Beerdigung von Hannes Beckmann

München, Krematorium St. Martinstraße
Gründonnerstag, 24.März 2016

Liebe Frau Beckmann, liebe Familie Beckmann, liebe Freunde von Hannes,

in seiner letzten Mail, die Hannes Beckmann an mich schrieb, sie stammt vom 6. März, stand: "Liebe Susanne, unsere gemeinsame sehr gelungene Arbeit KREUZWEGSTATIONEN II wird, wie bereits berichtet, im März offiziell … veröffentlicht. Für eine Erwähnung / Rezension bei CHRISMON wolltest DU sorgen, und es wäre sehr schade, wenn die Chance ungenutzt verstreicht. Ich bin leider gerade wieder mal in einer weiteren Krebsrunde. Liebe Grüße... "

In diesen wenigen Zeilen steckt viel. Die Nachricht von der peinigenden Krankheit, der er mit starkem Willen lange widerstand. Eine Krankheit, die ihn, sowie den wunderbaren Caesar W. Radetzky und mich verband – das haben wir gespürt, als wir die Neuauflage der Kreuzwegstationen wagten und uns einander annäherten. Eine gar nicht geheime Brüderschaft der Lädierten haben wir dargestellt, der Lädierten, die sich das nicht einfach gefallen lassen, sondern kampfes- und lebenslustig sind.

Wir haben die neuen Kreuzwegstationen zweimal aufgeführt, immer in der Schwabinger Kreuzkirche. Hannes musste jedes Mal erneut um die Luft ringen, die er zum Atmen brauchte. Ich habe deswegen für ihn einen neuen Text zur Musik geschrieben. Er hat mich nach dem Hören ganz fest angeschaut und dann gedrückt. Atem heißt dieser wehe, wehmütige Text, den er sehr mochte. Das Wort Näfäsch kommt darin vor, Hebräisch für Atem- und Seelenluft. Für Leben. Ein paar Worte daraus:

ich höre meinen atem
mir fremd geworden
durch schläuche
sehe keine wolken vor blinkenden lichtern
nur meine brust hebt sich
erschrocken gefesselt 

an ein bett mein kreuz
das ich tragen muss
wie viele vor und  nach
mir leiden mein gott
warum hast du mich
verlassen deinen gläubigen 

sohn die skeptische tochter
du nennst uns ungefragt
deine kinder ungebeten
ich habe fragen an deine
vaterschaft warum muss ich tragen
was du schon erduldet hast 

ich bekomme keine luft
mehr mir fehlt der raum zum
atmen hauche mir deinen
odem ein damit ich das paradies
fühle und neu zum menschen
werde wie am anfang 

odem meine kehle
ist knotenpunkt des lebens
näfäsch – hebräisch - wehen
und zischen des atems – näfäsch
meine seele braucht luft  
meine kehle verlangt nach dasein​ 

ich will anteil an dieser existenz
an jener und muss loslassen …

In seiner Mail an mich wird noch etwas deutlich. "Für eine Rezension wolltest DU sorgen", schrieb Hannes. Das DU war groß geschrieben. So habe ich Hannes, den genialen Künstler auch erlebt: als energischen, fordernden Menschen, selbst in körperlicher Schwachheit. Schlamperei musikalisch und textlich ging gar nicht. Er war ein Mann, der einen zu erinnern wusste an Absprachen, an das, was man, in diesem Fall ich, zu tun habe. Ich bin seinem Auftrag nachgekommen.

Hannes war weltoffenes Genie mit musikalischer Disziplin. Vielleicht haben ihn deswegen die Gottesbeweise von Thomas von Aquin so fasziniert, die er mit Ihnen, Frau Davidson, in letzter Zeit durchdiskutierte. Über seinem eher chaotischen Schreibtisch hängen sie an der Wand. So simpel kann man es sich mit dem Glauben eben nicht machen. Man muss, so Hannes, schon sorgfältig hinschauen, nachdenken, prüfen, überlegen und diskutieren. Gott ist nicht selbstverständlich, er muss erkannt werden.

Hannes schrieb mir zu unseren Kreuzwegstationen: „Ich bin weder Missionar noch offizieller Verkünder – die Hinwendung in einen spirituellen Raum und eine transzendentale Kontemplation könnten wir mit unserem Werk allemal bewirken. Künstler setzen die Gedanken frei, es erfolgt ein non-verbaler sokratischer Dialog in der Performance und schon landet man unversehens in einem großen Raum, den ich für mich als Transzendenz definiere.“ Nun ist Hannes in der von uns geglaubten Transzendenz angekommen.

Und man darf, gerade bei einem Musiker, imaginieren. Das tue ich jetzt noch. Hannes, so träume ich, spielt, wie ich ihn in der Unterfahrt kennen gelernt habe, im Himmel, nein, nicht wie der Teufel, sondern wie ein feuriger Engel. Wer schon da ist aus Mitteleuropa und dem Balkan, aus Brasilien, Argentinien und der Karibik, aus Arabien und Afrika greift sich ein Instrument, jamt und jazzt mit. Hannes verzaubert das Paradies wie er diese Stadt und viele Länder froh gemacht hat mit seiner Weltbürger-Musik.  

Und Gott lächelt. Er hat sich auf Hannes gefreut, der seine Kreuzwegstationen nun hinter sich hat und ein ewiges Ostern feiert. Dazu sage ich Amen.