Dem Rad in die Speichen fallen. Widerstand gestern und heute

Weiße Rose Gedächtnisvorlesung 2014, Ludwig-Maximilians-Universität München
29. Januar 2014

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ohne eine Träne

„Nach kurzem Gruß und festem Händedruck bat er [Hans Scholl] mich, ihm zwei Bibelabschnitte vorzulesen: das ‚Hohelied der Liebe‘ aus 1. Korinther 13 und den 90. Psalm. […] Beide Geschwister baten um den Empfang des Altarsakramentes. […] Ohne eine Träne zu vergießen, feierte auch sie [Sophie Scholl] andachtsvoll das Heilige Abendmahl, bis der Wächter an die Zellentür pochte, und sie hinausgeführt wurde.“ Das berichtet Pfarrer Karl Alt, der damalige evangelische Gefängnisseelsorger in Stadelheim. Er berichtet von dem bitteren Tag, an dem die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst hingerichtet wurden. Herzzerreißend der kurze Dialog, die Abschiedsworte zwischen Mutter und Tochter nach dem Todesurteil: „Gelt, Sophie: Jesus“ – „Ja, aber du auch.“

Die Briefe von Christoph Probst aus der Gefängniszelle durften Mutter und Schwester nur in Gegenwart eines Gestapo-Beamten lesen, ohne dass sie ihnen ausgehändigt wurden. Aus der Erinnerung sind die Worte von Christoph Probst an seine Mutter aufgezeichnet: „Ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast.“ Er fährt fort: „Wenn ich es recht bedenke, so war es ein einziger Weg zu Gott. Seid nicht traurig, dass ich das letzte Stück nun überspringe. Bald bin ich noch viel näher bei Euch als sonst. Ich werde Euch dereinst einen herrlichen Empfang bereiten.“ Zum Gedenken an die Ermordeten, in tiefer Verneigung vor ihrer Zivilcourage und ihrem Gottvertrauen, mit dem sie dem Nazi-Verbrecherregime tapfer und unerschütterlich Widerstand geleistet haben, sind wir heute zusammen gekommen.

Erinnern heißt Handeln

„Erinnern heißt Handeln“ sagte Charlotte Knobloch bei der Gedächtnisveranstaltung für die Weiße Rose in der Ludwig-Maximilians-Universität im Januar vor sechs Jahren. Ich spreche heute sehr bewusst als eine Vertreterin der evangelischen Kirche. Auch die Kirche hat damals, bis auf wenige Ausnahmen, versagt. Sie hat sich dem Nazi-Terror nicht in den Weg gestellt. Sie hat sich vor allem um sich selbst gesorgt. Die Erinnerung an die Weiße Rose hilft, aus dieser Schuld zu lernen. Es ist eine Erinnerung, die uns mit der Vergangenheit, mit Gegenwart und Zukunft konfrontiert. Nie wieder dürfen Christenmenschen dulden, wenn Leben und Menschenwürde mit Füßen getreten werden. Nie wieder dürfen wir tatenlos mit ansehen, wenn Rassismus, Antisemitismus und fanatischer Nationalismus Freiheit und Frieden bedrohen.

Hans Scholl hat 1942 unter dem Eindruck der Beerdigung eines russischen Soldaten an der Ostfront in sein Tagebuch geschrieben: „Wenn Christus nicht gelebt hätte und nicht gestorben wäre, gäbe es wirklich gar keinen Ausweg. […]. Dann müsste man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern: So aber nicht.“ Und Christoph Probst schreibt aus der Haft an seine Schwester: „Ich sterbe ganz ohne Hassgefühle. […] Vergiss nie, dass das Leben nichts ist als ein Wachsen in der Liebe und ein Vorbereiten auf die Ewigkeit.“ Die Christenpflicht zum Widerstand gegen Unmenschlichkeit und Barbarei, wie sie sich bei den Nationalsozialisten zeigte und zeigt, hat ihre Wurzel im Vertrauen auf einen Gott, der nicht allein das Leiden mit seinen Menschen teilt, sondern ihnen das Leben hier und in Ewigkeit schenken will.

Ecce homo

Worum es immer und immer wieder geht in der Frage danach, wann Widerstand geleistet werden musste und muss – ist die Frage der Menschlichkeit. Der Philosoph Hegel hat einmal sinngemäß gesagt, dass man die Würde desjenigen verletzte, mit dem man fertig sei. Den man also abgeschrieben, als uninteressant, ja als unwert betrachtet. Dann, so Hegel, tritt man die Wurzel der Humanität mit Füßen. Sobald man ein menschliches Gesicht erkennt, es wahrnimmt, muss die Achtung beginnen. Eine Freundin Sophie Scholls, mit der sie sich nach dem Abitur im Frühling 1940 am „evangelischen Fröbel-Seminar Ulm-Söflingen“ zur Kindergärtnerinnenausbildung angemeldet hat, schreibt: „Wie ihre Mutter hatte sie eine leise Stimme, wirkte zuweilen fast sanft, konnte aber auch, wie früher in ihrer burschikosen Phase, knabenhaft keck und übermütig sein.

Sie war geradlinig, offen und ehrlich, manchmal leicht ironisch, verschwiegen in ihren privaten Angelegenheiten. Auffallend war ihre elementare Naturliebe, ihre einfache Freude an den großen Gaben der Natur: an warmen Sonnenstrahlen, an einer Wiese voller Blumen, an Kindern, am Wandern durch Feld und Auen. Aus dieser Empfänglichkeit heraus entstanden religiöse Fragen, entstand Verantwortungsgefühl und Furcht, timor dei, und ihre großartige Unbedingtheit, die mich fesselte.“ Und Leipelts Freundin Marie-Luise Schultze-Jahn beschreibt in ihren Erinnerungen den ersten gemeinsamen Spaziergang im Englischen Garten im Frühjahr 1942: „Wir genossen den Blick vom Monopteros in einen sanft roten Abendhimmel und tauschten dabei die ersten Zärtlichkeiten aus.“

Gefühle

Dabei bleibt es nicht: „Wir nutzten wirklich jede freie Minute. Was unter anderem zur Folge hatte, dass wir häufig unsere Untermietzimmer wechseln mussten. Denn es galt ja strikt die Regel, den Herrenbesuch bis spätestens 22 Uhr fortzuschicken. An diese Regel haben wir uns natürlich nie gehalten. Wir fanden das ständige Umziehen recht amüsant.“ Ecce homo – seht was für Menschen! Als Hans Leipelt verhaftet wurde, erlebt sie das so: „Und ich erfuhr dann zwischendurch im Institut von der Verhaftung von Hans und hab dann […] gewartet. Ist ja klar, dass ich dann drankomme. Ein Freund von uns wollte mich noch in die Schweiz bringen. […] Den Hans lasse ich da und ich büchse aus, finden Sie das so sehr fein? Da hab ich wirklich gewartet. Und die kamen dann auch ins Institut. Wie man sich die Gestapo vorstellt: mit Schlapphut, schwarzem Ledermantel unnahbarem Gesicht, also genau wie im Film.“

Es bricht einem das Herz, dass Fritz Hartnagel, Offizier der Wehrmacht, im Kessel von Stalingrad eingeschlossen, im Lazarett Sophie Scholls letzten Brief erhält. Als er ihn liest, ist das Todesurteil gegen sie bereits vollstreckt. 1937 hatte die Freundschaft, die Liebe zwischen der sechzehnjährigen Schülerin und dem jungen Leutnant begonnen. Sophie schreibt: „Mein lieber Fritz! Gestern habe ich einen wunderbaren blühenden Stock gekauft, er steht vor mir auf dem Schreibtisch am hellen Fenster, seine graziösen Ranken, über und über mit zarten lila Blüten besetzt, schweben vor und über mir. Er ist meinen Augen und meinem Herzen eine rechte Freude, und ich wünschte mir nur, dass Du kommst, bevor er verblüht ist. Wann wirst Du nur kommen? Meine ersten Briefe werden Dich wohl kaum erreichen, sie waren falsch adressiert. Und ob diese dürftige Adresse genügt? Doch muß ich ja warten, bis Du zuerst mir schreibst...“

Mut zum klaren Widerspruch

Wer meint, der Neonazi-Wahn heute sei Angelegenheit so genannter unterprivilegierter Schichten, irrt. In Wahrheit sind die Klischees und Vorurteile, derer sich rechtsradikale Rädelsführer bedienen, wie damals oft in der „besseren Gesellschaft“ anzutreffen. Aber Menschenverachtung ist nicht salonfähig und darf es nie werden. Wir brauchen jeden Tag Mut zum klaren Widerspruch, wo immer die widerlichen Stereotypen des Hasses und der Menschenverachtung verwendet werden. Es ist notwendig, dass Polizei und Justiz mit aller rechtsstaatlichen Härte für den Schutz unserer Demokratie sorgen. Notwendig, dass Politikerinnen und Politiker sich klar abgrenzen gegenüber denen, die sich weigern, aus der Geschichte zu lernen. Ebenso notwendig ist die Einsicht, dass keiner von uns die eigene Verantwortung delegieren kann.

Jede Bürgerin, jeder Bürger ist mitverantwortlich dafür, dass die demokratischen Grundrechte geachtet und geschützt werden. Im vierten Flugblatt der Weißen Rose (Sommer 1942) heißt es: „Hat Dir Gott nicht selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers.“ Diese Einsicht lehrt uns auch, Respekt vor klugen, weisen jungen Menschen zu haben – die in der Weißen Rose es vermochten, ihre Augen und Ohren offen zu halten und vor allem ihr Herz aufzuschließen für die Wahrheit. In einem kleinen Münchner Filmmagazin hieß es in der Besprechung eines neueren Sophie Scholl-Films: „Es geht um […] Angst, Einsamkeit, Tod, aber auch um Mut, Willenskraft und Selbstvertrauen […]“

Von wegen megaout

Und der Autor schrieb weiter: „Also eigentlich irgendwie um ganz prinzipielle moralische Grundsätze, die ein bisschen aus der Mode gekommen sind. Wenn man auch noch das Wort `Glaube´ hinzufügt, was ebenfalls megaout ist, wird´s manchem richtig unangenehm.“ Ein Teil des Zeitgeistes ist damit trefflich analysiert. Aber nur ein Teil – das zeigt die Besprechung selbst, die am Schluss „allen obercoolen Kids und sämtlichen abgebrühten Kulturfuzzis“ wünscht, dass sie „zum Denken kommen über das ganze prinzipielle Zeugs“ wie Leben, Mut, Glaube und Menschlichkeit. Sehr gut zu lesen, auch wenn saloppe Sprache nicht die meine, wohl auch nicht die Ihre ist. Vor 69 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende, die KZs wurden befreit – nach Jahren unvorstellbarer deutsch-nationalsozialistischer Grausamkeit.

Die evangelische Kirche musste und wollte ebenfalls vor 69 Jahren bekennen: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Das, was jetzt gelegentlich megaout scheint, hätte es damals dringend gebraucht. Ein Blick auf die Gegenwart zeigt, dass passioniert gelebtes Engagement auch heute von Nöten ist – um das heulende Elend und die haarsträubende Ungerechtigkeit in dieser Welt wenigstens anzupacken, um mit menschlichen und sozialen Problemen ansatzweise fertig zu werden. Gleich abschminken sollte man sich das Bild eines Gutmenschen, der sofort souverän weiß, was zu tun oder zu lassen ist. Einsatz für andere hat etwas mit Reifen zu tun, mit Erwachsenwerden – und das dauert. Dieser Prozess muss wieder und wieder durchlaufen werden.

Widerstand

Für mich als Theologin ist ein Wort des Propheten Micha wichtig: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Das ist höchst politisch. Micha war eigentlich Bauer und Viehzüchter. Er ist als Staatsbürger gegen Betrug und Korruption zu Felde gezogen. Natürlich waren die Lebensverhältnisse in Judäa vor rund 2.700 Jahren andere als unsere – aber der Prophet hat grundsätzliche Fragen benannt, die weder im so genannten Dritten Reich noch bei uns – wenn auch in anderer Weise – an Aktualität eingebüßt haben: Die Frage nach der Kluft zwischen Arm und Reich. Die Frage nach Gerechtigkeit im Land, in der Welt. Die Frage nach Frieden zwischen den Völkern.

Soziale Probleme sind nur zu verstehen, wenn man begreift: Dahinter stehen geistige und kulturelle Defizite. Positiv gesagt: Politisches Handeln, auch der Widerstand, braucht Gewissen. Gewissen, wie es die Weiße Rose gezeigt hat. Wir sollen uns mit hellwachem Geist und offenem Herzen für Menschen engagieren, die uns hierzulande und weltweit anvertraut sind. Wenn ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter 18 Jahren in Armut lebt, dann ist das einfach ein Skandal, den wir immer wieder laut beim Namen nennen und gegen den wir etwas unternehmen müssen. Arbeitslosigkeit, Armutsrisiko im Alter oder bei Kinderreichtum – das treibt Menschen auch heute in die Arme von ideologischen Rattenfängern. Wir haben in Wort und Tat das Recht auf Leben zu achten, es notfalls widerständig, energisch einzuklagen.

Es geht

Die Weiße Rose hat es vorgelebt – wie Dietrich Bonhoeffer. Er ist am Morgen des 9. April 1945 nach zwei Jahren Haft zusammen mit anderen Widerstandskämpfern im KZ Flossenbürg erhängt worden. Ein britischer Geheimdienstoffizier, Payne Best, der mit ihm im KZ Buchenwald war, rühmte Bonhoeffer als „one of the very few men that I have ever met to whom his God was real and ever close to him”. Auch die Erinnerung an Bonhoeffer macht klar, dass „Beten und Tun des Gerechten“ im privaten Christsein und als Wahrnehmung der politischen Verantwortung eines Christenmenschen untrennbar zusammengehören. Carl Friedrich von Weizsäcker hat Bonhoeffers Lebensweg eine „Reise zur Wirklichkeit“ genannt. Bonhoeffer konnte sie antreten, weil er nicht gefangen war in der nationalistischen, konfessionalistischen Engstirnigkeit seiner Zeit.

Bonhoeffer hält nichts von Radikalismus, weil der immer eine letzte, abschließende, eben radikale Lösung für alles will. Er hält nichts von ständigen faulen Kompromissen, weil die das Letzte, den Willen Gottes, nicht ernst genug nehmen. Bonhoeffers Elternhaus war aufgeklärttolerant, geprägt vom selbstverständlichen Beten und Bibellesen. Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur und Kunst galten bei ihm zuhause viel. Bonhoeffer war in Rom, auf Sizilien, in Tripolis und in der libyschen Wüste, studierte in New York, arbeitete als Gemeindepfarrer in Barcelona und London. Er macht wie die Mitglieder der Weißen Rose bewusst, dass wir die Freiheit zur Verantwortung haben, dass Verantwortung Wagnis bedeutet und dass zu ihr notfalls die Bereitschaft gehört, Schuld auf sich zu nehmen.

Gedenke

„Gedenke dies: Der Feind höhnte dich.“ Dieser Vers aus dem 74. Psalm ist eingraviert auf dem Gedenkstein in der Herzog-Max-Straße, ein paar Schritte vom Lenbachplatz entfernt. Hier stand bis zum Juni 1938 die Hauptsynagoge Münchens – im Stil eine Schwester unserer evangelischen Lukas-Kirche, vom selben Architekten (Albert Schmidt) erbaut. Sie wurde von den Nazis fünf Monate vor den Novemberpogromen abgerissen, wie auch die Vorgängerin der Matthäuskirche dem Nazi-Wahn weichen musste. Zerstörung von Gotteshäusern als zynische Probe, wie viel Protest sich in der Bevölkerung gegen die Präsentation des braunen Charakters erheben würde. Vernichtung von Gebäuden als Vorbotin brutalster Gewalt gegen Menschen. Die Mitglieder der Weißen Rose haben dieses System klar durchschaut. Wir gedenken ihrer.

Gedenke! Ohne Gedenken wären wir geschichtsvergessen, hätten keine Vergangenheit und damit keinen Sinn für unsere Gegenwart, geschweige denn einen angemessenen Blick für die Zukunft. Erinnerung ist unendlich schmerzlich: Erinnerung an die Menschen, die damals Opfer der Gewalt wurden. Erinnerung an die gewaltige Schuld, die in unserem Land geschah – die auch Christinnen und Christen auf sich geladen haben. Das Vaterland der Juden wurde zum Land ihrer Mörder. Von wenigen evangelischen Gemeinden gibt es Zeugnis davon, dass man sich schützend vor Bedrohte und Verfolgte gestellt hat. Man muss lange suchen, bis man ganz vereinzelt klare oder wenigstens vorsichtige Worte des Protestes in evangelischen Gottesdiensten findet.

Christenpflicht

Wer diese Tatsachen benennt, findet selbst heute nicht nur Zustimmung. Manchmal wird gesagt: Was hätte man denn tun können? Und es wird unterstellt, dass diejenigen, die sich heute der damaligen Schuld bewusst sind, sich für moralisch besser halten. Was für ein fataler, folgenreicher Irrtum. Denn nur nach-denkliche Erinnerung hilft, aus Himmel schreiendem Unrecht, aus Schuld zu lernen. Wissen und Erinnerung sind dasselbe. Wir wissen es doch: Die Nazis brachten Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle, Bibelforscher, Zeugen Jehovas um. Sie ermordeten, wer sich ihrem Fanatismus nicht unterordnete. Immer also gilt es, zu widerstehen, wenn, wer auch immer von anderen verlangt, bedingungslos zu gehorchen – ohne auf den eigenen Kopf, das eigene Herz hören zu dürfen.

Die Christenpflicht zum Widerstand gegen Provokation und Einschüchterung, gegen Unmenschlichkeit und Barbarei, wie sie sich bei den Nazis zeigte und zeigt, hat ihre Wurzel im Vertrauen auf einen Gott, der nicht allein das Leiden mit seinen Menschen teilt, sondern ihnen das Leben hier und in Ewigkeit schenken will. Gedenke! Es gibt keinen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Es ist notwendig, dass wir uns immer wieder daran erinnern: Wir sind unseres Bruders und unserer Schwester Hüter und Hüterinnen. Wir haben die Aufgabe, andere in unsere Obhut zu nehmen, sie eigenständige Individuen sein zu lassen, statt sie gleichschalten zu wollen. Hetzartikel, Drohbriefe, Schmierereien auf jüdischen Grabsteinen, Gewalttaten – alles Angriffe gegen das Gemeinwesen.

Gemeinsamkeit

Wie notwendig Achtsamkeit ist, zeigen die NSU-Morde. Vier Männer und eine Frau werden beschuldigt, diese Terrororganisation begründet oder unterstützt zu haben. Zehn Menschen sollen ihnen zum Opfer gefallen sein – in München der 38 Jahre alte muslimische Gemüsehändler Habil Kilic, der am 29.08.2001 in seinem Geschäft in der Bad-Schachener- Straße erschossen wurde. Und der griechisch-orthodoxe Theodoros Boulgarides, Betreiber eines Schlüsseldienstes, der am 15.06.2005 in seinem Laden in der Trappentreustraße durch mehrere Schüsse starb. Im November des letzten Jahres, einen Tag vor dem Gedenken an die sogenannte Reichspogromnacht vor 75 Jahren, hat die Stadtgesellschaft in großer, unmissverständlicher Einmütigkeit Gedenktafeln an den Orten des Verbrechens enthüllt. Erinnerung an kostbares Menschenleben.

Der Widerspruch gegen die Barbaren verlangt solche Übereinkunft – auch zwischen den Religionen. Wir haben wieder eine Synagoge im Herzen Münchens. Sie ist ein Schmuckstück unserer Stadt. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Jüdinnen und Juden nach 1945 den Mut und die Kraft fanden, in Deutschland leben zu wollen. Das ist ein unverdientes Geschenk an unser Land. Es ist ein Geschenk der Hoffnung darauf, dass niemals mehr vergessen wird, wohin Totalitarismus und Rassenwahn geführt haben. Es ist ein Segen, dass Juden und Jüdinnen uns die Chance geben, mit ihnen in der Würde des Unterschieds und der Freude der Gemeinsamkeiten zu leben, zu lachen, zu klagen und zu feiern – dass sie fest auf eine Zukunft in unserem gemeinsamen Land vertrauen.

Orientierung behalten

Wir erinnern uns, damit wir uns unserer Verantwortung bewusst werden. Unsere Geschichte verlangt immer neu nach Auseinandersetzung und Deutung. Denn wer das Gedächtnis verliert, verliert die Orientierung. Wir müssen uns erinnern an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges – auch an die des Ersten, an dessen Ausbruch vor 100 Jahren wir heuer gedenken. Wir müssen uns erinnern an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, denn „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Wir erinnern uns, damit dem Unrecht, das den Opfern zugefügt wurde, nicht auch die Auslöschung ihres Gedächtnisses folgt. Das Unrecht, durch das sie ihr Leben verloren, soll nicht durch dumpfe Vergesslichkeit späten Triumph feiern. Wir erinnern uns, denn Erinnerung vertreibt den falschen Schein der Selbstverständlichkeit.

Sie macht dankbar für das Erreichte und mahnt zugleich, den Segen, der auf uns gelegt wurde, nicht wieder zu verspielen. Hans Leipelt schrieb an seine Schwester: „Und doch, Liebes, bleibst Du nicht allein zurück. Abgesehen davon, daß ich gute Menschen weiß, die nach dem Kriege ihr Möglichstes tun werden […] bleibst Du in der Hand Gottes zurück, in der ich Dich getrost lasse […]. Dieses Zutrauen zu ihm dürfen, ja müssen wir haben, auch wenn wir seine Wege einmal nicht verstehen und vielleicht sogar hart finden. […] Ich fühle im wahrsten Sinne des Wortes göttliche Ruhe in mir und sterbe ohne Angst in der Hoffnung auf Gottes Vergebung […] Auch Dich bitte ich nun zum Schluß, Du möchtest mir meine häufige Lieblosigkeit gegen Dich, meinen Egoismus, vor allem meinen maßlosen Mangel an Selbstbeherrschung vergeben, durch den ich auch Dich ins Unglück gestürzt habe.“ (Abschiedsbrief vom 29. Januar 1945)

Würde kommt allein von Gott

Vor dem barbarischen Hintergrund dessen, was Hitler und seine Helfer in Deutschland damals angerichtet haben, müssen wir alarmiert sein, wenn heutzutage ungeborenes, altes und behindertes Leben abschätzig beurteilt wird – weil es vermeintlichen Normen eines gesunden, wertvollen Menschenkindes nicht entspricht. Aber kein Mensch muss Ansprüchen, welchen auch immer, genügen, um des Lebens wert und würdig zu sein. Unsere Würde kommt uns von Gott her zu – sie kann uns weder zu- noch abgesprochen werden. Das ist in die Erklärung der Menschenrechte eingegangen, das ist Bestandteil unserer freiheitlich-demokratischen Verfassung. Wenn heute immer wieder der abgestufte Würdeschutz erschreckend positiv zum Thema gemacht wird, dann bedeutet das, dass Menschen schon vor ihrer Geburt bis hin zu ihrem Alter gefährdet sind:

Dann, wenn es vermeintliche Vorrangigkeiten anderer Interessenslagen gibt – bis hin zur Folter. Es ist Zeit, das Wissen um die Anliegen der Weißen Rose wach zu halten. Wir haben die Aufgabe, andere zu respektieren. Die Vertreter der so genannten Herrenrasse haben die Akzeptanz von Menschen von an Dummheit und Gemeinheit nicht mehr zu überbietenden Maßstäben abhängig gemacht. Leipelts Freundin, Ma-rie-Luise Schultze-Jahn schrieb: „Wir gingen denn nachher nichts ahnend oder nichts Böses ahnend untergeärmelt im Labor, durch den Laborsaal, und das hatte man nicht gern. Wie kann man nur. Ich wurde auch zum Studentenführer gerufen – wie hieß der denn, Beck oder so ähnlich, ich weiß es nicht mehr –, wie ich es unternehmen könnte und ob ich mich nicht schämte, […] mit einem Halbjuden so öffentlich mich zu zeigen.“

Eine Mahnung

Was damals geschah, ist Mahnung für Gegenwart und Zukunft. Es gehört zur aufrichtigen Auseinandersetzung mit der Geschichte, dass es viele Frauen waren, die Hitler begeistert zugejubelt haben. Auch Sophie Scholl schloss sich ebenso wie ihr Bruder Hans anfangs trotz der Warnungen ihres Vaters begeistert der Hitlerjugend an. Sie trat im Januar 1934 in den BDM ein. Lange allerdings hat diese Begeisterung nicht angehalten – zu offensichtlich war für die, die hinschauen wollten, das alltägliche Grauen. Frauen waren es dann später auch, die ihre Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne im Krieg verloren haben. Frauen wie Sophie Scholl, Marie-Luise Jahn und Susanne Hirzel gehörten zum Kreis der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Frauen waren es, die die Trümmer des zerbombten Deutschland aufklauben mussten.

Aus der Geschichte können wir Frauen und Männer lernen, wohin es führt, wenn ein Volk im Gleichschritt marschiert und sich einem so genannten Führer unterordnet. Wir haben gelernt auch von den Mitgliedern der Weißen Rose, dass wir aufstehen müssen gegen alle Versuche, die Ehrfurcht vor dem Leben irgendwelchen angeblich übergeordneten inhumanen Zielen zu opfern. Wir haben aus gutem Grund gelernt, jedem Männlichkeitswahn zu misstrauen und für ein gleichberechtigtes, partnerschaftliches Miteinander von Frauen und Männern einzutreten. Das muss sein, wollen wir entschieden eintreten für Menschenrechte, unzensiert, nicht abgestuft, sondern in voller Geltung. Nicht zufällig wollen Faschisten davon nichts wissen. Bei ihnen führen fast immer Männer das große Wort.

Wirklich menschlich

Frauen und Männer müssen sich klar machen, dass wirklich menschlich nur sein kann, wer Gefühlsarmut, Wichtigtuerei und Sündenbockdenken nicht nötig hat, wer fähig ist zu echter Empfindsamkeit und differenzierten Denken, das sich nicht gleichschalten lässt. Und wer fähig ist – um mit Rosa Luxemburg zu sprechen –, die Freiheit des Andersdenkenden zu verteidigen. Wir bekämpfen jede Ideologie, die auf die Aushöhlung der Demokratie abzielt. Reicht das – gedenken und klare Worte sagen? Mindestens ebenso wichtig ist, dass wir alles tun, um Menschen aufzuklären. Wir müssen verstärkt über Gesinnung und Methoden unverbesserlicher Altnazis und Neonazis informieren, aufzeigen, wes Geistes Kind sie sind. Wir müssen uns um soziale und wirtschaftliche Probleme kümmern, die von den Nazis instrumentalisiert werden.

Zugleich haben wir in ihnen die Menschen zu sehen, mit denen wir uns unerbittlich auseinandersetzen sollen, auf dass sie zur Vernunft kommen mögen. Dazu gehört, die christlichen Werte, denen sich die Mitglieder der Weißen Rose auf unterschiedliche Weise verpflichtet wussten, hochzuhalten. Die Bereitschaft zum Widerspruch gegen die Barbarei, gar der Einsatz des eigenen Lebens im Widerstand waren das Außergewöhnliche. Frau Schultze-Jahn berichtet: „Nobelpreisträger Heinrich Wieland verstand es, für politisch missliebige Studenten, die so genannten Halbjuden, die nur Naturwissenschaft studieren durften, keine Fächer, wo sie mit Menschen in Berührung kamen, mit […] sehr viel Zivilcourage […] in seinem Institut […] aufzunehmen. Und wir waren etwa im Institut 25 Prozent dieser ausgesonderten. Das war schon eine ganze Menge.“

Die Liebe hört nimmer auf

Ich erlaube mir, einen altertümlichen Begriff zu verwenden, den ich sehr schätze. „Das gehört sich nicht“ war ein Standardsatz meiner Mutter, häufig ergänzt und verstärkt durch den Hinweis „das tut man einfach nicht“. Meiner Pubertät geschuldet fand ich das höchst nervig und spießig – und kommentierte ihre Äußerungen mit verdrehten Augen und demonstrativem Aufseufzen. Heute bin ich überzeugt, dass mehr Anstand schon im Allerkleinsten für wohltuendes Zusammenleben sorgt. Denn alle Kritik an falschem Verhalten hat als positive Folie das, was man tut, was sich gehört. Zum persönlichen Anstand, den meine Eltern mir beigebracht haben, gehört es etwa, alte Menschen zu respektieren, Menschen mit Behinderungen zu achten. Anstand ist die Außenseite einer inneren Haltung.

Einer Haltung wie die der Mitglieder der Weißen Rose, die die Persönlichkeit anderer Menschen achtet und darauf schaut, dass sie nicht übersehen, beschämt, gedemütigt oder ungerecht behandelt werden. Anstand ist mehr als bloße Höflichkeit oder Etikette. Ein anständiger Mensch: Das ist kein spießiger Kleinbürger oder dümmlicher Mitläufer, sondern einer, der freiwillig und aus eigener Überzeugung sich dafür entscheidet, menschlich mit anderen umzugehen. Anstand – das ist auch kräftiger Widerstand. Es kostet etwas, anständig zu sein. Gelegentlich die Sympathie anderer, wenn man nicht bei ihren Spötteleien und Hetzereien gegen andere mitmacht. Manchmal nächtliche Ruhe oder die Gesundheit, wenn ich an die denke, die sich gegen neue Nazis engagieren und dafür von ihnen drangsaliert und verfolgt werden.

Das Tun des Gerechten

„Das Tun des Gerechten“ ist, wie Bonhoeffer sagt, unsere Aufgabe. Mit unserem Tun bekennen wir, wes Geistes Kind wir sind. Denn „Flucht in die Unsichtbarkeit“ ist nach Bonhoeffer „Verleugnung des Rufes“ – und entsprechend ist das sich Hinstellen und Reden, das Erkennbar- Sein echte Nachfolge. Nachfolge, wie sie die jungen Menschen der weißen Rose praktiziert haben – ob sie nun mehr oder weniger gläubig waren. Sie sind für ihre Werte eingestanden. Es gibt Situationen, so Bonhoeffer, in denen man „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen" verpflichtet ist. Er meinte damit den nationalsozialistischen Wahnsinn, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen. In einer fulminanten Ansprache in New York sagte Bonhoeffer schon 1930:

„Was auch immer kommen mag, lasst uns nie mehr vergessen, dass das Volk Gottes ein christliches Volk ist, dass kein Nationalismus, kein Rassen- oder Klassenhass seine Anschläge ausführen kann, wenn wir eins sind.“ So einig sollten wir heute sein – christlich oder nicht. Dazu gehört, Kindern und jungen Menschen tragfähige Werte zu vermitteln. Mit Blick auf die Zukunft schrieb Bonhoeffer: „Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung.“ Das notwendige „Qualitätserlebnis“ bedeutet für ihn „die Freude am verborgenen Leben wie den Mut zum öffentlichen Leben“ und kulturell „die Rückkehr […] von der Hast zur Muße und Stille, von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sensation zur Besinnung, vom Virtuosenideal zur Kunst, vom Snobismus zur Bescheidenheit, von der Maßlosigkeit zum Maß.“

Hier sein

Bonhoeffer verwahrte sich in schweren Zeiten gegen Resignation und fromme Weltflucht. Er schrieb: „Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ Nein, vorher nicht. Vorher müssen wir – auch wir in der Kirche – wie Bonhoeffer und die so freiheitlich undogmatischen Mitglieder der Weißen Rose darüber nachdenken, wann Veränderung, wann Widerstand angebracht ist. Kriterium dafür in unserem demokratischen Staatswesen ist die Frage, ob der Staat verfassungsgemäß und damit legitimiert handelt und wann vielleicht nicht. Wir können in unserem Land weithin beruhigt sein – aber dürfen nicht schlafen. Kriterium ist der Dienst an denen, die Opfer einer staatlichen Willkür irgendwo auf der Welt geworden sind. Davon gibt es viel zu viele.

Dann kann es notwendig werden, wie Bonhoeffer sagt, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ Die Weiße Rose mahnt anhaltend, sich nicht blenden und gleichschalten zu lassen, sondern für Menschenrechte aktiv zu werden. Wir leben in einem Rechtsstaat. Rechtsstaat und Gewaltenteilung bieten Schutz. Wir haben die Grundrechte und das Bundesverfassungsgericht als Instanz, die darüber wacht, dass in unserer Gesellschaft die Grundrechte gewahrt werden. Aber, mit dem Apostel Paulus gesprochen: „Prüfet alles. Das Gute behaltet.“ (1 Thess 5,21). Ob Christenmensch oder nicht: Wir brauchen innere Freiheit und Stärke, um äußere Entwicklungen kritisch zu beurteilen. An uns ist es, Entwicklungen wahrzunehmen, zu beschreiben und die aufzuhalten, die dem Menschen nicht gut tun.

Abwägen

Das zeigt die Diskussion um das Fallbeil, mit dem die Mitglieder der Weißen Rose ermordet wurden. Herzeigen oder wie die Jahrzehnte zuvor im Fundus lassen? Unabhängig davon, dass laut Bayerischem Nationalmuseum noch nicht zweifelsfrei die Herkunft der Hinrichtungsmaschine geklärt und ihre Opfer zuzuordnen seien – man fragt sich im Blick auf eine öffentliche Präsentation: cui bono? Eine solche Tötungsmaschine kann etwa nicht einfach im künftigen Regensburger Museum für Bayerische Geschichte ausgestellt werden: Neben königlichen Insignien, bäuerlichen Sanitäreinrichtungen und Kultserien des Bayerischen Fernsehens. Gewiss muss und wird sich auch ein solches eher volkskundliches Museum mit der braunen Barbarei und dem mutigen Widerstand der Weißen Rose befassen. Aber dort das Terrorinstrument zeigen?

Wo auch immer – in der JVA Stadelheim, im Stadtmuseum, im NS-Dokumentationszentrum – wenn man das Instrument ausstellt, mit dem Nazi-Schergen andere ermordet haben, muss man überlegen, ob dies der Aufklärung oder Dokumentation dient. Schlimm genug, dass in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche nahezu ungehinderten bildlichen Zugang zu allen Grausamkeiten dieser Erde haben, Hinrichtungsinstrumente aus vergangenen Jahrhunderten angenehmen Grusel hervorrufen. Auch dagegen übrigens braucht es Widerstand: Nur wer empathisch sein kann, ist in der Lage, sich für andere einzusetzen. Und man stelle sich vor, horribile dictu, es werde im Angesicht des gewaltsamen Todes der Weißen Rose gekichert oder lüstern geschaut. Aber der geplante Runde Tisch wird gewiss Pietät walten lassen und respektvoll Sensibilität zeigen.

Zum Schluss

Wer anständig ist, kann nicht anders. Er oder sie zieht nicht zurück, sondern bleibt bei der eigenen Überzeugung. Übrigens: Schamlos sind bloß die Unanständigen. Wer Anstand hat, kann sich auch schämen, vor allem für sich selbst. Wer Anstand hat, braucht nicht in billiger Selbstgerechtigkeit auf andere zu zeigen, die damals wie heute alles erbärmlich falsch gemacht haben und machen. Anständig ist es, Schuld und Verantwortung eines Volkes und Einzelner festzuhalten im Gedächtnis und daraus zu lernen. Anständig ist es, die zu ehren und zu achten, die als junge Menschen sich vorbildlich verhalten und Zeugnis gegeben haben, wes Geistes Kinder sie sind. Da muss man nicht rührselig werden. Da sollte man den Verstand einschalten und das Herz sprechen lassen – damit man diesem Erbe gerecht wird.

Den Gedanken der Freiheit, Toleranz und Humanität trugen damals nur Einzelne wie die Mitglieder der Weißen Rose weiter. „Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!“, lautet der letzte Vers aus dem 90. Psalm, den Hans Scholl sich in seiner letzten Stunde vorlesen ließ. Und im Hohen Lied der Liebe aus 1. Korinther 13, das er ebenfalls hören wollte, steht geschrieben: „Die Liebe hört niemals auf.“ Das möge gelten für unser Gedenken an die damals Hingerichteten. Das möge gelten für unser Denken, unser Handeln, für das Werk unsrer Hände. Die Liebe hört niemals auf. Deshalb – und weil wir die Wahrhaftigkeit ihrer Taten in Wort und Tat bestätigen wollen – werden wir die Weiße Rose im Gedächtnis und im Herzen behalten.

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