80 Jahre NS-kritische Denkschrift der Bekennenden Kirchen

Dachau, Versöhnungskirche
Sonntag, 5. Juni 2016, 11 Uhr

Liebe Schwestern und Brüder!

Europa, damit auch unser Land, steht vor großen Herausforderungen. Menschen aus aller Herren Länder kommen zu uns, um eine neue Heimat auf Zeit oder für immer zu finden. Kinder, Frauen und Männer suchen Sicherheit und ein Auskommen für sich und ihre Familien. Unsere Willkommenskultur hat ihnen allen einen freundlichen, ja herzlichen Empfang bereitet. 

Wir sind stolz auf ein Deutschland, das sich so offen und menschlich gezeigt hat. Uns allen ist zugleich klar, dass Integration eine große Aufgabe darstellt, deren Bearbeitung noch gar nicht richtig begonnen hat. Kulturen und Religionen treffen aufeinander, die sich bislang feindselig begegnet sind – von denen wir aber zu Recht erwarten, dass sie ein friedliches Miteinander pflegen, wie es unser bitter errungenes Ideal ist.  

Natürlich ist es auch unsere Pflicht, wenn wir über Frieden reden, über Christen und Juden zu sprechen. Darüber, dass es schon zu Beginn des Naziterrors Menschen gab, die befreit waren zum Widerstehen. Denn wenn mich etwas aufbringt, dann der Hinweis, dass man halt so dachte und die Zeit war, wie sie war. Das stimmt nie! Immer fängt Gewalt klein an, hat Phasen, in denen sie noch gestoppt werden kann.  

Immer gibt es Menschen die wachsam und kritisch sind - sie werden nur nicht gehört. Wenn wir über Frieden reden und uns für ihn einsetzen, ist es gut, das in aller Selbsterkenntnis und Demut zu tun. Und in Wachsamkeit: Denn wieder geht es gegen alles, was angeblich nicht deutsch ist. Der alte Antisemitismus ist wieder da, die Ausländerfeindlichkeit - gerne salonfähig gewandet, mit scheinbar intellektuellem Anspruch. 

Wie zwei Menschen, die sich lieben, an  ihrer Beziehung arbeiten müssen, müssen Gesellschaften, Völker und Nationen am Frieden arbeiten. Friede fällt nicht einfach vom Himmel. Friede – das ist richtig Arbeit, zu der es gehört, den Verstand einzusetzen, sachlich bleiben zu können. Friede braucht gut biblisch gesprochen Kraft, Liebe und Besonnenheit. Daran fehlt es im Moment häufig.

Der Willkommenskultur wird das notariell beglaubigte Ende bescheinigt. Wir treffen folgenschwere Abkommen mit ausländischen Machthabern, die fernab von Demokratie agieren. Die Länder Europas sind unwillig, sich mit der Flüchtlingsfrage human zu befassen. Ein politischer Rechtsruck nahezu überall ist festzustellen. Die entsprechenden Parteien bieten zwar keine Lösungen an,  befriedigen aber Ängste. 

Die SZ-Journalistin Cathrin Kahlweit hat vor dem Ergebnis der Bundespräsidentenwahl in unserem Nachbarland Österreich kommentiert: „Jede Verallgemeinerung, jede Verleumdung ist mittlerweile … hoffähig gworden… Wer … noch versucht, zu differenzieren oder zu mäßigen, der hat verloren.“ Frau Kahlweit berichtet auch von gefährlichen Verschwörungstheorien, die von ranghohen rechten Politikern verbreitet werden.

In Deutschland weist der Chef des Zentralrates der Muslime darauf hin, dass die AfD als erste deutsche Partei nach Hitlers NSDAP ein pauschales Urteil gegen eine ganze Religionsgemeinschaft, den Islam, fällt. Das Gespräch zwischen Muslimen und AfD wurde letzte Woche von der Parteispitze abgebrochen. Frieden? Kraft, Liebe und Besonnenheit? Weit gefehlt. Im Bibelwort zum heutigen Sonntag aus dem Epheserbrief heißt es: 

Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Gegenwart bewältigen und Zukunft gestalten kann nur, wer sich der Vergangenheit bewusst ist. Wer in Demut vor Gott lernt aus dem, was geschehen ist. Die Versöhnungskirche ist ein beispielhafter Ort, an dem  dies geschieht: Offen und deutlich werden die Verbrechen benannt, die unser Volk begangen hat. Dankbar werden aber auch die Namen derer genannt, die gekämpft haben gegen die Barbarei der Nationalsozialisten.

Sie sind Vorbild nicht allein bis, sondern auch für heute. Deshalb erinnern wir uns heute an die Denkschrift der Bekennenden Kirche, die die zweite „Vorläufige Kirchenleitung“ 1936, vor 80 Jahren vertraulich an Hitler sandte. Verfasst hat diese Denkschrift der entschiedene, radikale Flügel der Bekennenden Kirche, die sogenannten Dahlemiten um Martin Niemöller.

Seinen Sohn Heinz Herrmann heißen wir an dieser Stelle noch einmal ebenso von Herzen willkommen wie den Enkel von Friedrich Weißler, dem Büroleiter der Vorläufigen Kirchenleitung, der die Abfassung der Denkschrift mit seinem juristischen Sachverstand begleitet und gesichert hat. Es ist eine Ehre, dass Sie beide uns mit Ihrer Gegenwart beschenken!

Und wahrlich keine Selbstverständlichkeit - denn auch dieses Kapitel Geschichte verlangt nach selbstkritischer und wahrhaft "Schuld bewusster" Auseinandersetzung. Neben Martin Niemöller haben für den Rat der Deutschen Evangelischen Kirche Asmussen, Lücking, Middendorf und von Thadden unterzeichnet, für die Vorläufige Leitung der Evangelischen Kirche die Geistlichen Müller, Böhm, Fork, Fricke und Alberts. 

Man entbot Führer und Reichskanzler zunächst „ehrerbietigen Gruß“. Danach wird in einer Art Präambel dreierlei formuliert: Die evangelische Kirche weiß sich „mit dem Führer und seinen Ratgebern durch die Fürbitte eng verbunden, die sie öffentlich wie in der Stille für Volk, Staat und Regierung übt“. Dann wird gesagt, dass genau deswegen es möglich sein müsse, Sorge um die Zukunft von Kirche und Glauben zu artikulieren. 

Schließlich betonen die Verfasser, sie übergäben das Schreiben „im Gehorsam gegen den Auftrag Gottes, vor jedermann -  auch vor den Herren und Gebietern der Völker – ungescheut sein Wort zu sagen und sein Gebot zu bezeugen.“ Sie hoffen zugleich, dass aus ihren Worten sowohl „die Sorge um das christliche Gewissen als auch die Liebe zum deutschen Volk in gleicher Weise unmissverständlich erkennbar werden.“ 

In sieben Kapiteln wird mutig beschrieben, dass „massgebende Kräfte im heutigen Staate eine Unterdrückung der evangelischen Kirche, eine Zersetzung ihres Glaubens, eine Beseitigung der evangelischen Sittlichkeit, kurz eine Entchristlichung im weitesten Umfang betreiben.“ Die Denkschrift endet gleichermaßen unerbittlich deutlich wie erschreckend prophetisch: 

„Auch eine grosse Sache muss, wo sie sich gegen den offenbarten Willen Gottes stellt, am Ende das Volk ins Verderben führen. … Gottes Kirche wird bestehen… das deutsche Volk aber hat nicht die Verheissung, dass ihm das Gift eines antichristlichen Geistes nicht schaden werde, auch wenn ihm vielleicht erst nach langer Zeit die Erkenntnis kommt, dass es von denen, die ihm den Herrn Christus nahmen, um sein bestes Erbgut betrogen ist.“ 

Man darf anmerken, dass es wirklich lange gedauert hat, bis sich unsere Gesellschaft in allen Berufsgruppen der Aufarbeitung stellte. Längst nicht alle sind fertig damit – und schon dräut neues Unheil in Gestalt von Menschen, die vor allem eines tun: Sich fürchten vor unserer Zeit und ihren Herausforderungen. Man sieht grundlegende Prinzipien der Gesellschaft durch Vielfalt, Pluralismus und Toleranz gefährdet. 

Die Verfasser der Denkschrift kritisierten, dass  öffentlich entscheidende Begriffe des christlichen Glaubens wie Glaube, Liebe, Ewigkeit, Gebet und Auferstehung ihres „offenbarungsgemäßen Gehaltes entkleidet und rein innerweltlich-psychologisch umgedeutet werden“. Man beklagte, dass die kirchliche Ordnung zerstört und die Entkonfessionalisierung auf allen Ebenen, auch in der Schule vorangetrieben werde.

Dagegen erhielten „Blut, Volkstum, Rasse und Ehre den Rang von Ewigkeitswerten“ - was aber der evangelische Christ auf Grund des ersten Gebotes ablehnen müsse. Scharf wandten sich die Autoren auch dagegen, dass den Christen „ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhass verpflichtet.“ Dem steht, so die Männer der Bekennenden Kirche, das christliche Gebot der Nächstenliebe entgegen. 

Und schließlich, unmissverständlich der Satz: „Das evangelische Gewissen, das sich für Volk und Vaterland verantwortlich weiss, wird auf das härteste belastet durch die Tatsache, dass es in Deutschland, das sich selbst als Rechtsstaat bezeichnet, immer noch Konzentrationslager gibt und dass die Massnahmen der Geheimen Staatspolizei jeder richterlichen Nachprüfung entzogen sind.“

Denken wir daran - wir sind auch heute dem Rechtstaat verpflichtet. Ich wiederhole mich: Demokratie muss stets verteidigt werden. Ihr größter Feind ist der Trugschluss, sie sei nicht in Gefahr. Als wahre Patrioten stehen wir zu den Grundwerten der Demokratie. Wir sind eine Gesellschaft, die von profilierter Liberalität und deshalb von Verfassungstreue und dem klaren Ja zum demokratischen Rechtsstaat geprägt ist. 

Die Rückkehr zu angeblich traditionellen Werten wird propagiert. Neue Rechte und alte Linke beziehen ihre Einsicht aus nicht weiter ableitbarer, im Wortsinn arroganter Offenbarung. Sie setzen die Anfangsbedingungen seines Handelns als Wahrheitswert und von dort aus wird konsequent alles andere abgeleitet. Die Folge ist immer gleich: Eine Weltanschauung mit Ausschließlichkeitscharakter. 

Man ist nicht mehr in der Lage, die eigene Vorgehensweise grundsätzlich zu relativieren, weil die Relevanz von alternativen Bezugssystemen geleugnet wird. Eine Art „Logik der Dummheit“, die man heute wieder antrifft. Was für den aufgeklärten Zeitgenossen eine verhandelbare Position darstellt, ist für extreme Menschen eine Frage ums Ganze. Eben nicht verhandelbar. Ende der Argumentation.  

Hitler hat den Verfassern der Denkschrift folglich nicht geantwortet. Der Text wurde durch eine bewusste Indiskretion in der „New York Herald Tribune“ veröffentlicht - zwei Wochen vor der Berliner Olympiade. Kurz darauf erschien er in den „Basler Nachrichten“ und anderen Schweizer Zeitungen. Der Büroleiter Weißler, ein aufrechter Protestant jüdischer Herkunft, hatte den Text weitergegeben um das Ausland zu informieren. 

Weltweit rätselte man, wenn auch ohne größere Folgen, ob Hitlers wahres Antlitz und das seiner Schergen durch die Kritik der Kirche zum Vorschein gekommen, ob die evangelische Kirche komplett auf die Seite der Widerständler gewechselt war. Die Kirche war durch die Publiziät ihres eigentlich geheimen Schreibens gezwungen, zu ihrem eigenen Wort zu stehen.  

Das sollte in Form einer Kanzelabkündigung am 23. August 1936 geschehen. Die einleitenden Sätze lauteten: In diesem Jahre haben die jetzige Vorläufige Leitung und der Rat der Deutschen Evangelischen Kirche dem Führer und Reichskanzler eine Denkschrift zugeleitet, aus der die ganze Not und Sorge der evangelischen Bevölkerung Deutschlands sichtbar wird.“ Und weiter:

„Die Denkschrift ist Punkt für Punkt mit ausführlichem Beweismaterial belegt worden. Mit größter Gewissenhaftigkeit ist diese Denkschrift und ihr Inhalt vor der Öffentlichkeit, ja selbst vor den Gliedern der Bekennenden Kirche geheim gehalten worden, um dem Führer des Reichs Gelegenheit zu sachlicher Prüfung zu geben und gleichzeitig einen Missbrauch dieser Denkschrift in der Öffentlichkeit zu verhindern.“

Ab hier wurde es gefährlich: „Gegen unseren Willen und ohne jede Verantwortung der Bekennenden Kirche wurde die Denkschrift in der ausländischen Presse veröffentlicht und dadurch auch in Deutschland bekannt. Wir sind nunmehr gezwungen, öffentlich zu diesem Worte zu stehen. Wir müssen jetzt der Gemeinde bezeugen, was uns im Blick auf unser Volk und unsere Kirche bewegt.“

Im Oktober 1936  distanzierten sich die evangelischen Landeskirchen in Bayern, Württemberg und Hannover von der Denkschrift. Stattdessen lassen die Landesbischöfe Meiser, Wurm und Marahrens von allen Kanzeln das Zusammenstehen "unserer Kirche" "mit dem ganzen deutschen Volk" verkünden. Die erbarmungslose Jagd der Gestapo auf Autoren und Whistleblower begann. 

Fast 800 Pfarrer und Kirchenjuristen der Bekennenden Kirche wurden vor Gericht gestellt, unter ihnen auch Friedrich Weißler. Ihn prügelten und folterten im KZ Sachsenhausen SS-Wachmänner zu Tode. Gegen die Täter wurde tatsächlich in Verfahren eröffnet. Der Hauptbeschuldigte brachte sich in U-Haft um, ein anderer bekam wegen Totschlags eine einjährige Haftstrafe.

Traurig ist, dass die Bekennende Kirche sich offenbar an keiner Stelle für ihren Büroleiter und juristischen Berater Weißler eingesetzt hat. Man bezeichnete ihn nur als „ersten Märtyrer der Bekennenden Kirche“. Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender sagte 2005 in Sachsenhausen bei der Einweihung einer Gedenkstele: „Wir tragen als Kirche schwer an dem, was Friedrich Weißler angetan wurde. 

Verlassen war er nicht nur von der deutsch-christlichen Reichskirche … . Auch die Bekennende Kirche, für die Friedrich Weißler gearbeitet hat und als deren Glied er sich fühlte, trat ihm nicht zur Seite. ... Wir bekennen uns zu unserer Geschichte, die in diesem Fall eine Geschichte der Schuld ist.“ Ich bin dankbar, dass beim 70. Jahrestag der Denkschrift hier in der Versöhnungskirche würdigend Weißlers gedacht wurde.

Teuflische Verlockung ist es nach wie vor, sich der Pluralität anerkannt und gewünscht entziehen zu können und dafür den Schutz einer absoluten Autorität zu genießen. Unser Glaube verlangt aber ein Höchstmaß an kritischer Reflexion, ein individuelles Aneignen von Glaubensinhalten, ein persönliches Ein- und Geradestehen für die eigene Gewissensentscheidung. Ja, anstrengend. Aber dafür haben wir unser Hirn und Herz.

Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt … Durch ihn haben wir alle …  in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun … Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. 

Dieses Wort des Apostels verleiht der Sehnsucht Ausdruck, allem gewussten und erlebten Unbehaustsein in dieser Welt dennoch einen Ort zu geben. Unsere christlich fundierte Gesellschaft soll im Wort- und im übertragenen Sinn den schützenden Rahmen bilden, in dem Menschen elementare Bedürfnisse stillen, sich ausruhen, erholen, aufbrechen und zu neuen Ufern starten können.  

Der  Grund, das Fundament zu einer soliden Architektur unseres Lebens ist gelegt. Auf einem festen Fundament, auf dem unverrückbaren Eckstein Christus aufbauen zu können ist schön - in der Vielfalt, die möglich ist. Die eine gestaltet ihr Appartement mit Türen, die einladend offen stehen. Der andere wird vielleicht eine Trutzburg errichten, mit Graben und  Zugbrücken, die den Zugang nicht gerade leicht machen.

Manches Leben hat viele Erker, Ecken und Winkel, ist verschachtelt gebaut, zum Verlaufen. Ein anderes zeigt klare Linien, viel Licht, oder ist verspielt, mit Türmchen und Ornamenten. "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" sagt Jesus. Dieser himmlischen Vielfalt entspricht irdische existentielle Weite. Sie spiegelt sich im Angebot wider, das wir uns und anderen als Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen machen.  

Einzigartig, authentisch und integer, von Gott gerechtfertigt allein aus Gnaden – das sind wir selbst. Das sind die, die bei uns leben und wohnen, die, die uns um neue Geborgenheit und Heimat bitten, die unseren Schutz und Beistand brauchen. Die Welt ist Gottes Geschenk an uns – wir sind seine Erben. Zeitlich, räumlich und sozial. Wir sind seine Erben und Erbinnen bis in alle Ewigkeit. Amen.