Christvesper 2015

Am 24. Dezember 2015 um 18:05 h in Radio Bayern 2

Heilig Abend. Unfassbar – schon wieder ein Jahr vorbei, liebe Hörerinnen und Hörer. Schon wieder steht man in der Küche, legt letztmalig Hand an ans Essen. Gans, Karpfen oder Würstchen: Was immer die Familientradition vorgibt – oder was man ganz bewusst ganz anders macht. Schon wieder schaut man nach, ob der Christbaum gerade steht, die Geschenke wirklich parat sind und die Schleifen richtig sitzen. Mancher von uns ist noch atemlos, braucht dringend eine Pause. Andere sind schon fast entspannt. Und alle haben wider Erwarten wieder alles fertig. Irgendwann. Wie immer überraschend rechtzeitig. Man ist feierfertig. Allein, im Kreis der Familie, im Rund der Freunde.

Und jetzt? Warten aufs Christkind? So etwas tun die Kinder lange vor Weihnachten und den ganzen Tag, bis es Heilig Abend wird, hippelig, aufgeregt, gespannt. Das gesamte Fernsehprogramm ist darauf abgestellt, den Kindern die Wartezeit zu verkürzen. Die meisten von ihnen sind um diese Uhrzeit wohl schon beschert worden, waren vielleicht vorher noch beim munteren Krippenspiel in der Kirche. Und wir waren mit ihnen im Gottesdienst oder gehen später, kurz vor Mitternacht, in die Mette. Wie die Kinder haben manche von uns  ihre Geschenke schon. Sie sind in den letzten Tagen und Wochen per Post gekommen oder wurden persönlich überreicht. Vielleicht bekommen wir sie auch erst in den nächsten Stunden.

So oder so freuen wir uns über die Präsenz des Schenkenden im Präsent. Darüber, dass Eltern, Kinder, Partner und Freunde ihre Liebe und Geistesgegenwart in Ideen verpackt haben, die unser Herz erfreuen. Sie haben unseren Geschmack getroffen, etwas ausgesucht oder selbst gemacht, was wir uns schon lange wünschten oder wovon wir tatsächlich keine Ahnung hatten, dass wir es bekommen würden. Herrlich! Und selbst, wenn manche Idee nicht der wirkliche Treffer war – was soll´s. Der charmante Wille, die Liebe, das Gefühl zählen. Ich selber freue mich alle Jahre wieder wie ein Kind über Geschenke – das hat im Lauf der Jahre nicht im Mindesten nachgelassen.

Trotzdem – noch einmal die Frage: Und jetzt? Essen, gleich wie aufwändig oder einfach, Geschenke, selbst gefertigt oder gekauft – köstlich, wunderbar. Schön. Aber wir wissen, dass das nicht alles ist. Das kann und wird es zu anderen Gelegenheiten hoffentlich auch geben. Heiliger Abend. Es geht um  Gott und uns. Gott wird Mensch, uns zuliebe. Wie kommt denn Gott zur Welt, wie kann er Menschenskind werden – heute am Heiligen Abend? Wie kann es geschehen, dass wir Weihnachten spüren, wirklich fühlen mit Haut und Haaren? Mit Herz und Verstand, mit Leib und Seele. Gott kommt nicht abstrakt ohne uns zur Welt. Er wird in uns Mensch, damit wir Mensch werden. Der Evangelist Matthäus erzählt: 

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. (Mt 1,18-21)

Gott wird Mensch, damit wir es auch werden und sind. Und in der Weihnachtsgeschichte menschelt es gewaltig... Maria ist schwanger, bevor Josef sie zur Frau nehmen kann. Ein uneheliches Kind ist unterwegs. Josef will ihr keine Probleme machen, aber er denkt doch darüber nach, sich aus dem Staub zu machen. Maria schwebt in höchster Gefahr – denn nach damaliger Gesetzeslage konnte sie gesteinigt werden. Unerbittliche Moralvorstellungen, die keinerlei Freiheit zur Barmherzigkeit kennen, sondern nur mit eisernem Besen unterwegs sind, die nehmen Leben, statt es möglich zu machen. Wenn es menschelt, muss es nicht human, nicht menschlich zugehen. Gott greift ein, um der Liebe willen.

Ein Engel, so berichtet Matthäus, ist unterwegs, um Josef zu überzeugen. Zu überzeugen davon, dass er doch bitte bei Maria bleiben soll – auch wenn das Kind nicht von ihm ist. Und Josefs Liebe ist nach diesem engelischen Schubser groß genug, um das himmlische Bankert als sein eigenes anzunehmen. Ein großartiger Mann, dieser Josef! Man sollte nicht abwinken und sagen: „Keine Kunst, wenn es um den Gottessohn geht. Den kann man ja gut und gerne wie in einem Märchen als eigenes Kind annehmen.“ Nein. Es gehört immer Größe dazu, von den eigenen Vorstellungen deutlich abzurücken, sich auf eine ganz neue Situation einzulassen, die das bisherige Leben komplett über den Haufen wirft.

Wir brauchen wie Josef ab und zu so einen himmlischen Anstoß, brauchen einen Engel in Gestalt einer Idee, eines Gedanken oder eines anderen Menschen. Engel, die uns dazu bringen, bei uns selbst und beim anderen zu bleiben. Die uns dazu bewegen, überraschendes göttliches Leben anzunehmen, statt sich zu verkrümeln oder davon zu laufen. Warten aufs Christkind, das hat nichts von einem Puppenspiel. Dieses Kind kommt unerwartet, außerehelich, von Gott unbedingt so gewollt, nach einer langen mühseligen Wanderung, gefährdet von der ersten Sekunde an. Es kommt nicht in einem Prunkbau zur Welt, sondern in einem Stall, dem krassen Gegenbild zu aller selbstgemachten Herrlichkeit.

Der Gottessohn kräht zum ersten Mal in einer mit Heu und Stroh gefüllten hölzernen Bettstatt, mitten im tierischen Mief. Das ist nicht im Mindesten idyllisch, sondern mit Sicherheit belastend. So, wie es unsere Flüchtlinge mitsamt ihren kleinen Butzelchen belastet, mit vielen anderen zusammen gepackt zu sein. Im Stall zieht es durch alle Ritzen, keine Heizung, kein fließendes Wasser, keine Kissen oder Decken. Die Krippe ist Sinnbild für all unser Alleinsein, für Brüche und Scheitern, für Erstarrung und die Kälte, die wir manchmal spüren. Für die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, nach Liebe. Warten aufs Christkind... Gott ist heruntergekommen auf unser Lebensniveau, genau dahin, wo wir uns heute Abend befinden. Dort will er uns antreffen. 

Das groß gewordene Christkind feiert Feste mit, verwandelt Wasser in Wein, vermehrt Brot und Fische, damit es für alle reicht. Wenn wir heute fröhlich sind, uns auf ein feines, glückliches Weihnachten freuen, dann ist Gott auch auf diesem Level anzutreffen. Nichts ist ihm fremd – weder die Downlights des Lebens, die Zeiten, in denen es duster und dunkel ist, noch die Highlights,  die wunderbaren Festtage und Heilig Abende, die uns geschenkt sind. Das Christkind, Gott ist genau da, wo wir sind. Seine Präsenz ist unser größtes Präsent, seine Gegenwart das wunderbarste Geschenk für uns. Trauen wir ihm ruhig große und kleine Wunder zu, mit denen er uns überrascht, ganze Engelscharen, die er auf den Weg zu uns bringt. 

Atmen wir auf, liebe Hörerinnen und Hörer, nach Wochen der Vorbereitungen, der Mühe und Arbeit. Atmen wir an diesem Heiligen Abend tief ein und aus und spüren wir, dass Gott neues Leben schenkt. Kommen wir allmählich zu uns, zu Gott. Legen wir die Last und die Freuden eines ganzen langen Jahres ab, legen wir sie dem Christkind in der Krippe vor die Füße.  Dort, im Stall, ist Raum für alles, was uns bedrückt und beschwert, für das, was uns überschäumend glücklich und stillvergnügt stimmt. Gott ist Mensch geworden, geboren in der Armseligkeit, die uns manchmal befällt, umgeben von der Liebe, die wir brauchen. Der Mensch gewordene Gott ist exakt das, was wir zum Leben brauchen. 

Zu diesem Leben an Heilig Abend gehören auch Tränen. Die der Freude, die der wehmütigen Erinnerung. Ich weine, wenn mir danach ist – auch an Weihnachten. Ich lasse den Tränen freien Lauf. Am Heiligen Abend denke ich an das, was mir weh tut an diesem besonderen Tag. Ich erinnere mich an die, die mir zum Fest, zum Feiern fehlen. Die ich im Lauf der Jahre verloren habe: Eltern, Freunde. Solchen Kummer sollte man nicht zurückhalten und verdrängen. Der Heilige Abend, so empfinde ich das immer, häutet die Seele. Sie liegt blank und bloß. Das soll, das darf, es muss so sein. Schließlich liefert sich Gott uns aus. Er kommt nicht als feixender Muskelprotz daher, sondern als Kind, das zarteste, zerbrechlichste, was es gibt.

Die Zartheit dieses göttlichen Kindes weist darauf hin, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen sollen, wenn wir wie Gott Mensch werden und sein wollen. Zart sein miteinander – das klingt wunderbar. Es ist allerdings gerade an Weihnachten nicht leicht. Deswegen, weil sich die Spannung entlädt, die sich durch zu viel Arbeit und hohen Erwartungsdruck an das Fest aufgebaut hat. Bei meinen Eltern hat es immer am Vormittag des Heiligen Abends einen Riesenkrach wegen eigentlich nichts gegeben: Der Baum war ein bisschen krumm, Kugeln gingen zu Bruch, der Vater war nicht fein genug angezogen, die Mutter zu streng. Später, bei der Bescherung, war das dann vergessen und vorbei. Da konnten sie dann wieder liebevoll miteinander umgehen. 

Zart sein mit sich und anderen, dem göttlichen Kind auf die Spur kommen heißt halt auch, Gefühle zuzulassen. Gefühle, die hin und wieder durchaus temperamentvoller Natur sind. Wichtig ist nur, dass sie nicht gemein und aggressiv ausgelebt, sondern artikuliert, dem anderen vermittelt werden – quasi mit Engelszungen. Die dürfen vor allem an Weihnachten nicht fehlen.  Dann kann der geliebte Mensch hören und verstehen, kann darauf reagieren und seine Sichtweise vortragen. Feiern wir Gottes Zartheit an Weihnachten...  So lässt sich die Liebe zwischen Paaren neu entdecken, können zärtliche Worte gesagt, ins Ohr des oder der anderen geflüstert werden. Freunde entdecken so neue Nähe.

Wer allein ist, kann schreiben an die, die er oder sie lange nicht gesehen hat. Oder in den nächsten Tagen anrufen, ein Treffen für die nächste Zeit vereinbaren, um die alte Verbindung neu aufleben zu lassen. Zart sein mit sich und anderen... Zart wie das Christuskind. Zart, nicht süßlich. Gott begegnet uns zuallererst empfindsam, filigran, zerbrechlich, verletzlich, mit strahlenden Babyaugen, angewiesen auf Antwort, auf liebevolle Fürsorge. Das  kann doch nur heißen, dass er mit uns zurück möchte an den Ursprung des Daseins. Dass er uns sensibel machen will für die Kostbarkeit unseres Lebens, für unsere Gefühle, die der Angst, der Trauer, der Freude, der Lust, der Hoffnung.

Warten aufs Christkind. Gott startet seine irdische Geschichte mit uns als Kind. Er lenkt die Blicke auf unsere Gegenwart: Was habe ich, was brauche ich, was erbitte ich? Gott ist zart. Er ist filigran. Aber mitnichten kitschig. Zartheit und filigrane Seiten bedeuten die Wahrnehmung kleinster Details unserer Person und unserer Lebensgeschichte. Gott ist zart und fein: Er tut es selbst und motiviert uns, genau hinzuschauen, darauf zu achten, wo unsere eigenen Bedürfnisse sind und die anderer. Präzise zu beobachten, was gut ist  in unserem Leben und was ein wenig schräg liegt. Warten aufs Christkind... Auf eines, das unverblümt die Wahrheit über uns sagt – so, wie es Kinder tun. Zumal der Sohn Gottes.

Warten aufs Christkind. Liebe Hörerinnen und Hörer, was uns die Weihnachtsgeschichte erzählt, ist gleichermaßen wunderbar, märchenhaft wie nüchtern, aufscheuchend und hoffnungsvoll. Ein Kind kommt in die Welt, vom Himmel gewollt. Es ist gefährdet, weil es ist, wie es ist: fein, zart, voller Liebe und Sehnsucht nach uns. Dieses Kind ist Gott, wie er im Buche steht: in der Bibel, in den Weissagungen des Alten Testamentes und den zauberhaften Erzählungen des Neuen, in den dramatischen Berichten vom gewaltsamen Ende eines Lebens, das ganz und gar uns gewidmet ist. Und schließlich im Bild der Auferstehung, das den Kreis schließt. Der Mensch gewordene Gott kehrt zurück in den Himmel und ist zugleich immer bei uns.

Weihnachten. Wir  brauchen nicht auf das Christkind warten, weil es schon da ist und in uns Wohnung nehmen möchte. Sanft, weil Liebe niemals gewalttätig ist, deutlich, denn Gott ist Wahrheit und konfrontiert uns auch an Weihnachten mit dem, was in uns und um uns los ist. Das Christkind kommt detailverliebt, verliebt in die präzise Betrachtung unserer gesammelten Lebenskleinigkeiten. Es sieht uns ungeschminkt und nicht geglättet, weil Gott mit unseren inneren und äußeren Unebenheiten längst vertraut ist. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich wünsche Ihnen von Herzen einen gesegneten Heiligen Abend mit dem Präsent der Gegenwart Gottes, eine Heilige Nacht behütet von allen seinen Engeln. Amen.