Ökumenischer Gedenkgottesdienst zur Erinnerung an die Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling

Bad Aibling
14.Februar 2016

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Trauergemeinde!

Mit Hoffnungen und guten Wünschen begann das neue Jahr. Zuversichtlich wollte man in 2016 gehen und persönliche wie gesellschaftliche Herausforderungen angehen. Nicht einmal zwei Monate alt, hat das neue Jahr unendlichen Schmerz und großes Leid gebracht. Elf Menschen sterben, weil zwei Züge in voller Fahrt aufeinander prallen. Manche haben überlebt, schwer verletzt. Andere, leicht verletzt, sind mit dem Schrecken davon gekommen.

Unter bitteren Tränen müssen Väter und Mütter, Ehepartner und Freunde fassungslos zuschauen, wie ihre Liebsten nur noch tot geborgen werden können. Blühendes Leben – ausgelöscht von einer Minute auf die andere. Fragen werden laut: Geht es um technisches oder menschliches Versagen? Sachverständige sind mit solchen Überlegungen befasst und versuchen, erste Antworten zu geben. 

Die Frage nach Schuld und Verantwortung ist verständlich: Man will Ursachen kennen, Gründe wissen für das, was einem so unfassbar, so entsetzlich sinnlos vorkommen muss. Die Behörden ermitteln. Das ist die juristische Seite, die im Lauf der Zeit wohl geklärt werden wird. Die Polizei warnt umsichtig vor Spekulationen, die niemandem nutzen - schon gar nicht das Leid mindern. 

Denn am Elend der betroffenen Familien, an ihrer Trauer, ändern mögliche Erkenntnisse nichts. Sie, liebe Angehörige, haben den Verlust Ihrer Lieben zu beklagen. Nichts mehr wird so sein, wie es vorher war. In der Jahreslosung unserer Kirche für 2016 wird eine Zusage von Gott gemacht: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet“. Das mag erst wie ein massiver Widerspruch zu Ihren Erfahrungen klingen, liebe Trauernde.

Sie müssen einen Schmerz tragen, der Sie zu zerbrechen droht. Sie fühlen sich wie zu Boden geschmettert und allein. Die drängende Frage nach dem „Warum?“ lässt sich auch nicht beantworten – mit keiner noch so gescheiten Theologie. Es gibt Leid, für das wir keine Ursache ausmachen, keinen Grund finden, Leid, das wir nur miteinander aushalten, auf das wir aber keine Antwort geben können.

Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei Ihnen. Bei Ihnen, die Sie einen lieben Menschen verloren haben. Sie sind bei denen, die schwer verletzt mit dem Tod ringen. Sie sind bei allen, die überlebt haben und von Herzen dankbar sein dürfen. Miteinander wollen wir tragen, was unerträglich ist. Gemeinsam wollen wir das Leiden aushalten, das Jesus am Kreuz herausgeschrieen hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" 

In seiner Todesstunde, am Ende seiner Passion hat er erlitten, was Sie erleiden, was Ihre liebsten Menschen erlitten haben. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Jesus stirbt nach diesem Schrei der Einsamkeit  - aber er vertraut sein Leben Gott an. "Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist". Er spürt die Nähe Gottes am Kreuz, spürt seine Gegenwart auch am bitteren, qualvollen Ende des Lebens. 

Christus stirbt. Das ist unhintergehbare Wahrheit. Der Prophet Simeon hatte das Jesuskind in seinen Armen gewiegt, und zu Maria, der Mutter des Herrn gesagt: „Siehe, … er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen“ (Lukas 2, 28.34). Was damit gemeint ist, spüren Sie, liebe Trauernde, in schrecklicher Intensität. 

Wir alle begreifen: Nicht einmal das göttliche Kind, nicht einmal Gott selbst, bleibt verschont vom Widerspruch, von Sterben und Tod. Gott setzt sich den bittersten Erfahrungen aus, die Menschen machen können, um ihnen in ihrem Schmerz ganz nahe zu sein – dann, wenn durch die Seele ein Schwert dringt. Auf unser, auf Ihr Leid gibt es nur die eine, verzweifelt-zuversichtliche Antwort: Gott verlässt uns nicht und er weicht nicht von uns. 

Nicht an den Höhepunkten und nicht in den tiefsten Abgründen, in die wir fallen, nicht in den dunkelsten Tälern, durch die wir müssen. Alle, die für Sie, liebe Trauernde, in diesen Tagen da waren, da sind, die Rettungskräfte, Polizei, Feuerwehr, Bergwacht, die freiwilligen Helfer und Helferinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Familie und Freunde: Sie sind lebendige Symbole für die göttliche Zusage: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet“.

Christus leidet und stirbt mit uns. Das ist Wahrheit. Wahrheit ist aber auch, dass er aufersteht. Wir wollen miteinander tragen, was unerträglich ist. Und wir beten darum, dass wir gemeinsam spüren dürfen, dass Gott da ist - in dem, was wir nicht aushalten wollen und doch müssen. Wir sehnen uns nach der Gewissheit, dass unsere Toten bei Gott geborgen sind und sein Leben leben. Auferstehung: Wer geht, kommt zu Gott - daran halten wir fest. 

Die unter Ihnen, die leicht oder gar nicht verletzt überlebt haben, werden das Fest der Auferstehung hier und jetzt begehen. Den Tag des Unglückes künftig vielleicht als zweiten Geburtstag feiern - als einen Tag, an dem sie ihr Leben neu geschenkt bekommen haben. Diese Dankbarkeit sollen sie leben. Zugleich werden sie an die denken, für die dieses Datum das Ende ihres Lebens bedeutet hat - weil sie mit den Folgen leben müssen oder von uns gegangen sind.  

Und wir, die wir zurückbleiben, ahnen dunkel, dass neues Leben möglich ist, dass wir eines Tages sogar wieder zaghaft lächeln können. Das alles hat nichts zu tun mit der Redeweise, dass Zeit alle Wunden heilt. Das tut sie nicht. Wer stirbt, hinterlässt eine Lücke für immer. Dieser Mensch fehlt, ist niemals zu ersetzen. Wer sich mit körperlichen und psychischen Folgen einer Katastrophe abmüht, wird an Leib und Seele stets daran erinnert, was geschehen ist. 

Die, die geholfen haben, Rettungskräfte, Feuerwehr, Polizei, Seelsorgende werden die Bilder des Unglücks hoffentlich verarbeiten können, aber bestimmt niemals vergessen. Ich weiß, dass viele von ihnen bis in die Träume hinein von dem verfolgt werden, was sie gesehen haben. Die Zeit heilt überhaupt keine Wunden - mit Gottes Hilfe aber können wir auferstehen zu einem neuen Leben, in das das alte unauflöslich mit hinein gehört.

Wenn wir gebraucht werden und unsere Anwesenheit von Nöten ist, dann können und sollen wir das alle tun: Trösten, wo Trost erbeten ist. Klage und unaussprechlichen Jammer vor Gott bringen. Worte für die Stummen finden und mit denen schweigen, die sich nach Stille sehnen. In den Arm nehmen und die halten, die keinen Halt mehr haben. Mit Worten der Zuversicht auf ewiges Leben bei Gott alle segnen, die auf ihrem letzten Weg geleitet werden. In der Ohnmacht ein kleines Hoffnungsfenster öffnen.

„Ich will dich trösten wie einen seine Mutter tröstet “ – die Wahrheit dieser göttlichen Zusage erweist sich in allem, was Menschen für andere an Liebevollem und Fürsorglichem tun. Sie erweist sich in der Kraft, die einem zuwächst, wenn man sie nicht mehr erwartet und auch nicht aus sich selbst heraus nehmen kann. Gott ist bei Ihnen, weil er als wahrer Mensch weiß, was Leiden ist - und als wahrer Gott das Leiden in ewige Geborgenheit aufhebt.

Ich bin gewiss, sagt der Apostel Paulus, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Uns bleibt, auf Gott zu bauen, der uns, den Kindern, Frauen und Männern ein ewiges Zuhause bei sich, in seinen Armen verspricht: Heute, alle Tage, über unseren Tod hinaus.

Amen.