Andacht zum Tod von David Bowie

19.01.2016
Andachtsraum des Landeskirchenamts

Liebe Schwestern und Brüder,

nicht alle von uns sind wie ich mit Popmusik aufgewachsen oder haben sich dafür interessiert. In der evangelischen Kirche sind viele mit den wunderbaren Kompositionen von Bach, Brahms, Mendelssohn-Bartholdy, Reger, Schütz und dem Windsbacher Knabenchor sozialisiert worden. Für mich kam das alles sehr viel später. Musik, so bin ich groß geworden, ist  Rock'n Roll, Blues und alles, was sich daraus bis heute entwickelte. 

Deshalb ist es für mich eine traurige Nachricht gewesen, dass letzte Woche David Bowie gestorben ist, einer der größten und innovativsten Musiker der Popgeschichte. David Bowie starb mit 69 Jahren an Krebs - ganz traditionell im Kreis seiner Familie, gehalten von den Armen seiner somalischen Frau Iman, einer studierten Politikwissenschaftlerin und einem der schönsten ehemaligen Topmodels der Welt. So what, könnten Sie sagen. Was geht es mich an.

Ich finde, unabhängig davon, was wir selber mögen, ist unsere Aufgabe als Christenmenschen zu wissen, was um uns herum vor sich geht - wenn wir nicht in Nischen verkümmern wollen. Wir müssen wissen, was Menschen beschäftigt, was sie mögen, lieben, was sie lesen, sehen und hören - sonst können wir ihnen nichts sagen. Abgesehen davon, dass ich irritiert bin, wenn jemand bei Bowies "Let's Dance" nicht innerhalb von fünf, sagen wir zehn  Sekunden auf der Tanzfläche ist. 

Ist echt so. Warum tanzen wir so wenig… „Der Kongress tanzt“ heißt ein uralter Film. Warum haben wir noch nie auf einer Synode getanzt… Noch nie bei einem landeskirchlichen Empfang… (Außer bei meinen Jahresempfängen, wo wir letztes Jahr bei Miroslav Nemecs Band, der Band des Tatort-Kommissars die Füße nicht mehr still halten konnten!) Ist das nicht eigentlich schade? Denn privat tanzen wir doch hoffentlich, oder? Let´s dance …. 

Unabhängig von unseren Werten, unserem Lebensstil geht uns etwas an, wie Menschen leben. Da bleibe ich kurz, denn Bowie war ein sehr sehr schriller Paradiesvogel - und vermutlich würden diese heiligen Hallen ächzen bei all dem, was zu sagen wäre. Egal. Er war wild und grenzenlos bis zu seinem Drogenentzug vor vierzig Jahren und seiner Ehe mit Iman, der Liebe seines Lebens, mit der er die Silberhochzeit leider nicht mehr ganz geschafft hat. 

David Bowie hat Lebensgefühle seiner Zeit ausgedrückt. Vor allem Entfremdung, Außenseitertum. "Ground Control to Major Tom" heißt es in einem seiner ersten Hits, „Space Odditiy“, in dem ein Astronaut "völlig losgelöst", so die deutsche Version, durchs All schwebt und nie mehr zurückwill. „May be God´s love be with you“ … heißt es. Als Ziggy Stardust vom Mars landet er später auf der Erde - eine sexuell mehrdeutige, völlig abgespacte Figur mit sozialkritischem Impetus. 

Bowie erlebt als eleganter Thin White Duke dann seinen menschlichen Tiefpunkt. Er lebt nur von Koks, Milch und roter Paprika. Schauerlich. Ausgerechnet im Berlin der 70er Jahre kommt er endlich los von dem Giftzeug und startet neu durch. Er schreibt "Heroes", ein Lied über zwei Liebende im Schatten der Berliner Mauer. Die Flüchtigkeit der Liebe ist Thema: „We can be heroes just for one day“. 

Die Todesdrohung durch Waffen wird besiegt, denn die Schande liegt auf der Seite der Waffenträger und die Überlegenheit bei den Liebenden, denn: „Oh we can beat them, for ever and ever“. Was als Liebesgeschichte beginnt, wird zur universalen politischen Aussage über den Sieg der Gefühle und über den Zusammenhalt gegen Repression und Waffen. David Bowie ist ein hoch gebildeter Mann, der auch den Poeten Rimbaud in diesem Lied zitiert. 

Und jetzt ist der Ausnahmekünstler tot. Seinen Fans in ihrer Wehmut bleibt  die Zeile  "Put on your red shoes and dance the blues"... Die Traurigkeit mit roten Schuhen tanzen... Mich bewegt, dass  kurz vor Bowies Tod sein neuestes und letztes Album "Blackstar" herausgekommen ist. Darin besingt er seinen eigenen Tod und inszeniert sich als biblische Figur, als Lazarus. So sieht das dann aus ...

 

David Bowie hat andere und sich nicht geschont - auch die Wahrheit über seinen Tod hat er gesagt, gesungen. Man kann es verrückt finden: Sich selber sterbend zu zeigen. Ja, vielleicht. Trotzdem: Schau hier nach oben, so heißt es in "Lazarus" und ich übersetze gleich: Ich bin hier im Himmel. Ich habe Wunden, die man nicht sehen kann. Ich habe eine dramatische Lebensgeschichte, die man mir nicht stehlen kann. Jeder kennt mich jetzt. 

Schau nach oben, Mann, ich bin in Gefahr. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich bin so weit oben, dass mir im Gehirn schwindlig wird. Mein Handy habe ich unten fallengelassen - ist das nicht typisch für mich? Ich habe in New York gelebt, wie ein König. Habe all mein Geld verbraucht und nach dir Ausschau gehalten. Und jetzt - diesen Weg oder keinen. Du weißt, das ich frei sei sein werde wie ein Vogel - ist das nicht typisch für mich? Oh ja, ich werde frei sei wie ein Vogel... Singt David Bowie.

Da ist viel von unserem Leben drin. Die Verletzungen, die man uns zugefügt hat. Unsere Biographie, die man uns nicht nehmen kann – hey, die wie mit ihren Falten und sonstigen körperlichen und seelischen Spuren uns gehört mit ihren ups and downs. Wer uns kennt, kennt uns – wie wir sind. Wir haben in echt nix zu verlieren – was für eine grandiose Erleichterung! Keine Angst, Mann oder Frau. Geld, Handy, was soll´s. Lass fahren dahin. Sie haben´s  kein Gewinn.  Uns bleibt das Reich.   

Major Tom, Ziggy Stardust, White Duke und schließlich der auferstandene Lazarus. Liebe Schwestern und Brüder, ist es nicht großartig, wie kraftvoll unser Glaube ist – so, dass er sicher nicht in puristischer, reiner Lehre, aber in elementaren biblischen Bildern Menschen inspiriert, ihren Weg zu gehen. Auch den letzten, schwersten. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Und warum nicht, David Bowie, Stardust zu Sternenstaub. Komm gut an.

Amen.