Befreit zu Widerstehen

Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung der Ökumenschen FriedensDekade 2014 in der Christi-Himmelfahrts-Kirche Freising
9. November 2014

Liebe Schwestern und Brüder!

„Ich röche dich lieber gebraten in deinem Trotz.“, rief Thomas Müntzer Martin Luther zu. „Solchen Mäulern muss man mit der Faust antworten, dass ihnen das Blut aus der Nase läuft.“, antwortete Martin Luther. Die Reformatoren waren untereinander, gelinde gesagt, nicht tolerant. Sie waren denen gegenüber intolerant, die anders dachten und glaubten. Juden waren für Luther ein vom Satan verführtes Volk und der Islam eine vom Teufel inspirierte Religion. Die Langzeitfolgen kennen wir alle.

Diese Folgen sind längst nicht vollständig aus Herzen und Köpfen verbannt. Mich macht das traurig und ärgerlich, weil Martin Luther anfangs, als es zu Differenzen in Glaubensdingen gekommen war, weitherzig und tolerant gewesen ist. Ich erinnere an die Invokavitpredigten, in denen er sagte: „Predigen will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s. Aber zwingen, mit Gewalt dringen, will ich niemanden, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden ...“

In Deutschland haben wir lange, zu lange gebraucht, um uns wieder daran zu erinnern, wie freiheitlich unser Glaube begonnen hat – von seinen Anfängen bei Jesus Christus bis hin zur Reformation. Es waren leider nicht die Kirchen, die die ersten Schritte zu einer Aufarbeitung der Geschichte unternommen haben, sondern oftmals diejenigen, welche auf der Schattenseite standen, wie der jüdische Philosoph Moses Mendelsohn, dem der Pfarrersohn Lessing in der Gestalt des Nathan zu Recht ein Denkmal gesetzt hat.

Den Frieden wollen

Wer am 9. November über Frieden redet, muss über Christen und Juden sprechen. Darüber, dass es schon zu Beginn des Naziterrors Menschen gab, die befreit waren zum Widerstehen. Denn wenn mich etwas aufbringt, dann der Hinweis, dass man halt so dachte und die Zeit war, wie sie war. Das stimmt nie! Immer fangen Gemeinheiten und Gewalt klein an, haben Phasen, in denen sie noch gestoppt werden können. Immer sind Menschen wachsam und kritisch - sie werden nur nicht gehört.

Wenn wir die Friedensdekade eröffnen, ist es gut, das in aller Selbsterkenntnis und Demut zu tun. Denken wir nur an die Randale in deutschen Großstädten - da geht es mal wieder gegen alles, was angeblich nicht deutsch ist. Ratzfatz ist der alte Antisemitismus, ist Ausländerfeindlichkeit wieder da, gerne salonfähig gewandet, mit scheinbar intellektuellem Anspruch. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hat in seinem Buch „Exil“ geschrieben:

„Um mit Erfolg für den Frieden zu kämpfen, muss man bewiesen haben, dass man es nicht aus Feigheit tut, aus Drückebergerei“. Ich will nicht verhehlen, dass er hinzugefügt hat: „...sondern dass man gewillt ist, wenn es not tut, für die Sache des Friedens zu sterben.“ Frieden schaffen und erhalten hat nichts, aber auch gar nichts mit der Vermeidung von Konflikten zu tun oder mit der Unfähigkeit, sich ihnen zu stellen. Frieden – das ist Arbeit.

Shakespeare oder Tschechow

Frieden braucht Kraft, Liebe und Besonnenheit. Wie zwei Menschen, die sich lieben, immer wieder an ihrer Beziehung arbeiten müssen, müssen Einzelne, ganze Gesellschaften, Völker und Nationen an ihrer Beziehung zueinander, am Frieden arbeiten. Frieden ist Arbeit und Prozess, er fällt nicht einfach vom Himmel. Ich habe einmal Amos Oz, den jüdischen Autor, gehört. Er, der beständig für den Frieden zwischen Juden und Arabern eintritt, meinte:

Es gibt in dem tragischen Fall, in dem jeder Recht hat, ein Recht auf das Land, beispielsweise Juden so wie Palästinenser, nur die Wahl zwischen zwei Modellen – Shakespeare oder Tschechow. Bei Shakespeare liegen alle am Ende tot am Boden und irgendwo über der Bühne schwebt so etwas wie Gerechtigkeit. Bei Tschechow wird ein Kompromiss gefunden, alle sind enttäuscht, unglücklich, verbittert und melancholisch – aber am Leben.

Der Kompromiss, so Amos Oz, schmerzt wie die Hölle. Aber er ermöglicht Leben und Co-Existenz für beide. In dem Bemühen, Frieden zu schließen, Kompromisse zu finden, ohne dass eine Seite einfach zu kapitulieren hätte, muss Wahrheit sein. Das bedeutet, sich und anderen emotionale Ehrlichkeit zu gestatten, offen zu sagen, was weh tut, was man sich anders wünscht. Zugleich gehört zur privaten und politischen Friedensarbeit, den Verstand einzusetzen, sachlich bleiben zu können.

Eigene Interessen

Die Balance zwischen Gefühl und Verstand ist nötig, damit Menschen weder im Kleinen noch im Großen zu irrationalen Fanatikern oder zu eiskalten Pragmatikern werden. Der große Satan unserer Zeit - noch einmal Amos Oz - sind Hass und Fanatismus. Ich selber würde als große Versuchung dazu rechnen, wenn bloß Sachzwänge zählen. Wenn allein wirtschaftliches Kalkül oder persönliche und nationale Machtgier das Handeln bestimmen. Denken Sie nur an Pontius Pilatus und seine Motive...

Schauen wir uns Krisengebiete unserer Zeit an, Iran, Irak, Afghanistan, Syrien, Israel, Palästina, dann wissen wir, dass ökonomische Interessen, machtpolitische Verbandelungen und manchmal verheerende Taktik eine Rolle spielen. Man schaut zu, wartet ab, vielleicht lösen andere die Probleme für einen. Man wird zum Bündnispartner von denen, die man später bekriegt. Schauen wir auf uns selber. Wer um des wirklich lieben Friedens willen auf Gewalt verzichten will, muss bei sich anfangen.  

Die Gesellschaft, der Staat, die Politik, das Recht - nirgendwo kann man sich besser verstecken als in solchen Kollektiven. Dort, in der Masse lässt es sich unter eiligem Zurücklassen der eigenen Verantwortung leicht entkommen. Hasserfüllte, gewalttätige Menschen in meinem eigenen Land und anderswo sind eine Anfrage an mich. Habe ich mit ihrem Verhalten etwas zu tun... Habe ich mit ihnen, mit ihrer Persönlichkeit etwas gemein...  


Ebenbilder

Wir sind alle Ebenbilder Gottes. Diese Ebenbilder Gottes sollen ungestört leben, wie ich auch in Frieden leben möchte. Das ist die Konsequenz aus dem Glauben, dass Gott uns, seine Ebenbilder, wenig niedriger gemacht hat als sich selbst, dass er jeden und jede mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat, wie es in einem Psalm des Alten Testamentes heißt. „Sanctity of life“ ist das Stichwort. Heiligkeit und Unantastbarkeit des Lebens.

Im großen Ganzen sind wir imstande, diese Konsequenz auf der Ebene des Geistes, des Verstandes zu ziehen und sie dann auch mit „Herzen, Mund und Händen“ zu praktizieren. Wir essen beim Italiener und Vietnamesen, sitzen beim Pakistani im Garten. Ein Türke hat im Trauergottesdienst für meinen besten Freund ein selber geschriebenes Gedicht vorgelesen; Kurden und Kroaten haben ihn mit zu Grabe getragen; dann, in einem griechischen Lokal habe ich bei türkischen Liedern geweint.

Aber christlicher Glaube hat von Anbeginn an den Blick für die Realität geschärft. Diese Realität sieht so aus, wie wir es aus der Geschichte von Kain und Abel kennen. Und an zwei zentralen Stellen des Alten Testamentes, vor und nach der Sintflutgeschichte, steht geschrieben: „Das Sinnen und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“. (Gen 6,5; 8,21) Das ist keine moralische Abwertung des Menschen, sondern eine nüchterne Einsicht in sein Wesen.

Realität

In ein Wesen, zu dem von Anfang an die Möglichkeit gehört, zu hassen und zu zerstören – mit Gedanken, Worten und Taten. Dazu ist jeder und jede von uns fähig. Wir brauchen sorgfältige Analysen, wenn wir uns mit den Ursachen von Unfrieden auseinander setzen. Es ist ein Versagen an uns selbst und an der Gemeinschaft, wenn wir auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem menschlichen Zerstörungspotential verzichten.

„Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“, sagt Gott (Jes 43,1). Ich kann eine Spur gelassener sein, wenn ich mein Hass- und Gewaltpotential erkannt habe, wenn ich die zerstörerischen Tendenzen, die mir wie anderen zueigen sind, benennen kann. Denken wir an Bonhoeffer. Sein Elternhaus war aufgeklärt-tolerant und geprägt vom selbstverständlichem Beten und Bibellesen. Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur und Kunst galten bei ihm zuhause viel.

Bonhoeffer reiste gerne; er war in Rom, auf Sizilien, in Tripolis und in der libyschen Wüste, studierte in New York, arbeitete als Gemeindepfarrer in Barcelona und London, träumte von einer Begegnung mit Mahatma Gandhi, von dem er sich spirituelle Bildung und pazifistische Schulung erhoffte. 1934 erhielt Bonhoeffer eine Einladung, in Gandhis Aschram leben und lernen zu können. Dietrich Bonhoeffer war weltoffen, ohne sich in der Vielfalt der Eindrücke zu verlieren.

Keine weiße Weste

Bonhoeffer macht bewusst, dass wir die Freiheit zur Verantwortung haben, dass Verantwortung Wagnis bedeutet und, dass zu ihr die Bereitschaft gehört, Schuld auf sich zu nehmen – zum Beispiel, wenn man Waffen an Menschen liefert, die sie zur Selbstverteidigung brauchen und später vielleicht verwenden, um sich gegen Dritte zu richten.  Wir kommen nicht mit weißer Weste aus diesem Leben  - jeder wird sich schmutzig machen, wenn er oder sie sich leidenschaftlich für andere einsetzt.

Es gibt Situationen, so Bonhoeffer, in denen die Kirche „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“ verpflichtet ist. Er meinte damit den nationalsozialistischen Wahnsinn, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Heute versuchen ewig Gestrige und Neonazis erneut, die alte braune Soße aufzukochen. Wir müssen uns der neuen alten Gefahr bewusst sein und auch in unserem Land befreit widerstehen.   

In einer Ansprache in New York sagte Bonhoeffer 1930: „Was auch immer kommen mag, lasst uns nie mehr vergessen, dass das Volk Gottes ein christliches Volk ist, dass kein Nationalismus, kein Rassen- oder Klassenhass seine Anschläge ausführen kann, wenn wir eins sind.“ So einig und eins sollten wir sein. Dazu gehört, Kindern und Jugendlichen tragfähige Werte zu vermitteln – damit sie mit Kraft, Liebe und Besonnenheit in KiTa und Schule widerstehen können, wenn einem Unrecht geschieht.

Abschied vom Absoluten

Gewalttäter überall auf der Erde vergewaltigen bewusst Frauen, versklaven Mädchen, löschen Menschenleben aus, um Schmerz zuzufügen - von dem Wunsch durchdrungen, ein konkurrierendes System zu treffen, das den Attentätern moralisch verkommen, politisch verworfen und religiös oberflächlich scheint. Ein System, das sich im Sinne der Terroristen politisch-theologisch zu bekehren hat. Religion trägt diese Gefahr immer in sich:

alles um sich herum zu vernichten, was nicht mit der eigenen Wahrheit kompatibel ist, die mit Absolutheit vertreten wird. Auch das Christentum hat schon gewaltige Schuld auf sich geladen – wenn wir heute befreit sind zum Widerstehen, ist das das Ergebnis eines Jahrhunderte langen Lernprozesses, der vielen Menschen das Leben gekostet hat. Wir brauchen viel Empathie, Einfühlungsvermögen in uns und in andere, einen klaren Blick auf echte Probleme und den festen Willen, sie zu lösen.

Die biblischen Geschichten, wie die von Kain, schärfen den Blick für die Realität. Und in unserem Fall lautet sie: „Die Sünde lauert vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen.“ Die beste Voraussetzung dafür, dieser Sünde die Tür vor der Nase zuzuhauen – und hier ist wirklich massive Energie angebracht -, sind ein stabiles seelisches Gleichgewicht, ein fester geistiger Halt und die Anerkennung des und der Nächsten als Bruder und Schwester, als Ebenbilder Gottes.

Umgang mit Kain

„Du aber herrsche über sie.“ Es gibt, selbst wenn wir scheitern, immer wieder die Möglichkeit der Wahl. Es gibt die Möglichkeit der nachdenklichen Konfrontation mit uns selbst und anderen. Gott bleibt der Dialogpartner und sogar der Beschützer Kains, damit das Unheil keine weiteren Kreise zieht. Am Kreuz bittet der Gottessohn um Vergebung für die, die ihm solches Leid angetan haben. Wir stehen in seiner Nachfolge. Wir haben einen Horizont, der über alles Vorfindliche hinausgeht.

„Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.“ (Jes 12,2). Wir bekommen immer wieder die Kraft dazu, die Ambivalenz unseres Wesens und unseres Lebens anzupacken - sonst würde keiner Friedensdekaden planen oder zu einem solchen Gottesdienst kommen. Die Auseinandersetzung mit Kain in uns und in anderen lebenslang voll Gottvertrauen zu führen, befreit zu widerstehen, das macht unsere unvergleichliche Freiheit und unsere Würde aus. Amen.

Tags: