild von ihm machen, ihn sinnlich erfahrbar machen, weil er das mit sich selbst getan hat. Nur so, mit einem liebenden, leidenden, wandelbaren Gesicht bleibt Gott frei. Und wir, seine Ebenbilder? Das ist es nicht anders. Welche Fratzen zeigen die, die andere mit aller Gewalt unter ihre Knute zwingen wollen - heute im IS, dem Islamischen Staat, im Ku-Klux-Klan, bei Hooligans und Rechtsradikalen, die mit Kappen und Mützen ins Gesicht gezogen am Sonntag in Köln gehetzt und geprügelt haben...


Symptomatisch, dass solche Menschen ihre Fratze nicht zeigen wollen. Sie verhüllen, vermummen sich - weil sie im umfassenden Sinn nicht erkannt werden wollen. Hässlich, was man zu Gesicht bekäme, würde man sie anschauen. Brutalität, unbedingter Wille zur Macht, die Absicht, anderen das eigene Weltbild aufzuzwingen. Götzenbilder. Oscar Wilde erzählt in „The Picture of Dorian Gray”, wie der seine Seele an den Teufel verkauft hat und immer schön, jung, makellos geblieben ist bei aller Verderbtheit, die er an den Tag legte. Auch ein Götzenbild - die plakative, scheinbar unverletzbare Schönheit. Dorians Porträt zeigte statt seiner alle Spuren der Verkommenheit, der er frönte.


Das wahre Ebenbild Gottes ist gezeichnet vom Leben, von Sorgen und Leid, von mancher Schuld und Bosheit, von Lachen und Freude, von Grimassen und Tränen, das ja. Aber es wird immer auch und immer wieder Liebe, Güte und warmherzige Freundlichkeit ausstrahlen. Wir sind kein Bild für Götter. Wir brauchen kein Schauspiel aufzuführen. Gott hat uns zu seinen Ebenbildern gemacht. Er ist nicht in transzendenter Vermummung verblieben, sondern hat uns sein Gesicht gezeigt, damit wir wissen, mit wem wir es um tun haben: Gott, der uns bedingungslos liebt, der uns zärtlich auf den richtigen Weg stupst, der uns an der Hand nimmt, wenn wir in die Irre gegangen sind.


Gott, der will, dass wir freie Geschöpfe sind und andere frei sein lassen. Max Frisch schreibt: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei... Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält... Die Liebe befreit ... aus jeglichem Bildnis. Das ist das ... Abenteuerliche, ... dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben...” Und dann mahnt Max Frisch: „Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, ... nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt:


Weil unsere Liebe zu Ende geht, ... darum ist der Mensch fertig für uns... Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt... »Du bist nicht«, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, »wofür ich Dich gehalten habe.« Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat. Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten:


Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist.” So weit Max Frisch. Kein Bild für Götter, aber Gottes Ebenbild. Gerechtfertigt allein aus Gnaden. Frei zu leben. Mehr geht nicht. Allesamt Gottes geliebte Söhne und Töchter. Einmalig, unverwechselbar. Der Beamte einer Justizvollzugsanstalt, der Jugendlichen in der Arbeitstherapie handwerkliche Fertigkeiten nahe bringt, sieht die jungen Kerle so. Mit Blick darauf, dass sie ein anderes, drogen- und gewaltfreies Leben anfangen sollen, bewundert er den Tätowierer für seine Malkunst, den Schläger für die Geduld beim Bienenstockbauen und den Junkie für seine Liebe, mit der er Engel aussägt oder Einkaufstaschen näht.


Er kitzelt aus Übeltätern heraus, was sie an Gutem schaffen können – zur eigenen Überraschung. Leicht ist das nicht. Klartext muss trotzdem gesprochen werden. Aber sie sind Gottes Ebenbilder... Gott trifft sich zum Essen mit Aussätzigen, Huren und Zöllnern. Er sieht mehr als das Augenscheinliche, er sieht den ganzen Menschen – und darum erweist sich auch sein Gegenüber als jemand anderes. Gott liebt die innere Schönheit hervor. Wir gehen nicht auf in dem, was unsere Rolle aus uns macht. Gott hat Freude an Überraschungen: Daran, dass der Fußballer unerkannt Kranke besucht, die ehemalige Zwangsprostituierte wieder in die Schule geht und der schüchterne türkische Junge mit Down-Syndrom Samba tanzt.


„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.” Wir sind Gottes Ebenbild: schön und mit Talenten versehen, unvollkommen und eigen. Wir haben den Auftrag, unsere Gaben und Fähigkeiten zu entfalten. Das gelingt oft und segensreich. Zugleich bleiben niemandem Niederlagen und Scheitern erspart. Wir brauchen Vergebung und Neuanfänge – wir brauchen es, dass Gott zu uns persönlich sagt: „Du bist mein Ebenbild!” Wer weiß, dass er oder sie sich so nennen darf, besitzt Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Der kann die Aufregung genießen, dass andere anders sind und sie in ihrer Vielfalt bewundern. Du bist Gottes Ebenbild. Du bist es mit deinen Fehlern, den Krankheiten und Gebrechen.


Blühend, matt oder elend, stark und wild oder schwach und zahnlos. Du bist Gottes geliebtes Ebenbild. Das ist der einzig richtige Maßstab. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde schuf er ihn. Meerschweinchen, Gorillas, Kühe und Seeadler wurden nach ihrer eigenen Art geschaffen. Sie sind etwas ganz Eigenes. Das verlangt Respekt und achtsamen, pfleglichen Umgang. Kreaturen, von Gott erdacht, entwickeln sich in großer Individualität und bezauberndem Eigensinn: mit Fiepen, Brusttrommeln oder Muhen... Und dann kommen wir, einzigartig in der Schöpfung. Chapeau – und uff! Größte Auszeichnung und Zumutung zugleich: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.”


Ebenbild Gottes sind wir – nicht ganz vollkommen, aber besonders. Zu wissen, dass Gott die Existenz eines jeden Menschen will und bejaht, stärkt das eigene Selbstbewusstsein und den Respekt vor, die Achtsamkeit für andere. Bild und Bibel - welche Vorstellung, welche Gewissheit schenkt uns das Evangelium? Gott hütet uns wie seinen Augapfel, sagt das Alte Testament (Ps 17,8; Sach 2,12). Wir sind im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Das Neue Testament erfüllt diese Verheißung: Gott zeigt sich seinen Ebenbildern, er lässt sich sehen. Als Kind, als junger Mann. Als einer, der auf der Flucht ist und sich verstecken muss, der gerne feiert, isst und trinkt.


Der lacht, weint, zornig wird, tröstet, sich erbarmt, kritisiert, vergibt, hilft, rettet. Mit dem kurzer Prozess gemacht wird, der gequält wird und der als Erster von uns allen aufersteht. Wahrer Mensch und wahrer Gott. Die reformatorischen Grundaussagen fassen besser und knapper als jede Werbeagentur zusammen, was wir zum Leben und beim Sterben brauchen: sola scriptura, allein die Schrift, solus Christus, allein Christus, sola gratia, allein durch Gnade, sola fide, allein durch den Glauben. Bild und Bibel können nichts anderes sagen als: Gott ist in Sicht. Er ist da - in der Schrift, in Jesus Christus. Er beschenkt uns allein durch Gnade - und daran glauben wir. Evangelisch. Amen.