Alpenflüsse – Gestern. Heute. Morgen?

Impuls aus Sicht der Kirche in der Dialogreihe 1/5 zum Hotspot-Projekt „Alpenflusslandschaften. Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ im Zentrum für Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuren 
Donnerstag, 22. Oktober 2015

Lechfall 

Müde kommt der Wanderer an der Zwischenstation an. Der Lechfall bei Bad Faulenbach wird als besonders sehenswert im Wanderführer angepriesen. Klar, dass der kurze Abstecher die Treppenstufen hinab zum König-Max-Steg dazu gehört. Auf der Brücke geht der Blick nach Südwesten. Ja, schön. Der Lech ist hier erstaunlich breit, gemächlich fließt er über ein Kiesbett dahin und fällt unterhalb des Stegs rauschend zwei Stufen hinab. Die Stufen sind wie mit dem Lineal gezogen. Das herabfallende Wasser – ein Vorhang aus tausend Perlen. Schön, aber: Das kennt man auch von anderen Flüssen, wo Menschenhand am Werk war. 

Der Wanderer wendet sich ab. Ein kurzer Blick noch auf die andere Seite der Brücke – und dann Staunen. Hier ist nichts mehr symmetrisch oder in Form gegossen. Steile Felsen ragen aus dem Boden. Senkrecht steigen sie auf. Zum Teil hängt das Gestein über. Von einem breiten Kiesbett keine Spur. Der Lech hat sich vielmehr eine Klamm durch die Felsen gegraben, wild und kraftvoll. Das Auge kann dem mäandernden Wasser nicht weit folgen, es biegt um die Kurve, der Fels verstellt die Sicht. Was für ein Gegensatz zwischen links und rechts der Brücke, zwischen menschengemachter Gleichförmigkeit und natürlicher Urtümlichkeit! 

Grenzüberschreitend

Der Lechfall steht sinnbildlich für das Anliegen, das hinter dem Projekt „Alpenflusslandschaften“ steckt, auch wenn er an der Grenze zwischen Tirol und Allgäu liegt. Aber Alpenflüsse übergehen menschengesetzte Grenzen desinteressiert rauschend oder unaufgeregt dahinfließend. Das macht klar: Wer Alpenflusslandschaften schützen und zu ihrem Erhalt, ihrer Renaturierung beitragen will, muss selbst Grenzen überwinden. Die zwischen Regionen und Ländern, zwischen verschiedenen Interessengruppen. Das gelingt dem Projekt Alpenflusslandschaften durch die 18 Kooperationspartner unterschiedlicher Provinienz.

Als Kirche können wir gar nicht anders, als Flüsse wertzuschätzen. Schließlich fand eines der Gründungsdaten der Kirche in einem Fluss statt: Die Taufe Jesu im fließenden Wasser des Jordan. Gelegentlich kehren wir zu diesen Anfängen zurück und feiern Taufen an Flüssen oder Seen. Die Taufe mit fließendem Wasser hat symbolische Bedeutung: Wasser ist Lebenselixier. Ohne Wasser können wir nicht leben. Unser Körper besteht zu etwa 70 Prozent selbst aus Wasser. Wasser ist reinigend. In der Taufe wäscht es symbolisch alles ab, was von Gott und seiner Schöpfung trennt. Wasser ist Kraftquelle. 

Lebendige Ströme

Die Taufe mit fließendem Wasser macht deutlich: Von uns sollen „Ströme lebendigen Wassers“ (Joh 7,38) ausgehen, wir sollen also Menschen sein, die sich vital, achtsam und kreativ in Welt und Schöpfung einbringen. Nicht nur die Taufe verbindet uns mit Flüssen. Flüsse sind Teil der Natur und daher unserer Lebenswelt. Sie sind ein Teil der Schöpfung. Das ist kein Begriff, der in Konkurrenz steht zu naturwissenschaftlichen Theorien der Weltentstehung. Schöpfung ist vielmehr ein Begriff, der Beziehung ausdrückt. Es geht um die Beziehung Gottes zur Welt und um unsere Beziehung zu unserer Umwelt. 

Nicht wie die Welt entstanden ist, steht im Zentrum theologischen Interesses, sondern wozu sie existiert. Der gläubige Mensch interpretiert die Welt als Geschenk. Als Geschenk, für das er besondere Verantwortung hat. Es und sie haben das dominium terrae, die Herrschaft über die Welt. Der Schriftsteller Carl Amery sah in darin den Ursprung für „die gnadenlosen Folgen des Christentums“. Er gibt dem  Christentum Mitschuld an der globalen Umweltzerstörung. Der Soziologe Max Weber entdeckte in der christlichen Haltung zur Natur eine „Entzauberung der Welt“. Und es stimmt: Wir sehen weder Bäume noch Tiere noch Flüsse als Götter an. 

Entdämonisierung

Es gibt im Christentum keine Donar-Eiche und keine heiligen Kühe, nicht einmal heilige Flüsse, wie beispielsweise der Ganges im indischen Hinduismus gesehen wird. Im Christentum ist Natur Kreatur, aber wie der Mensch selbst nicht göttlich. Das ist befreiend. Ein Beispiel: Fidon Mwombeki, ein aus Tansania stammendes Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, wurde vor kurzem gefragt, wie er die christliche Missionierung seines Heimatlandes seit Ende des 19. Jahrhunderts einschätzt. Er antwortete darauf, er sehe die Mission als Segen an, weil sie die Menschen vom Aberglauben befreit habe. 

Zum Beispiel sei es in manchen Regionen Tansanias üblich gewesen, Zwillinge zu töten. Die Geburt von Zwillingen habe als Fluch gegolten. Nicht nur, wer selbst Zwilling ist, kann sofort nachvollziehen, wie befreiend es ist, dass wir nicht mehr mit Dämonen, bösen Geistern und Flüchen in der Natur rechnen. Die Natur ist nicht gegen uns, sondern wir gehören als großes Ganzes zusammen, sind Teil von ihr. Carl Amery hat jedoch richtig gesehen, dass in der Entzauberung der Natur auch eine Gefahr steckt. Sich als master of the universe“ zu verstehen, verleitet nicht nur Wall Street Banker zu gemeingefährlichen Eskapaden.

Wasserraum

Menschen neigen dazu, rücksichtslos mit Natur und Umwelt umzugehen und sie den eigenen machtpolitischen und ökonomischen Interessen unterzuordnen. Aber die Herrschaft des Menschen über die Welt ist so nicht zu verstehen. In der Geschichte vom Garten Eden wird vom Paradiesesstrom erzählt, aus dem vier Flüsse werden: Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat. Und dort heißt, der Mensch soll diesen Garten Eden mit seinem Strom und den Flüssen bebauen und bewahren (Gen 2,15). Also so handeln, dass er Lebens- und Wasserraum für sich und die übrigen Geschöpfe erhält und pflegt. 

Dieser Verantwortung wurden wir uns in den letzten Jahrzehnten stärker bewusst. Wir besinnen uns darauf, dass wir Teil der Umwelt sind. Im kirchlichen Raum wird eine intensive Umwelt- und Klimaarbeit betrieben. Der sogenannte „Grüne Gockel“ kräht inzwischen in vielen Kirchengemeinden Bayerns. Der Grüne Gockel ist ein Siegel für nachhaltiges Umweltmanagement steht. Er erfüllt die Standards des europäischen Öko-Audits EMAS III. Der in diesem Jahr fertiggestellte Erweiterungsbau des Landeskirchenamtes in München, in dem ich arbeite, erhielt das Siegel „Gold“ der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. 

Bienen und andere Partner

Die Kollegen im Landeskirchenamt Düsseldorf siedelten 200.000 Bienen auf ihrem Gelände mitten in der Stadt an. Und freuen sich über das eine oder andere Gläschen Honig von ihren neuen Mitbewohnern. Verantwortung für die Schöpfung übernimmt das Projekt Alpenflusslandschaften. Verantwortung bedeutet, mit Sinn und Verstand, Fachwissen und einem feinen Sensorium für die Bedürfnisse die Natur Weichen zu stellen, damit die ursprüngliche Vielfalt des Lebens zurückkehren kann in Wasser und Auen, Mooren und Rangen. Hier sind die klassischen Umweltorganisationen vertreten.

Ihrem jahrzehntelangen Engagement verdanken wir einen sensibilisierten Blick für die Natur. Sie haben auch uns in der Kirche gelehrt, über unser Verhältnis zur Schöpfung neu nachzudenken. Natürlich gehören Organisationen der Wirtschaft zu den Gesprächspartnern. Alpenflüsse werden seit Jahrtausenden wirtschaftlich genutzt als Verkehrswege, als Wasserresservoir, als Energiequelle. Diese verantwortungsvolle Nutzung für das menschliche Leben wollen wir nicht aufgeben. Sie ist Teil der menschlichen Zivilisation.  Die Landkreise sind mit an Bord - ein starkes Signal. Unser Gemeinwesen hat Interesse daran, die Alpenflüsse zu schützen. 

Spiritueller Tourismus

In der Dialogreihe sind auch Tourismus und Sport vertreten, die auch in der Kirche eine wichtige Rolle spielen. Im Allgäu und Bayerisch Schwaben, im oberbayerischen Voralpenland und im Gebirge gab es 2014 gut 31 Mio. Übernachtungen. Menschen kommen wegen der Berge, der Täler und Wiesen, wegen kristallklaren Bergseen und den Flüssen. Sie freuen sich – hoffentlich – an Seeforelle und Alpen-Knorpellattich, und  von A bis Z an Aal, Äsche und Aitel, an Zander, Zingel und Zobel. Nicht bloß auf dem Teller, keinesfalls um den Hals, sondern in einheimischen Flüssen. Das Sitzen am Ufer bringt nicht nur Erholung für den Leib, sondern auch Nahrung für die Seele. 

Spiritueller Tourismus boomt. Die Menschen suchen Stille, Ruhe, Entschleunigung und den Sinn in ihrem Leben. Wir gehen diesen Weg mit und bieten Raststationen an, bei denen die Seele auftanken kann: Gottesdienste auf Berggipfeln, auf lauschigen Almen oder am See. Und eben Spazierwege am Fluss, anregende Gespräche bei einem Glas Wein an einem lauen Sommerabend beim Plätschern der Wellen oder auch intensive Seelsorgegespräche zur Krisenbewältigung. Wir nehmen Kinder bei Taufen im Grünen in die Gemeinschaft der Gläubigen auf und erbitten Gottes Segen für Paare bei Hochzeiten in der Natur.

Dankbarkeit

Den Hinter- und Ermöglichungsgrund bietet unser Land. Das ist ein gewichtiges Motiv, die Kraft der Natur zu erhalten, die unsere Seele anrührt und den Blick klärt für die eigene Zukunft. Als Kirche unterstützen wir gern die Umwelterziehung. Der Respekt vor der Schöpfung und die Liebe zu Gottes Welt sind fester Bestandteil in den Lehrplänen für den Religionsunterricht. Sie werden gelehrt und gelernt im Konfirmandenunterricht, bei christlichen Pfadfindern, in Jugendgruppen. „Stadt, Land, Fluss“ war eines meiner Lieblingsspiele. Schöpfung ist Thema in Veranstaltungen der Erwachsenenbildung. 

Der Erntedanktag hat einen festen Platz im Kirchenjahr. Nach denen an Weihnachten sind Gottesdienste an Erntedank meistbesucht. Menschen sind dankbar für die Schöpfung, sie wollen das Geschenk des Lebens achten. Sie werden auf offene Ohren und Herzen stoßen, wenn Sie sehen lehren, welche Vielfalt in und um Alpenflüsse wächst und gedeiht, sich der Sonne entgegenstreckt, mit der Nase im Schlamm gründelt, sich fest verankert in den Boden krallt, mit dem Wasser um die Wette schwimmt und auf Schaumkronen tanzt. Staunen, Dankbarkeit … So wie es in einem Kirchenlied heißt, das 1680 von Joachim Neander gedichtet wurde:  

„Himmel, Erde, Luft und Meer / zeugen von des Schöpfers Ehr; /meine Seele singe du, /bring auch jetzt dein Lob herzu. // Seht der Wasserwellen Lauf, / wie sie steigen ab und auf; / von der Quelle bis zum Meer /rauschen sie des Schöpfers Ehr. // Ach mein Gott, wie wunderbar /stellst du dich der Seele dar! / Drücke stets in meinen Sinn, / was du bist und was ich bin.“ Ich danke Ihnen.

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